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Neue Nationalzeitung · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24. wankte nicht und Herrn v. Königswartc r blieb nichts anderes übrig, als aus demselben auszutreten. Daraufhin wurde der Überrabbiner stille. Aber immer wieder, als er seine Zeit gekommen glaubte, erhob er sein Haupt, tauchte jedoch immer wieder unter, sobald er auf kräftigen Widerstand stiess. Und selbst noch unter dem Präsidium des alten, biederen Arminio Cohn konnten seine hierarehi-, sehen Gelüste keine Befriedigung erlangen. Mancher Ihrer älteren Kollegen im \ erstand wird sich sicherlich noch einer sicheren Zuschrift erinnern, die der damalige Vorstand an seinen Oberrabbiner richtete, die dieser allerdings zurückzusenden sich schon getraute. Aber es half ihm doch nichts; der Vorstand erwies sich als der Stärkere. Er wusste die Aspirationen des Oberrabbiners mit Nachdruck in bescheidene Grenzen einzudämmen und die eigene Würde und Selbständigkeit zu wahren. Dieser Mann hier (auf den Sekretär zeigend) und die Akten, in denen er wühlt, könnten Ihnen so manch Interessantes hierüber erzählen. (Bei diesen Worten macht der Sekretär eine Bewegung; es fallen dabei ganze Faszikel auf den Boden, er ist bemüht, sie aufzuheben und scheint die Apostrophe überhört zu haben.) Seither ist es allerdings gründlich anders geworden. Das Niveau dieser einst so imponierend und wegweisend dastehenden Körperschaft sank immer tiefer und tiefer, das Präsidium wurde immer matter und hilfloser und folgerichtig stieg der Einfluss des Oberrabbiners immer höher und höher, und wahrlich nicht zum Heile der Gemeinde. J. Vorst.-M. (stark erregt): Unerhört! Unerhört! So kann nur ein Mann sprechen, der in einem versumpften Eiberaiismus grau geworden und stecken geblieben ist, an dem die verjüngenden Strömungen der beiden letzten Dezennien spurlos vorübergegangen, der deshalb auch kein Verständnis für die Verjüngungsarbeit des dermaligen Kultusxorstandes hat. So kann nur ein verbohrter Liberaler urteilen, der alles Eicht auf die eine und allen Schatten auf die andere Seite häuft, um die Wirksamkeit eines verflossenen Kultusvorstandes glorifizieren und das segensreiche Schaffen des gegenwärtigen schwärzen zu können ... Greis: Und worin, wenn man fragen darf, besteht eigentlich dieses segensreiche Schaffen? J. Vorst.-M. (in Hitze): Worin? Das weiss Jeder, der nicht von Missgunst erfüllt ist. Wer hat das jüdische Bewusstsein in der Gemeinde so mächtig geweckt? Wer hat die Verirrten auf den rechten Weg gebracht, die Verlorenen gerettet, den Glauben gekräftigt, die Synagogen gefüllt, das jüdische Vereinswesen belebt, die Massen für Belehrung empfänglich gemacht, den religiösen Indifferentismus überwunden, den Sinn für jüdisches Volkstum wachgerufen ..... Greis (einfallend): Nun wer? L. (Fortsetzung folgt.) Die geehrten Abonnenten, die sich aufs Land oder in die Kurorte begeben, können gegen Angabe ihrer genauen Adresse die Zeitung in ihren jeweiligen Aufenthaltsort nachgeschickt erhalten. ©ei» jüdische Rclißionsunteppichh Bemerkungen zu dem neuen Lehrplan für den Religionsunterricht an Volksuad Bürgerschulen in Wien. Von Dr. Max Grtinfeld, k. k. Religions-Professor. Je mehr sich die Erkenntnis Bahn bricht, dass die häusliche Erziehung unserer Jugend in den meisten Fällen eine solche ist, welche befürchten lässt, die in den weitesten Gesellschaftsklassen eingerissene Gleichgültigkeit in religiösen Dingen werde zu einem vollständigen Niedergänge unseres ganzen jüdischen Lebens, der Kenntnis unserer Religion, der jüdischen Geschichte und Sittenlehre führen, desto mehr beginnt man in Kreisen, die sic h ihr jüdisches Herz bewahrt haben und wissen, was der Jugend frommt, die Bedeutung des Religionsunterrichtes zu erfassen und ihn immer mehr auszugestalten. Aus diesem Bestreben ist auch der vorliegende neue Lehrplan für den Religionsunterricht an Volks- und Bürgerschulen hervorgegangen, der, gestehen wir es, ein gut Stück Arbeit darstellt und geeignet ist, als Xormalplan für alle Schulen Oesterreichs zu dienen. Gerade deshalb aber ist es notwendig, dass Pädagogen ihn studieren und mit ihren Erfahrungen ergänzen und verbessern. Vor allem sind folgende Grundsätze festzuhalten: Der jüdische Religionsunterricht nehme auf die Bedürfnisse der Zeit Rücksicht, d. h. sein Hauptbestreben sei, der Jugend das jüdische Leben, wenn ich so sagen darf, die Praxis des Judentums, lebhaft vor Augen zu führen. Wir machen folgende Wahrnehmung: Es gibt Schüler, welche die biblische Geschichte sehr gut kennen, siebleiben uns keinen Namen irgend eines jüdischen königlichen Götzendieners schuldig, von der Liturgie aber haben sie keine Ahnung, das Lesen des Hebräischen ist für sie eine Qual, und für den Lehrer eine Tortur, das Gebetbuch ein Buch mit 7 Siegeln, und von jüdischen Gebräuchen wissen sie weniger, als von denen im alten Aegypten und modernen Japan. Daher meine ich, im neuen Lehrplane für Volks- und Bürgerschulen könnte die biblische Geschichte etwas konziscr, mehr zusammengefasst, mit Vermeidung aller Details ihre Stellung finden. Sie kann in den 5 Volksschulklassen ganz gut bis zum Ende des Buches der Könige geführt werden. Die Einteilung der Geschichte, wie wir sie in diesem Lehrplane vorfinden, kann aus dem Grunde unsere Billigung nicht finden, weil sie eine höchst ungleichmässige ist. Man höre: In der dritten Bürgerschulklasse soll die ganze nachbiblische Geschichte \on der Makkabäerzeit bis auf die Gegenwart durchgenommen werden, das ist ein Pensum, welches nicht einem, sondern drei Schuljahren entspricht. Ist überhaupt die jüdische Geschichte des -Mittelalters und der Neuzeit ein Gegenstand des Unterrichtes für die Bürgerschule? Hat man diese nicht mit den Mittelschulen verwechselt? Weiss man, welche Voraussetzungen für das gründliche Lehren 'und Lernen der jüdischen Geschichte, sagen wir vom Jahre 70 bis auf die Gegenwart gestellt werden müssen? ,,Xe quid nimis", das ist ein Grundsatz, der insbesondere für den Religionsunterricht aufrecht zu erhalten ist; nichts zu viel, denn das ist liier wirklich ungesund, l'nsere konkreten Vorschläge wären also: Man führe in kurzen Zügen die biblische Geschichte in den 5 Yolksschulklassen

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