Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-06-05 · Heft 23 (5.6.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 23 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425745--0832-2427145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 23. Greis: Der Freisinn darf nicht so weit gehen, Frivolität und Profanierung heiliger Dinge gurzuheissen oder sophistisch, zu decken J. Vorst.-M.: Aber wie wollen Sie da.- -indem? Wer von uns ist heutzutage seiner Kinder sicher?. .Wir haben sie nicht in der Hand. Wenn "vvir r.ur solche Leute in den Vorstand wählen durften!, deren Familie gegen die Taute gefeit i-t, dann müsste man die Gemeindebude schliessen. Greis: Sehen Sie, das war v-^rnmittig gesprochen. Weil aber die Ding':: -o liegen, w-^il ein Kultus vorstand, wie Figura zeigt., den Abfall in den Familien seiner Mitglieder nicht zu verhüte?- vermag", und weil diese selbst durch ihr Mandat nn ht immunisiert sind, darum ist es eine Amn.assue.g von ihm. die Mission ..der Erhaltung des Judentums" auf seine gebrechlichen Schultern ubernehmen und sich als ludentumserhairer zu generen. Er bekennt nur seine vollständige \ rnfahigkeit und macht sich vor aller Welt lächerlich, wenn er diescr Mission durch Amvendung längst abgebrauchter Hausnüttelchen, mit Hilm :n.a\scher: AltGiterhausrat^. dienen zu können glaubt. Diesem Vorstand fehlt es an jeder Initiative; er glaube, da»s. er -cfnebt, und wird vielmehr >n .ne-s.-n ge^chob-n. F.r ist der Schatten eines Schaltens. J. Vorst.-M.: Sie behaupten Dngeheueriiches , was Sie nicht beweisen könnten. Sie sprechen einer rastlos und eifrig zum Heile der; kauernde arbeitenden Körperschaft jede Initiative, jede Selbständigkeit ab und machen sie zum Schatten eines S-iiattens. Können Sie das beweisen? Und wo ist uer Schauen, dessen Schatten unser Vorstand ist? Greis: Ein Mann in meinem Alter, der dem letzten Tag entgegensieht, renommiert nicht mehr, fällt nicht nach einem ehrenvoll unter '-rüste!- Arbeit vollbrachtem Leben leichtfertig' ein strenges V-r- •dikt. das er nicht zu begründen \ ennag. I h will Ihnen Alles beweisen. J. Vorst.-M. '.einfallend): ich bin. begierig", wie Sie das beweisen werden. Vor allem aber verlangt es mich, zu erfahren, wer der Schatten r~r. less-m Schatten der Kultusvorstand ist. Greis: Das weiss doch alle Weit. Vnd Sitwis-en es nicht? Nun. .so will ich es Ihnen -:nthul!.-r.. D-e- Kultusvorstand ist der Schatten des < »berrabbiners. Sie lachen? J. Vorst.-M.: Wie soll 'ah nicht über solchen Widersinn lachen? Sie machen, uns zum Schatten, zu Marioneuen des Oberrabbiners, uns. die wir seiner Einflussnahme so weit entrückt sind, dass ich selbst kaum einmal im Leben in nähere Berührung mit ihm g-ekommen bin. Da zeigt sich deutlich, wie voreingenommen Sie urteilen und wie entrückt Sie der Wirklichkeit sind. Aber rücken Sie doch endlich mit Ihren Beweisen heraus. Greis: Sie sollen sie haben. Jetzt bin i--h wieder ein wenig bei Atem, und ich will sie Ihiv-n in kurzen Strichen liefern. Ich gebe Urnen gerne zu. da-s der Kultusvorstand vollständig freie Bewegung hat. wo es gilt, zu administrieren, die Steuerschraube anzulegen, die Wahlen zu seinen Gunsten?.u beeinflussen, die Gehalte der Rabbiner, Beamten, Diener usw. zu erhöhen und dergleichen mehr. Er versuche es aber, einen selbständigen Schritt in seelsorgerischen, kulturellen, oder religiösen Dingen zu Unternehmen! Wird er nicht gleich die strafende Hand des Oberrabbiners zu fühlen bekommen, und sich ihm in seinem pater peccaG. iaudabiliter unterwerfen? J. Vorst.-M.: Beweise! Beweise! Greis: Geduld, junger Vorsteher! Sie werden sich noch au die Zeit ermnern, wo der mit dem Titel eines Oberrabbiners bekleidet gewesene Prediger Dr. Jellinek mit dem Tode abging. Sie waren zwar damals nach nicht im Kultusvorstaud, aber Sie bereiteten sich schon für den Eintritt in denselben vor. So ist zweifellos der Lärm, der damals in der Gemeinde wegen Vergebung des erledigten < )berrabbmertiteN entstand, v\ Ihren Ohren gedrungen. Der Kultusv orstand war nämlich, was selbstverständlich, im Begriffe, diesen Tite! dem ehrwürdigen, vielbeliebten und gelehrten Rabbiner Dr. Schmied] ::u verleihen, der zum mindesten ebenso würdig dessen war. wie der überlebende Oberrabbiner. Dieser aber erlaubte es nicht. Er wehrte sieh mit Händen, und Füssen dagegen: Aid weafs'- aud! sagte er. ..lh bin der einzige Oberrabbiner der Residenz und dulde keiner, anderen neben mir." Es entstand eine grosse Entrüstungin der I-emeinde. ein Geschrei in. den unabhängigen jüdischen Blättern: aber es half aibs nichts. Der Kultusvorstand durfte sein gutes Recht mäht ausüben, der ihm unterstehende < >b:-rr.\bb:ner erbot ihm und — er unterwarf -ich. ... Ist ein solcher Vorstand nicht der Sch uten von dem Schatten de- 1 Oberrabbiners? Sie schweigen5 J. Vorst.-M.; kleinlaut : ja. d i.s war cumal . . . Greis: Nein, einmal da wer anders, ganz anders, als noch Männer im V< >rsta.;ide -assen, und selbstlose, sanftmutige, dem Wohl der Gemeinde völlig" hingegebene gottbegnadete Predigeida- Wort auf der Kanzel führten. ..Das war einmal", sagen Sie. l'nd wie wir es seither? Hat -ich der Kuhusvorstand vielleicht von seiner Abdizierung" jemals wieder erholt? Hat er dem, < »berrabbiner gegenüber seine Selbständigkeit wieder errangen? Nein, und dreimal nein! Er i-t vielmehr unmer tiefer in Abhängigkeit von ihm geraten, ist, wie ich sagte, zu seinem Schneen herabgesunken. End nun frage ich: Worin, am des Himmels Willen, liegt die suggestive Macht dieses « )berrabbiners? Ist er etwa der Ej-ebling des Volkes? Nein! Ist seine Beredsamkeit, seine Begeisterung" eine so hinreissende? Xein! Ist veine Gelehrsamkeit eine so profunde, eine so imponierende? Xein! Alle diese Eigenschaften haben im hohen und überall neidlos anerkanntem Masse die ehemaligen Rabbiner und Prediger unserer Stadt besessen, ohne dasssie lähmend auf die Selbständigkeit des Kultusvorstandes gewirkt, seine Entschliessungen beeinträchtigt hätten. Worin also liegt diese so prävalierende Stärke des Oberrabbiners? Einzig und allein in der unsagbaren Schwäche und Ratlosigkeit des Vorstandes, die ihn zum Schatten des Oberrabbiners gemacht hat. i Halt erschöpft inr.e. Der Sekretär holt neue Aktenfaszikel herbei. J. Vorst.-M.: Das ist masslose IVbertreibung. Es übersteigt alles Mass des Erlaubten, aus einer einmaligen Nachgiebigkeit des Kultusvorstandes so ungeheuerliche Schlüsse zu ziehen und ihn <um Schatten des Oberrabbiners zu stigmatisieren; eine einmalig e X a c h g i e b i g k e i t in so gehässiger Weise zu deuten. . . » L, (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.