Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1U. „Neue National-Zeitung'1 Feuilleton. Kr. 21. JULIUS STEINER (Prag): ©ie (prilo^ie ^om Johnson. Ein dramatisches Gedicht von Jaroslav Yrchlicky Die Bibel hat durch ihre Ethik zu der grossen, menschheitserlösenden Kuitur den Grund gelegt. 'Neben den Gesetzen der Sittlichkeit birgt das Buch der Bücher Schätze, die an Wert durch die Jahrhunderte nichts verloren haben und deren Glanz ,in Ewigkeit nicht' erbleichen wird. Ungetrübt und klar rauschen da die heiligen Lebensquellen. Wir finden die Menschen in allen ihren Vorzügen und Fehlern, in allen ihren Gefühlen und Gedanken. Die Bilder aus den Kindertagen der Menschheit, die .Staatsverfassung Moses, Kämpfe nationaler Heroen, geheimnisvolle Visionen der Propheten, die religiöse Poesie der Psalmen neben den von glühender Erotik 'erfüllten Passagen des hohen Liedes, die Reden des sprachgew alt igen Rhetoren neben den stillen Betrachtungen des Philosophen sind in diesem Sammelwerke vereinigt, das die Juden den „Baum des Lebens" nennen. Dir Geschichte von der verhängnisvollen Liebe Simsons zu Dalila und \ on seinem traurigen Ende war schon häufig der Vorwurf dramatischer Bearbeitung. Auch der grosse tschechische Dichter Jaroslav- V r c h 1 i c k y hat den Stoff inj einem dramatischen Gedichte von drei Teilen, in der ,,T r i 1 o g i e v o m S i m s o n'' verarbeitet. Yrchlicky hat bereits vielfach jüdische Motive behandelt. Er gelangte zu ihnen auf dem Wege, der ihn durch die Kulturen der Völker führte. Seinem Geiste genügte nicht der engbegrenzte na-, üonale Horizont, sondern er strebte selbst nach fernen, unzugänglichen Regionen und so holte der Dichter seine Stoffe aus den alten nordischen Sagen, wie aus der Antique, ans dem Legendekreis des romantischen Mittelalters wie aus dem Mythus des Orients. Die mächtigsten Genies zogen ihn an und er übersetzte sie in seine Muttersprache: 'Lasso, Dante, Goethe. Auch an dem Judentume konnte der Dichter nicht vorübergehen. Das grandiose Schauspiel, das die Geschiente des jüdischen Volkes bietet, musste auch ihn anziehen und er holte sich hier eines der gewaltigsten Kapiteln hervor. Der zähe, verzweiflungsvolle Kampf, den Bar Kochba gegen die Uebermacht Roms führte, fand in ihm seinen Sänger. Dieses Epos gehört zu dem Besten, was der Dichter geschaffen. Die sagenumwobene Gestalt tles hohen Rabbi Low aus Prag verherrlichte Yrchlicky in dem Schauspiel ,,Eabbinerweisheit". Auch hier ist das historische Bild treu und liebevoll entworfen : Die Darstellung des Jüdischen streng angepasst an das Milieu der Zeit, alles ohne tendenziöse Färbung. Der lebensvollen Entwicklung des Judentums in der Gegenwart hat sich Yrchlicky auch nicht verschlossen. Mir dem feinen Verständnis-der Dichterseele wählte er sich den Repräsentanten des jüdischen Volkes, der am klarsten und tiefsten in den „Liedern des Ghetto" dessen Leiden und Schmerzen, aber auch dessen Seimen und Streben ausgeprägt hat, den Jargondichter Morris Rosenfeld, dessen Lieder er ins Tschechische übertrug. In der „Trilogie vorn Simson" beschränkt sich der Dichter nicht auf die blosse Dramatisierung der biblischen Erzählung, nach welcher der Riese seine Kräfte nicht in gebührender Weise zu entwickeln versteht, bis ihn seine tölpelhafte Sinnlichkeit in die Netze des Weibes verstrickt. Yrchlicky adelt seinen Helden, er verleiht ihm Züge, die dem biblischein Sinison fremd sind. Sein Simson besitzt auch Kräfte des Geistes. Er isc klug, listig, verschlagen. Eine unwiderstehliche Macht treibt ihn jedoch zur Dalila, die nach dem i. Teile der Dichtung „Simson bei den Philistern" am Hofe des Königs Abimelech als Sklavin weilt. Er lässt sich fesseln und an den Hof des Philisterkönigs führen, nur um ihr nahe zu sein. Der König behandelt ihn als Gast, denn er fürchtet seine Stärke. Er will ihm selbst die Sklavin zuführen, die ihn, den König, verschmäht hat. Doch statt des ersehnten Weibes erscheint Samuel. Er will den Helden auf den richtigen Weg zurückführen und seinem Volke wiedergeben. Doch Sinison bleibt. Dafür nimmt Gott die Kraft von ihm, er wird kraftlos. Die Manneskraft ist von seinen Lenden gewichen und jetzt naht ihm Dalila. Die Philister kann er täuschen, aber das Weib wird ihn durchblicken. Auch der Wein, »den er noch rasch in seine Adern giesst, verleiht seinem Blute nicht die Liebesglut, die Dalila von ihm erwartet. „O, die Liebe empfängt anders. Sinison! Ich sah in meiner Phantasie einen Leu der Wüste, der sich .auf mich wie auf seine Beute stürzt, und vor mir stellt ein blödes Maultier, das träge sagt: „Komm, lass uns eingiessen und ruhig miteinander plaudern!" Während des Kesimahles, das Abimelech zu Ehren des Gastes gibt, ruht Simson an der Seite Dalilas. Von dem Könige gereizt, will er sich erheben, um seine Ohnmacht zu verbergen. Doch Dalila schlingt immer ihre Arme um ihn und gibt ihn nicht frei. Da tritt Samuel mitten in die Orgie ein, befreit ihn mit seinem Ruf aus der Umstrickung des Wieibes. Ueber ihren Körper schreitet er hinweg und folgt dem Propheten hinaus "m die W7üste. Den zAveiten Teil, „S i m s o n in'der Wüst e", nennt der Dichter ein lyrisches Intermezzo. In der Einsamkeit der Wüste Etham gibt sich Simson den Reflexionen über sein Verhältnis zu Gott hin. Seine Kraft ist eine Gabe des Himmels, die dieser jeden Augenblick zurückfordern kann. Nur, wenn Gott will, ist er stark. Ein blosses Werkzeug ist er in der Huna des Ewigen und nur zum Nutzen des Volkes, aber niemals für sich darf er die Kraft gebrauchen. Im Schlafe endlich sucht er Ruhe. Im Traume erscheint ihm die Liebesgöttin Derketo, die in seinem Herzen wieder die Sehnsucht nach dem Weibe weckt. Während des Schlafes führt ihm Samuel die frühere Gemahlin Daya zu. Sie könnte noch seinen Sinn von der Philisterin abwenden und den Verirrten seinem Volke zurückgewinnen. Doch Simson weist sie zurück und mit ihr wendet sich auch Samuel für immer von ihm ab. Nun hadert er gegen Gott, sagt sich los von ihm, er verlangt nicht mehr die Stärke, die trügen«