Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite* 2. „freue National-Zeitung" Nr. 22. für verdientes und unverdientes Elend exponiere. Das machte ihn aber nicht irre. Er antwortete mit dem biblischen Zitat: „Gott sucht die Verfolgten auf." Wie viele, dife heute obenauf sind, verdanken ihm die erste Staffel zu ihrer Existenz! Der Undank ist ihm nicht erspart geblieben. Was ihn vor allen heutigen Gemeindevätern auszeichnete, das war sein nicht unbedeutendes j üdisches Wissen — er schrieb auch ein feines Hebräisch — und insbesondere der Respekt vor d e m Wisse n u n d ihren Träge r n, weleher Richtung diese immer angehören mochten: ein Vorzug, der heute in allen massgebenden jüdischen Kreisen völlig verschwunden ist. Aus seinem übereifrigen Wirken für das Gemeinwohl entsprang auch seine Eifersucht gegen das gleiche Streben anderer. Er konnte es gar nicht fassen, dass auch ein anderer, als er, der sieh vollständig dem Gemeinwohl geopfert, einen anregenden Gedanken haben oder eine humanitäre Institution initiieren konnte. Diese Eifersucht steigerte sich oft bis zur Unduldsamkeit und schaffte ihm viele Gegner, die ihn als missgünstig verschrieen. Zu seinem Lobe mass gesagt werden, dass eiserner Gesinnung bis zu seinem Lebensende treu blieb, dass er niemals den Mantel nach dem Winde drehte, auch da nicht, wo sein sehr geliebtes Vorstandsmandat und somit auch sein Sitz im Landesschulrat bedroht war. Will man Bau m garten gerecht werden, so inuss man ihn aus seiner Zeit heraus beurteilen. Sein Auftreten fällt mit dem mächtigen Erwachen des .alle Welt berauschenden Liberalismus zusammen, von welchem sich die besten und edelsten Söline des Judentums zur Begeisterung hinreissen liessen. Die führenden Geister im Judentum wollten beweisen, dass dieses zur vorbehaltlosen Emanzipation reif geworden sei und waren mit ihren geistigen! Führern bemüht, alles Trennendeiund Isolierende möglichst auf die Seite zu schieben. Zu den! begeisterten Pionieren dieser Friedensarbeit gehörte Baum garten. Mit der neuesten, aus trauriger Enttäuschung hervorgegangenen jüdisch-nationalen Bewegung konnte er sich nicht befreunden. Für einen Mann von der Gesinnung Bau m g a r t e n s war überhaupt in den letzten zwei Dezennien kein Platz mehr in einem Kultusvorstand, der sich wie ein Espenlaub von jedem Hauch hin und her bewegen lässt, ohne ein Ziclbewusstsein zu haben. Man mag über die Tätigkeit des Verstorbenen denken, wie man will, es kann nicht geleugnet werden, dass er ein durchaus ehrlicher Mann und Von ehrlicher Gesinnung war. Nicht umsonst hat ihn das Präsidium von anno dazumal zu seiner rechten Hand gemacht. Es ist wahr: er war leidenschaftlich, aber aufrichtig, ohne Schmeichelei und Hinterhältigkeit. Er lächelte nie nach allen Seiten hin, er war offen Freund und Feind. Das war unklug und undiplomatisch, aber ehrlich. Wem er Freund war, der durfte seiner Freundschaft sicher sein, und wem er Gegner war, der konnte sich vor ihm schützen. Seine übernommenen Ehrenämter nahm er tief ernst. Niemand war ein so fleissiger Besucher der Sitzungen wie er, niemand nahm so regen Anteil an den Beratungen wie er, und seine Meinungen sagte er offen heraus, selbst wo er sich im Gegensatz zu den Mächtigsten und Einflussreichsten in der Gemeinde befand. Und der Mann hing doch — so behaupten w enigstens Leute, die es besser wissen wollen — von diesen Einflussreichen ab. War das aber der Fall, dann war seine Nackensteifheit umso bewunderungswerter. Wo er das allgemeine Wohl fordern zu können vermeinte, da vernachlässigte er seine eigenen Geschäfte, und er machte sich wenig daraus, wenn er dafür Undank oder gar Spott ierntete. .Eine Episode, die schon wegen ihrer Kuriosität erwähnt zu werden verdient, mag hier in Erinnerung gerufen werden. Es war vor mehr als 25 Jahren. Eine Hilfsaktion sollte eingeleitet werden. B a um g a r t e n Hess alles stehen und liegen und machte eine achttägige Informationsreise. Zurückgekehrt, referierte er in einer illustren Versammlung über seine Wahrnehmungen. Er tat dies in ausführlichster und gründlichster Weise, beginnend vom ersten und schliessend mit dem achten Tag. Ein sehr einflussreiches Mitglied der Körperschaft, das bei aller Gravität den Schalk hinter den Ohren sitzen hatte, unterbrach ihn, ge langweilt über die allerdings weitausholende Einleitung, hiit den Worten: „Herr B a u m gart e 11, beim wie vielten Schöpfungstag sind Sie jetzt?" Herr Dr. v. M., der zu dieser Sitzung zugezogene Vertrauensmann des Baron Rothschild schüttelte sich vor Lachen, und andere Männer aus der Versammlung folgten seinem Beispiele. Nur das Präsidium bewahrte den Ernst und die Würde, und Herr Baumgarten selber, der sich von dieser ironischen, zum Lachen herausfordernden Bemerkung des sehr reichen Mannes nicht im mindesten irritieren liess, und noch durch weitere zwei Stunden über seine Missionsreise referierte. Nein, die Leute, die heute am Ruder sind, haben durchaus kein Recht, über die Tätigkeit und noch weniger über die Person des Dahingeschiedenen wegwerfend zu urteilen. Er überragt sie an Wissen und Bildung um Kopfeslange und mancher Rabbiner von heute darf ihn um der rabbinischen (Kennt nisse willen, die mit ihm zu Grabe gegangen, beneiden. Die beste Eigenschaft aber, die er besass: er war ein Mensch, mit allen Vorzügen und Schwächen. Und wer sich von letzteren frei fühlt, der werfe den ersten Stein auf ihn! ßttianucl J5mmioart\Mi und die V/tftenei3 l|ulhis|>emcinde. Das erste Auftreten des vorige Woche verstorbenen Emanuel Baumgarten in der Wiener Kultusgemeinde erfolgte im Jahre 1870. als er zum Bethausvorstehcr gewählt wurde. Diese Stelle bekleidete er bis^ zum Jahre 1SN0. Bei der am 30. November 1873 erfolgten Kultuswahl wurde Bannig;rten in den Kultusvorstand gewählt. Drei Jahre später ward er Obmann der Unterrichtssektion im Vorstände. Im Jahre 1 tS7S entsendete ihn der Wiener Kultusvorstand in den Bezirksschulrat. Das Jahr 1889 war für die Entwicklung der Wiener Kultusgemeinde ein äusserst wichtiges, denn in diesem Jahre, in weches auch Kultuswahlen fielen, machte sich zum erstenmale eine energische Opposition gegen die damals herrschende Partei im Vorstände, zu welcher auch Baumgarten gehörte, mit Erfolg fühlbar Es ist nun interessant festzustellen, dass während Baumgarten noch am 13. Mai 1889 einen so gewaltigen Einfluss in der Gemeinde besass, dass er zum Landesschulrate gewählt wurde, er bei den am 24. November desselben Jahres stattgef un-