Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. „Neue Nation al-Zeirung" Seite 7. lamentarische Repräsentation des jüdischen Volkes zu diskreditieren und lächerlich zu machen. Und darum drängt sich gebieterisch die Frage auf: Mussten die Herren Dr. Straucher und Dr. Mahl er die Angelegenheit mit ihrem Klubgenossen vor der Oeffentlichkeit austragen? Mussten sie sich nicht vielmehr darüber klar sein, dass sie dadurch das Prestige ihres Verbandes schwer schädigen? Nach genauer Prüfung der ganzen Sachlage müssen wir gestehen: Dr. Strauch er und Dr. Mah- 1 e r konnten nicht anders handeln. Die Interpellation Dr. G a b e 1 s war eine unvernünftige Provokation der christlichen Bevölkerung, eine schwere Beleidigung der katholischen Kirche und hätte für die Juden von höchst unangenehmen Folgen sein können. Der Aufsatz, den irgend ein Gymnasiast in der Lemberger „Moriah" (Monatsschrift für die jüdische Jugend) verbrochen hat und dessen einzelne Phrasen wie: „Das katholische Rezept ist ein Rezept tierischer Denkungsweise" oder „Die Geistlichkeit der katholischen Kirche besteht aus christlichen Henkern" usw. nur das Produkt einer kindisch-krankhaften Phantasie sein können, durfte nicht in ach Ider Konfiskation durch eine Interpellation des jüdischen Klubs immunisiert werden. Die Juden in Oesterreich haben keinen Grund und keinen Anlass, die katholische Kirche zu provozieren und zu beleidigen. Der Kampf der Christlichsozialen gegen uns ist kein Kampf der katholischen Kirche; wenigstens w ar er es bisher nicht. Wir dürfen den Fehdehandschuh gegen die Kirche nicht zuerst aufheben. Diese Hetze können sich eventuell die Sozialdemokraten oder die Hock-Partei gönnen; wir haben eine genug schwere Aufgabe zu erfüllen, indem wir unsere Posten gegen Angriffe verteidigen. Diese jüdische Taktik der Defensive hat das jüngste Mitglied des jüdischen Klubs plötzlich, auf eigene Faust, umgestossen. Er hat den ganzen Klub engagiert und in eine Position geschoben, die leicht zu seiner moralischen Vernichtung führen könnte. Diese Gefahr ist nun beseitigt; den Christlichsozialen ist die Gelegenheit zu einer lustigen Judenhetze durch die Aufklärung Dr. Strauchers benommen. Allein der weitere Bestand des jüdischen Klubs ist arg gefährdet. Die latente Krise in seiner Mitte ist offenkundig zu Tage getreten. Ein alter und erfahrener Politiker wie Dr. Strauch er kann eine Lemberger Gymnasiasten - Politik nicht mitmachen; die zerfahrenen Verhältnisse in der Wiener Zionistengruppe haben in ihm nur Widerwillen erregt. Wenn sich Dr. Straucher diese seine Stützen ansieht, dann mag er wohl, auf seine politische Vergangenheit zurückblickend, mit Ibsens „Volksfeind" denken, dass derjenige am stärksten ist, der allein steht. * Die Gymnasiasten der Lemberger „Moriah" haben einen seltsamen Bundesgenossen gefunden. Auch so einen Mann, der in schriftlichen Enunziationen die katholische Kirche beschimpft. Dieser Mann ist nicht so jung; er ist vielmehr schon sehr alt. Also nicht mehr kindisch, sondern mehr — senil. Dieser Herr schreibt an eine christliche Schriftstellerin einen sieben Seiten langen Brief, in dem er das Christentum verspottet. Dieser Brief wurde bereits in einem antisemitischen Blatte auszugsweise veröffentlicht, und sein Verfasser ist niemand anderer als unser hochverehrter — Oberrabbiner Dr. Güdemann. Nun, da wird man sich doch an den Kopf greifen und fragen: Ist der Herr Oberrabbiner noch nicht in Steinhof? Ich kann aber bestimmt versichern, dass er schon in Baden ist. Die Entrüstung, die gegen ihn infolge der Publikation des „Deutschen Volksblattes" in den weitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung besteht, lässt ihn kalt. Er hat ja den Kultusvorstand in seiner Hand. Wird sich der Vorstand unterstehen, ihn zu desavouieren, ihn zu rügen, oder gar — wie es ernste, massgebende Persönlichkeiten verlangt haben -- ihn zur Demission aufzufordern? Das wird doch von diesem Kultusvorstande wirklich niemand im Ernste verlangen. Dort besteht jetzt nur ein Bestreben: zu vertuschen! Die Autorität des Oberrabbiners, und mag er auch in einem Anfalle von Wahnsinn eine brennende Fackel auf angehäuften Zündstoff hinschleudern, muss gewahrt bleiben. Arme Gemeinde, irme Schäflein! Was soll aus Euch werden, wenn Euer Oberhirte nun selbst den Verstand verloren hat? . . . * Die Schriftstellerin, an die Herr Dr. Güdemann jenen Brief gerichtet hat, heisst Kamilla Theimer. Ihre Broschüre „Antisemitismus und Nationaljudentum" wurde von Herrn Stand in einer Parlamentsrede rühmlichst herausgestrichen, wie - wohl sie lediglich eine Sammlung von antisemitischzionistischen Lesefrüchten ist; der „Zionistische PYauenverein" hat ihr zu Ehren einen Abend veranstaltet, und die zionistischen Parteigrössen Wiens haben sich an ihre Rockschösse geklammert. Diese Dame ist heute Ober-Beamtin im Arbeits- Ministerium Dr. Gessmanns und in einem Artikel des Verganischen Volksblattes hat sie ihren Eintritt in die antisemitische Partei angekündigt. Von dort droht sie uns mit verschiedenen Enthüllungen, die zum „Falle Feilbogen" noch den „Fall Theimer" hinzu gesellen sollen, „wenn es die anständigen Juden für opportun halten". Was sagen dazu ihre bisherigen Protektoren?... Dr. S. R. Landau. jK0RR6SPONDeNZgN ßeutsches Reich. Das Berliner AUiance-Komitee. Berlin. Am Sonntag den 31. Mai hat im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde unter dem Vorsitze des Herrn Geheimrat Goldberger die General-Versammlung der A 11 i a n c e Israelitc U n iverseile stattgefunden. Der Geschäftsführer Herr M. A. Klausner erstattete an der Hand des im Drucks ausgegebenen Jahrbuches 1907 der Alliance den Jahresbericht und legte die besondere Tätigkeit des Lokal-Komitees Berlin und seiner Unterstützungs-Kommission im Zusammenhang mit dem Wirken des Deutschen Bureaus und der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Uni verseile dar. Die Alliance hat im Jahre 1907 für die von ihr in drei Erdteilen unterhaltenen und geförderten 142 Knaben- und Mädchenschulen und Lehrlingsanstalten einschliesslich von Ackerbauschiulen 1,529.831,54 Francs ausgege-