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Neue Nationalzeitung · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. äS. „Staue Naoonal-Zeirang' Seite 3. ©ie israelitische Allianz zu tyhn. (Generalversammlung.) . W i e n, am 28. Mai. Die 35. ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zuiWien" fand gestern abends um 6 Uhr im Saale der israelitischen Kultusgemeinde statt. Den Vorsitz führte in Vertretung des von Wien abwesenden Präsidenten David R. v. Gutmann Herr Vizepräsident Dr. Alfred Stern, Der Vorsitzende eröffnet die Versammlung mit einer Begrüssung der erschienenen Mitglieder Und gedenkt im Anschluss an den im Jahresbericht enthaltenen Nachruf in warmen Worten der während des verflossenen Verwaltungsjahres verstorbenen Freunde und Förderer der Allianz. Er hebt in erster Reihe die grossen Verdienste des erst vor kurzem dahingeschiedenen Präsidenten des Frankfurter Hilfskomitees, Herrn Charles L. H a 11 g a r t c n, hervor, der die grossen internationalen Hilfsaktionen zu Gunsten unserer bedrängten Glaubensgenossen mit unvergleichlicher Hochherzigkeit, mit seltener persönlicher Hingebung gefördert jund dessen Hinscheiden für die gesamte Judenheit einen unersetzlichen Verlust bedeutet. Er erwähnt ferner den verstorbenen Ehrenpräsidenten der Filiale in Triest, Herrn Oberrabbiner S. R. AI e 11 i, sowie das erst vor wenigen Tagen durch den T od entrissene Vorstandsmitglied Herrn Emanuel B a u in g a r t e n, der der Leitung der Allianz jseit ihrer Gründung angehört hat. Die Versammlung erhebt sich zur Kundgebung der Trauer von den ^Sitzen. Zum ersten Punkt der Tagesordnung: „Bericht über die Tätigkeit des Vereines" stellen mehrere Mitglieder den Antrag, fvon einer Verlesung des Jahresberichtes abzusehen, da derselbe, wie alljährlich, einige Tage vorher (den Mitgliedern zugegangen ist. Der Antrag wird genehmigt und der Bericht zur Diskussion gestellt. Der Jahresbericht. Aus dem vorliegenden Jahresberichte ersieht man, welches Gefühl jüdischer Solidarität und jüdischer Opferwilligkeit die österreichischen Juden beseelt. Die kolossalen Beträge, welche beim Ausbruche antijüdischer Exzesse im Auslande in den Österreichischen Kultusgemeinden spontan aufge - bracht werden, zeigen, dass die Existenz der Allianz damit gar nichts ,zu tun hat. Sie ist nichts anderes als eine Sammelstelle, ein Exekutivorgan, bei der das Geld ein- und ausgeht. W ürde sie nicht bestehen, dann könnten die Gemeinden einfach ihre Sammlungen nach Paris dirigieren. Wozu daher die Allianz lausenden von Mitgliedern Jahresbeiträge abnimmt, ist uns nicht klar. Vor Jahren allerdings, da hatte sie noch kulturelle und wirtschaftliche Zwecke. Dieselben sind seit einem Jahrzehnt fast ganz ausgeschaltet; die paar Tausend;Kronen, die dafür ausgegeben werden, sollen doch nur den Zweck haben, die wirkliche Sachlage zu verschleiern. Wie grossartig klingt der § 2 ihrer Statuten: „Der Verein bezweckt, dort, wo Israeliten als solche noch zu leiden haben, ihnen eine wirksame Stütze zu bieten." 1 Haben denn die Juden in Oesterreich selbst wegen ihres Judentums wenig zu leiden? Wenn man nur daran denkt, dass in Wien und Oesterreich seit einem Jahr für antisemitische Zeitungsgründungen und Presszwecke unter hoher Pattfonanz Millionen aufgbracht werden — Millionen zur Hetze gegendie Juden!... WTas tut die Allianz? . . . Sie wartet, bis in Russland ein Pogrom; oder (in Rumänien eine Vertreibung ausbricht. Dann sammelt [sie Geld und verteilt es. Und diese Leute sind unsere Versorger 1 . . . Die Haupttätigkeit hat die Allianz im Berichtsjahre in Rumänien entwickelt. Wir lesen! „Er (der Bericht) zeigt auch in erfreulicher Weise, dass die österreichische Judenheit bei den grossen Hilfswerken für die verfolgten Glaubensgenossen nicht nur nicht zurücksteht, sondern, manchmal auch den ersten Platz einnimmt. So war es im vorigen fahre der Fall mit Bezug ,auf die internationale Aktion zugunsten der Opfer der Judenexzesse inRumänie n. Die Wiener Allianz hat da, wie erinnerlich, sofort mit grosser Energie und Umsicht helfend eingegriffen und schon im März 1907, als die Ansammlung der Flüchtlinge an der österreichischen Grenze begann, war der Sekretär der „Allianz" Herr Doktor Kaminka an Ort und Stelle, um im Verein mit der Leitung der Filiale in Czernowitz und dem Grenzkomitee in Suczavva-Itzkany die Hilfe zu organisieren. In der hierauf am 5 Mai 1907 in Wien, abgehaltenen l Konferenz der Organisationen, bei der die „Alliance Israelitc Universelle" in Paris, der Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin,, das Hilfskomitee von Frankfurt, die englischen und amerikanischen Komitees, sowie die Komitees von Bukarest und Jassy vertreten waren, wurde die gesamte Führung des Hilfswerkes der Wiener Allianz übertragen. Die von der österreichischen Organisation aufgebrachten Spenden in der Gesamthöhe von über K / 76.500 bilden auch den grössten von einer europäischen Organisation für diesen Hilfszweck zustande gebrachten Beitrag. (Dem Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin sind, wie aus seinem soeben ebenfalls ausgegebenen Geschäftsberichte hervorgeht, für Rumänien aus ganz Deutschland im ganzen Mk. 109.988 zugegangen.) Einen ähnlichen Beitrag hat nur noch das amerikanische Hilfskomitee aufgebracht, das unter der tatkräftigen Leitung des Herrn Dr. P. A. Siegelstein in Xew-York Frcs. 176 591 gesammelt hat. Von der Alliance in Paris und vom Berliner Hilfsverein unter Beteiligung von Frankfurt wurden der Wiener Zentrale auf Grund der Konferenzbeschlüsse zugunsten der geschädigten Familien je Francs 87.500 zur Verfügung gestellt Das Komitee in London sandte K 30.829 Ausserdem brachten die Komitees in Bukarest und Jassy selbst durch Sammlungen über Frcs. 85 000 auf. Die Listen der Geschädigten wurden nach Anordnung der Wiener Allianz von den in Rumänien eingesetzten Distriktskomitees sorgfältig redigiert xind von den Vertrauensmännern in Bukarest (Herrn Oberrabbiner Dr. M. Beck und Herrn Is. Astruc) überprüft. Ueberdies hat der Sekretär der Allianz, Herr Dr. Kaminka, im Laufe des [ahres wiederholt an den Beratungen der Komitees in Jassy, Botosani, Itzkany und Bukarest behufs Sicherung einer gerechten Verteilung der Unterstützungen teilgenommen. Auf diese Weise gelang es, das grosse Werk brüderlicher Hilfe an mehr als 3000 durch barbarische Hetze in Not und Elend gebrachte Familien in mehr als 40 Städten und Ortschaften, soweit es die Verhältnisse in Rumänien zuliessen, in vollkommen befriedigender Weise durchzuführen. Im Herbst 1907 hat die Allianz im Einvernehmen mit den anderen Organisationen eine besondere Aktion zugunsten der aus den Dörfern vertriebenen Juden einleiten müssen. Es wurden hiefür von der Wiener Organisation und ebenso von Paris und von Berlin (unter Beteiligung von Frankfurt) separat je 22.500 Frcs. bewilligt. Die separate rumänische Aktion der Wiener Allianz erforderte neben den an das gemeinsame Hilfswerk geleisteten Beiträgen eine Ausgabe von K 29.288 für den Unterhalt von Flüchtlingen auf österreichischem Gebiete, sowie für Bahnbeförderungen und Unterstützungen in denjenigen Fällen, wo nach den Konferenz Vereinbarungen aus den gemeinsamen Mitteln die Hilfe nicht zu gewähren war." ,,P-ine umfassende Fürsorge wurde ferner den jüdischen Emigranten aus Rumänien zugewendet. Durch das Entgegenkommen der Jewish Colonisation Association konnten die Ende 1906 sistierten Gruppenbeförderungen wieder aufgenommen werden und es wurden während der letzten Monate 1907 durch Vermittlung der Allianz nach Kanada 1071, nach den Vereinigten Staaten 146 nach Argentinien 52, zusammen 126g Personen in Gruppen, ausserdem 146 Personen einzeln befördert. Aus der Gesamttabelle der Emigrantenfürsorge des Wiener Bureaus ergibt sich, dass im Jahre 1907 durch dasselbe registrierte russische und rumänische Emigranten zusammen 2596 befördert wurden. In dieser Zahl sind nicht enthalten die zahlreichen Auswanderer, die auf kurzem Wege auf der Durchreise in Wien von der Allianz Unterstützungen erhielten und die nach

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