Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. ftr. & BUBEN BRA1N1N (Berlin) : ß&a£imilian Warden. In Deutschland spricht man wieder einmal viel, sehr viel überjvlaximiljan Harden. Lnd zwar in ganz verschiedenen Tonarten: JJa zieht man ihn in den Kot, dort hebt anan ihn bis in den Himmel, l'nd so reden die Leute und schreiben die Zeitungen viel über Maximilian Harden. Es ist ja nicht zu verwundern: Er führt einen Kampf gegen .Leute, {die bei Hofe personae gratissimae waren, gegen intimste Freunde Wilhelms des Zweiten, einen Kampf, de=sen Ende nicht so bald abzusehen ist. Dadurch ist seine Persönlichkeit ein „öffentliches Problem" geworden, das viele Geister in Europa beschäftigt. AVer ist nuil|dieser Maximilian Harden? Kurz geantwortet: Ein deutscher Schriftsteller. Andere Titel hatver nicht. Er ist weder Doktor, noch Professor, noch Geheimrat, noch sonst etwas — nur Schriftsteller, aber ein grosser. Und noch mehr: Er ist eine Persönlichkeit (im individuellen. Sinne), ein Charakter und vornehmlich eine Kampfnatur. In Deutschland ist er wohl jetzt der grösste Publizist, einer der bedeutendsten Thcaterkritiker und Literaturkenner. Sein Unglück aber und die Tragödie seines Innern Menschen ist es geworden: das Taufwasser. . . . Heinrich Heine [ hat einmal die .Worte gesprochen: „Das Judentum,ist ein Unglück". Aber gerade er selbst hat durch sein ganzes Leben und die Wirkungen der Gaben seiner Muse auf die Nachwelt etwas anderes bewiesen: Die Taufe ist nicht sowohl für ein Talent als vielmehr für einen grossen Geist — ein Unglück. ... Kein Missverständnis: Hardens .Unglück besteht weniger darin, <$dass ihn beinahe alle antisemitischen Zeitungen besudeln und „Jud" schimpfen. Durchaus nicht! Aber ,da.rin ist es wohl zu suchen: er findet selbst bei seinen Verehrern, keinen Glauben, .Wieso das kommt? > Die Welt kalkuliert wohl ungefähr so: Ein jüdischer Schriftsteller, der sich getauft hat, der mit dem alten Glauben jseincr Eltern und Ureltern gehandelt hat und [über Nacht aus dem „polnischen Juden" (Harden stammt von polnischen Eltern ab, ist Ostpreusse und heisst eigentlich Witkowski) zu einem der allerteutschesten Patrioten wurde, ist gewiss ein Streber, ein Literaturschwindler u. dgl. . . . Und wenn ein Mensch seinen Glauben hingibt, sich von seinem Volke lossagt — können wir ihm dann glauben, er kämpfe wirklich nur für die reine Wahrheit, für die wahre Grösse Deutschlands? . . . Vielleicht will er dabei nur ein Geschäftchen machen! Vielleicht will er durch die ganzen Machinationen seinem Wochenblatt „D;e Zukunft" eine grössere Verbreitung verschaffen! Es gibt ja viele solche Leute, die an solchen Sensatiönchen und Skandalartikeln grossen Gefallen finden. So denken und urteilen wohl viele. . . . Vor fünf Jahren hat Harden einen schweren Kampf gegen August Bebel und den sozialistischen Schriftsteller Mehring geführt. Seine Artikel ge- gen die sozialdemokratischen Führer waren sehr scharf, giftig, mit »Talent und Eleganz geschrieben. Ihren grossen Eindruck Jiaben sie deshalb auch nicht verfehlt. | Da hat der alte Bebel keine bessere Waffe der Verteidigung gegen diese Angriffe gewusst, als die Welt daran zu ^erinnern, dass Herr Maximilian mit seiner ganzen Familie getauft ist. Und was könne man von einem .Menschen erwarten, der aus seinem Glauben ein Geschäft macht? Und was Bebel sagt oder schreibt, hat in Deutschland seinen Klang. . . Diese Polemik war für Harden der Anlass zu einer öffentlichen Erklärung. Eine Art Beichte. Mit Tränen in den Augen hat Harden von seiner traurigen, verwahrlosten Jugend erzählt. Wie er das Gymnasium verliess, um «ein freier Mensch zu werden, frei wie ein Vogel, wie es ihn zur Bühne gewaltig hingezogen hat, wie er in Berlin im Alter von 16 und 17 Jahren gehungert hat und sich taufen liess, weil er nichts vom Judentume wusste, er nie etwas von seiner Grösse erfahren Ji^tte. . . . Doch als er älter wurde, da hätte ihm ein anderes Licht geleuchtet : Immer mehr und mehr ging ihm der Geist der christlichen Lehre ein, \immer mehr begriff er das Christentum; kurzum: schon im Mutlerleibe war er ein Getaufter. . . . Damals zum erstenmale hat Harden ein erbarmungswürdiges Gesicht gemacht..... II. Trotz alledem: Harden (äst eine literarische, starke, scharf ausgeprägte Persönlichkeit. Vor kurzer Zeit, 1 während des sensationellen Moltke-Harden-Prozesses, der noch so viele Keime zu Sensationen in (sich barg, hat sich die Redaktion des Wochenblattes „Der Morgen"*) an bekannte Publizisten und Politiker mit der Frage gewandt: „Was denken Sie ^über Maximilian Harden als Schriftsteller und Mensch?" Die, im „Morgen" abgedruckten Antworten enthalten begeisterte Sätze über Hardens grosses literarisches Talent, seine ausgedehnten, tiefgehenden literarisch-künstlerischen Und politischen Kenntnisse. Selbst seine politischen und literarischen Gegner haben zugeben müssen, dass er ehrlich und vornehm im politischen Kampf ist. Er sucht nicht, wie gewisse Briganten der Feder, Skandal-Geschichten, die die Welt in Atem halten, um daraus einen geschäftlichen »Ntutzen zu ziehen. Er sucht die politischen Sünder in den höchsten Kreisen, um Deutschland von niedrigen und schmutzigen politischen Intriguen rein zu halten. III. Seine unglückliche Erziehung (eine Erziehung, wie sie noch heute in assimilatorischen Kreisen zu finden ist), das Milieu und seine unglückliche Jugend Hessen Harden «von seinem Volke abfallen, aber alles an ihm, seine Art gegen seine Gegner zu kämpfen, seine Schreibart 'ist jüdisch. Obwohl Harden ein Freund Bismarcks iwar und den Urdeutschen jetzt spielen möchte, mit einem Stich ins Junkermässige, •) Der „Morgen" wird von berühmten Gelehrten (u. a Sombart) redigiert und ist ein Konkurrenzblatt der „Zukunft" was ja von Interesse ist.