Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. stand sie eingelullt, aufrütteln. Ihre bescheidenen Fähigkeiten, sowie ihre tadellose Fügsamkeit bürgen dafür, dass sie keine Revolutionäre sein und ihrem Herrn und Gebieter keine Beschwerden bereiten werden. Sie fühlen sich glücklich im Amt, sie sind froh. Gehülfe,i des Gberrahbiners, ergebene Beamte seines Schattens zu sein! J, Vorst.-M.: Manches., was Sie sagen, ist ja zweifellos richtig: .aber wir sind ja nur Menschen, wir können leicht auf dem Wege eines ehrlichen Strcbens irren. Aber sagen Sie doch, war der Kultusvor-tand von ehedem, dem auch Sie einmal angehörten, um soviel besser? Waren seine Mitglieder uns HcuPgcn gegenüber Helden, Genies? Greis: Gewiss nicht. Es waren Menschen, belastet mit denselben Fehlern und Schwächen wie die heutigen; aber sie -- zum mindesten die führenden Männer -■ wüsten, was sie wollten und setzten es cm rgisch durch. Sie hatten da- Bestreben, -elbstständig zu sein, auf eigenen Füssen zu stehen, mit eigenen Augen zu sehen und eigenen (>hren zu hören. Sie haben sich nicht als Spielball eines Rabbiners, mochte dieser sich auch noch s:> grosse Verdienste um die Gemeinde er\\i>rben haben, gebrauchen lassen. Sir hielten viel auf die Hnnbhängigkeit und wahrten peinlich die Reputation des Kultusvorstandes. Lh will Ihnen zur Illustration meiner Behauptung ein klassisches Beispiel "orführen : Sie haben sicherlich von dem Prediger Mannheimer schon gehört, dessen segensreiche Institutionen noch bestehen, bei denen wir leider stecken gi blieben und hinter welche wir sogar zurückgegangen sind. Prediger Mannheimer war der Vater seiner Gemeinde, der wahrhaft selbstlose Förderer alles Edlen und Schönen, der die Vornehmen und Reichen nicht schonte, die Armen und Elenden beschützte. Tag und .Yacht für das Wohl der Gesamtheit und des Einzelnen eine aufreibende Tätigkeit entfaltete. Er war der edle Hirte, der sein Leben für seine Herde einsetzte. Er schonte nicht, wie mancher Rabbiner von heute, den Beutel der Reichen, galt es Not zu lindern; er pochte vielmehr immer wieder an ihre Türen, sie mit strafenden Worten an ihre Pflicht gemahnend. Harum verehrte ihn auch seine Gemeinde, wie niemals einen Rabbiner nach ihm, darum liebte sie ihn wie den Apfel ihres Auges. Darum genoss er die hingebungsvollste Bewunderung von Arm und Reich, von Vornehm und Gering. End soll ich noch von seiner hinreissenden . Beredsamkeit sprechen, von der grossen Begeisterung-, die er auf der Kanzel erweckte? Selbst ein A' genzeuge vermöchte sie nicht zu schildern. End selbst von diesem von ihm angebeteten geistlichen Führer und Berater Hess sich der damalige Kultusvorsta.nd in seinen Entschlüssen nicht beeinflussen, in seiner Selbständigkeit nicht beeinträchtigen. J. Vorst.-M.: Beweise! Beweise! Greis: Ich bin um selbe nicht verlegen. Hier der Beweis: Die jüdische Gemeinde in Wien war zahlreich angewachsen, sie bedurfte eines zweiten Gotteshauses. Der Tempel in der Leopoldstadt wurde erbaut, und nun sollte ein zweiter Prediger mit der Anwartschaft auf die Nachfolge Mannheimers angestellt werden. Nun hatte Mannheimer einen Liebling, einen Hausfreund, so einen Hausbiograph. Es war dies der Religionslehrer Gerson Wolf. Ihn hätte er für sein Leben gern als zweiten Prediger und als seinen Nachfolger angestellt gesehen. Allein der Kultusvorstand, der sonst für seinen so innig geliebten und verehrten Hirten das Blaue vom Himmel herabgeholt hätte, weigerte sich entschieden, den Wunsch Mannheimers zu erfüllen und wahrte sich die volle Freiheit und Selbständigkeit in der Wahl eines künftigen Predigers. Denn hier handelte es sich um das Wohl der Gemeinde, und da massten alle anderen Rücksichten schweigen. Es galt, den richtigen. Mann für die mächtig aufstrebende jüdische Gemeinde ausfindig zu machen, die geistige Führung in die geeignetsten Hände zu legen, jedes einzelne Mitglied des Wirstandes war sich der schweren Verantwortung, die auf ihm lastete, bewusst und nahm sie nicht auf leichte Schultern. .Man fahndete nach einen' besten Kraft, nach einem Werdenden, der in jedem halle Fond genug hatte, um die von ihm gehegten Erwartungen erfüllen zu können. Kaufleute, die auf Geschäftsreisen gingen, forschten überall nach einem solchen. Da, kamen Leute und berichteten, sie hätten einen solchen in Leipzig entdeckt, in der Person des noch jungen Gelehrten und \ orzüglichen Kanzeircdners Adolf J e 1 1 i n e k. Sie rühmten von ihm. dass sie ihn an verschiedenen Sabbathen vor ga; iz leerem Gotteshause predigen und dabei tiefe Gedanken entwickeln hörten, als spriiehe er \or einem gefüllten Hanse, mit einer Begeisterung und Verve, als hätte er eine ganze Welt zu erwärmen und zu belehren. Er sei ein Mann, dem das Ltdiren Bedürfnis, der predigt, nicht weil es verlangt wird, sondern aus innerem Drang, der würde in Wien an seinem Platze sein. Alan berief ihn zur Probcpredigt. und er errang im Sturm den ungeteilten Beifall der Gemeinde mit seiner Predigt, deren sehr bezeichnendes Thema lautete: ..Jeder Mann hat seine Zeit und jede Zeit hat ihren Mann". Man fühlte sofort, dass dies der Mann der kommenden Zeit sei! . . End nun urteilen Sie selbst, wer von beiden ungleich höher stand, ungleich freier und selbständiger sich bewegte: der Kukusvorstand von damals .»der der von heute? Entscheiden Sie ferner: Welche Wahl war eine glücklichere, ehrenvollere und segensreichere, jene, welche der Kultusvorstand vor einem halben Jahrhundert völlig unbcemflussr von seinem, wenn auch innig geliebten und verehrten Seelenhirten getroffen, 'oder die letzthin von dem dermaligen Kultusvorstandc unter der Aegide seines weit weniger geliebten Oberrabbiners' vorgenommene Auslese von Zukunftsrabbinern? J. Vorst.-M.: :schweigt. 1 Greis ifortfahrend): End so behauptete der Kultusvorstand noch lange seine volle Selbständigkeit, indem er sich weder von dem Rabbiner rechter, noch von jenem linker Seite beeinflussen oder gar beherrschen Hess und jeden Verstoss energisch abwies. Ja, der Mann hatte von allem Anfang auf Grund einer Breslauer „Neuorthodoxie" nach Einfluss gestrebt, damals noch unbekümmert darum, ob er durch Bekämpfung der Jellinekschen Richtung den „Frieden der Gemeinde" störe. Aber seine Zeit Wjjr noch nicht gekommen. Im Vorbeigehen nur ein Beispiel: Der Kultusvorstand beschloss, ein deutsches Gebet in den Tempel einzuführen. Darob Proteste seitens des Oberrabbiners und seines Anhanges. Der vielvermögende Vertreter dieser Partei im Kultusvorstand, Baron Moritz Königswarter, wetterte gegen diesen Beschluss des Vorstandes. Aber es half alles nicht. Der Vorstand wich und!