Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. ,Neue National-Zeitung" sanken, dass wir seine einzigen Träger sind? Das wollen wir sehen. Wir müssen uns isolieren, um tinseren .Wert als Bundesgenossen zu zeigen. L Die Berichtigung Dr. Gabeis. Abgeordneter Dr. Gabel kam am letzten Freitag trotz rechtzeitiger Anmeldung nicht in die Lage, zum Rekruten-Kontingent zu sprechen, da unmittelbar vor ihm die Debatte geschlossen wurde. Er begnügte sich daher mit einer kurzen tatsächlichen Berichtigung, in der er sämtliches in unserem Blatte veröffentlichtes Material verwendete. Herr Dr. G :ibel war so loyal, sich bei Yorbringung seines Materials auf die ,,Neue Nationalzeitung" zu berufen. Er sagte u. a.: „Da berufe ich mich nuf Zahlen, die in der ..Neuen National-Zeitung" und in den Interpellationsbeantwortungen der Minister enthalten sind . . . Wir Juden dienen und wollen dem Kaiser und dem Staate mit allen unseren Kräften ohne Rücksicht auf den Prozentsatz dienen. Wir verlangen aber, dass wir auch \ ollständig gleich mit allen Bürgern behandelt und dass unsere Rechte auch voll und gleich beachtet werden. Sowie wir gegen die Resolution Schmid protestiert haben, sowohl hier im Haus" als auch ausserhalb und ebenso wie in Russland die jüdischen Abgeordneten in der Duma gegen das Prinzip des Prozentsatzes in dem russischen Militär protestiert haben, werden wir auch überall dagegen protestieren, dass wir nur auf Grundlage des Prozentsatzes im Verhältnisse zu der allgemeinen Bevölkerung berücksichtigt werden. Wir verlangen gleiche Rechte, >o wie wir Gleiches zu leisten uns verpflichten. Da wir aber von gleichen Rechten bei der Militärverwaltung nichts zu hören bekommen, vielmehr das Gegenteil gehört haben, können wir der Militärverwaltung das Vertrauen nicht votieren." JÜpfechsaah Geehrte Redaktion! In einer jüdischen Zeitung erschien ein Artikel, der An griffe gegen die akad. Verbindung ,.L i b n n o n i a" enthält. Im Auftrage meiner Verbindung gebe ich folgende Erklärung ab: Wir sind nicht gesonnen uns über Angelegenheiten unserer Verbindung in eine Presspolemik einzulassen. med. Gustav J e 11 i n e k, dz. X dsr Akad.-Verb. Libanonia, Wi9n. * * * Zur Lehrerfrage. Geehrte Redaktion! In der Rede des Herrn Landesschulratcs Dr. Gustav Kohn vom i. Mai lese ich: „Da aber jüdische Kommunallehrer nicht mehr angestellt werden, die Bildlingsanstalten des! Staates jüdischen Aspiranten nicht mehr zugänglich sind" . . . Ich erlaube mir hiezu folgendes anzuführen: Nicht nur die, vom Staate erhaltenen Lehrerbildungsanstalten haben keine jüdischen Hörer mehr, sondern auch die vom Lande Niederösterreich erhaltenen \Anstalten weisen keine jüdischen Frequentanten auf; dafür hat aber der niederösterreichische Landlag viele Stipendien für christliche Hörer bewilligt. Die Kosten dieser Anstalten tragen alle Steuerträger des Staates, aber den Söhnen und Töchtern jüdischer Steuerträger wird der Besuch unmöglich gemacht. Hier bedurft:- es nicht einmal einer Schmid'schen Resolution. In diesem Falle sollte der Herr Unterrichtsminister gefragt werden, ob ihm diese Tatsachen bekannt sind. Was würde einem Steuerbeamten oder Regimentsarzte geschehen, wenn selbe sich auf den Standpunkt stellen würden, jüdische Gelder nicht anzunehmen oder alle jüdischen Stell ungspflichtigen für untauglich zu erklären. Wenn nun gleiche Pflichten verlangt werden, so sollten auch gleiche Rechte bestehen. Beschwören doch die verantwortlichen Faktoren die Einhaltung der Staatsgrundgesetze. Die Autonomie einer Gemeinde kann doch nicht gleichgestellt werden der Stellung eines Hausbesitzers, der sagen kann: Ich nehme in mein Haus, wen ich will. Das ist sein Recht. Es ist aber nicht mehr Recht, wenn eine Gemeinde wie Wien sagt: Steuergelder nehmen wir von allen Einwohnern, aber bei Anstellungen sehen wir auf die Konfession. Meines Erachtens würde die geistige Entwicklung bei den Juden durch die Trennung der Schüler dgr Volks- und Bürgerschulen nicht leiden. Dafür würden der religiöse und der nationale Sinn nur gewinnen. M. B. städtischer Lehrer. * * * Die Jaden nnd der Kaiser-Jabiläums-Festzug. Geehrte Redaktion! Ganz Oesterreich rüstet sich, das Jubiläum seines geliebten Monarchen zu feiern. Alle Völker, sonst entzweit in heftigem Kampfe, sind einig, dem Monarchen, der 6o Jahre lang in glorreicher Weise ihre Geschicke gelenkt hat, den Tribut der Dankbarkeit zu zollen. Entsprechend dem Wunsche des edlen Herrschers soll sein Jubiläum vorwiegend durch Werke wohltätigen Charakters gefeiert werden. Mit Freude und Begeisterung hat das j üd i s c h e V '<> 1 k in O e s t e r r e i c h diesem Rufe Folge geleistet und allenthalben grosszügige Wohltätigkeitsunternehmungen ins Leben gerufen, die noch späteren Generationen von (lern Wohltätigkeitssinne und dem Patriotismus des jüdischen Volkes künden werden. Leider ist in einer anderen Hinsicht nicht so erfreuliches von der Beteiligung der Tuden zu berichten. Es findet, wie bekannt, im Juni rooS in Wien ein grossartiger Festzug statt, dessen Gruppen Völker- und länderweise geordnet, nicht nur einen Ueberblick über die historische Entwicklung Oesterreichs, sondern auch einen Einblick in die Kunst und in das künstlerische Schaffen der einzelnen Nationen Oesterreichs darbieten werden. Alle Völker Oesterreichs, selbst die ärmst-n und kleinsten bemühen sie!-,, von Mäcenen und Künstlern unterstützt, ihr Bestes zu leisten und würdig' in Wien vertreten zu sein. Nur von einer Beteiligung der Juden ist nichts zu vernehmen. Allerdings wird der eine oder der andere ..Israelit" begeistert in der Kreuzfahrergruppe cinherschreittn, die sieh eben anschickt, das heilige Land den Ungläubigen zu entreissen, ein anderer Herr /'mosaischer Konfession) wird als Mitstreiter des frommen Bischofs Kolonitsch an der Spitze der < 'regenreformation schreiten und unter der Allongeperrücke einhcrwackeln; doch sie werden wohl selbst fühlen, wie lächer lieh und verächtlich diese Maskerade Ist, die sie dem spottlustigen Volke von Wien darbieten. Aber das jüdische Volk als solches hat das Recht und auch die Pflicht, sich am Festzuge zu beteiligen, um auf diese Weise zu dokumentieren, dass es einen gebührenden Platz an Oesterreichs Sonne beansprucht, und dass es sich als autochthon fühlt in dieser Stadt Wien, in der Juden lange vir den Deutschen gewohnt haben. Nicht nur traurige Momente haben die Juden in Oesterreich zu verzeichnen, sondern auch manches 'Ereignis, das sich ganz gut eignet, dem Rahmen eines Festzuges einzugliedern. Dje jüdischen Recken und Riesen, von denen der Historiograph L a i i u s berichtet, die der Sage nach Wien gründeten, eine Jagd auf Samson Werth eimbers /Gütern, bei der Prinz Eugen erscheint, all das und noch vieles andere ist wohl wert, auch der allzu schnell vergessenden Gegenwart vorgeführt zu werden. Welche Fülle von Anregungen würde eine Beteiligung am Festzuge . für die jüdischen Maler. Schriftsteller, Historiker bieten, wieviel Gewinn den sicher nicht auf Rosen gebetteten jüdischen Gewerbetreibenden. Ein grosses Werk! Aber es ist n >ch Zeit: wenn alle beteiligten Kreise zusammenhalten, dann werden wir ein Werk schaffen, in dem sich österreichischer Patriotismus und jüdisches Nationalgefühl herrlich vereinen und das jüdische Volk wird im Juni 1008 einen künstlerischen Befähigungsnachweis erringen können. Wien. Anfang Mai 1908. Raphael T r e n e n b e r g. jKPRRGSPONDeNZgN ©csfcppcich-Qngarn. Oeffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes Wien. Mittwoch, den 20. d. M., halb 6 Uhr abends, fand eine öffentliche Sitzung statt. Tagesordnung: Prüfung und Erledigung der Rechnungsabschlüsse über die Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde und siiimlicher unter Gemeinde-Verwaltung stehender Fonde und Anstalten. Zur Tagesordnung ergreift Herr Kultusvorsteher Max Frank als Referent das Wort, um