Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. „Neue National-Zeitung" Seite 3. Ein erfundenes Interview. Eine Blamage der „Zeit". C"V o n unserem Korrespondente n.) Am Washington, Mitte April. März I. J. hat die „Zeit" ein Interview ihres hiesigen Korrespondenten mit unserem Staats 'sekretär des Auswärtigen, Mr. Eli hu Rool, veröffentlicht. Dasselbe bezog sich auf die amerikanische Einwanderungsfrage. Es war ein A 11 a r m - a r t i k e 1, der auf Scinatiu n berechnet war. in diesem Interview hat sich der Staatssekretär in der wegwerfendsten Weise über das Einwanderungsmaterial geäussert, das gerade/u als eine Gefahr für die nordamerikanischen Staaten bezeichnet wurde. In dem Gespräche hat sich Mr. R o o nach einer längeren Einleitung über die japanische Einwanderung, folgendermassen geäussert : Mr. Root: Und dieselben Leute — ich mi-ine aus denselben Ländern —, alle diese Kroaten und Böhmen und Slowaken und Rumänen und Polen und Kuthenen und Juden und unkultivierten Süditaliener: die kommen jetzt hierher — gerade wie damals -- mit Kind und Kegel, setzen sich zwischen uns lest, verdrängen uns zum Teil .schon, und wohnen wie in einem eroberten Land. „Ohne Einwanderung würden die Vereinigten Staaten nicht existieren." Mr. Root: Ganz recht. Aber das Wesentliche bei der Bildung unserer Nation ist die Assimilierung der Einwanderer. Die war schnell und leicht, solange die Kultur der Einwanderer derjenigen der Einwohner entsprach, solange Iren, Franzosen, Engländer, Deutsche und Skandinavier herüberkamen, l ud sie kamen auch nicht so massenhaft. Jetzt haben wir mehr als eine Million Einwanderer jährlich, und drei Viertel davon sind die Osteuropäer, die bei Ihnen auch nicht gerade als an der Spitze der Zivilisation marschierend angesehen werden. Solange es wenige waren, die überall mit uns in notwendige Berührung kamen, ging es noch. Sie mussten sich einfach auf eine höhere Stufe zwingen und sich assimilieren. Aber jetzt kommen sie in w.ih ren II e e i e n und so schnell nacheinander, dass wir sie nicht mit der notigen Geschwindigkeit assimilieren können. Gehen Sie in das J u d e n v i e r t e 1 von O s t - X e w- V o r k, in das Polenviertel von Chicago usw. Da haben Sie es handgreiflich vor Augen. An diese Unterredung knüpfen sich dann die Schlüsse ides Herrn Korrespondenten. Sie >vürden,tinserer „gelben Presse" Ehre inachen. Denn sie müssen auf die öffentliche Meinung Amerikas In aufreizendster Weise wirken. Der Schreiber des Interviews sagt folgendes: „Der grosse Stolz clor Amerikaner ist, eine Menge ganz verschiedener Elemente zu einer Nation verschmolzen zu halien: es ist unglaublich, wie amerikanisch die Deutschamerikaner, die Iren, die Schweden, die paar Franzosen, ja sogar wie \or allen Dingen die früher in kleinen Paketen eingewanderten Juden empfinden. Es ist wirklich wunderbar. Aber mit den neuen „Barbareneinwanderungen" ist es eben nicht mehr so. Die Juden von der Eastside in New-York bleiben Juden mit ihren Riten, ihrer Sprache, ihren Gewohnheiten. Die Italiener haben ihre Yenedetta, ihre Mano negra, ja sogar ihre Mafia mitgebracht, und die Rachebomben, die alle zwei Tage im italienischen Viertel von der „Schwarzen Hand'- geworfen werden, verursachen den unamerikanischesten Lärm, den man sich denken kann. Es ist genau wie mit den Japanern. Die vernünftigsten, unparteiischesten Leute, ja sogar Juden, Italiener, Polen und Kroaten, die schon länger hier ansässig sind, . sehen die Gefahr. Und oft hört man ernsthaft sagen, es müsste die ganze Einwanderung überhaupt auf zehn fahre verhindert werden, damit die noch nicht assimilierten Massen absorbiert werden können. Nur weiss man, dass es nicht möglich ist." Dieses Interview hat sofort durch die ganze amerikanische Presse die Runde gemacht. Die Polge davon war, dass sich de>* jüdischen Bürger unserer Staaten eine grosse Beunruhigung bemächtigte. Man war sich nur nicht darüber klar» ob ,,Die Zeit" ein z i o n i s t i s c h e s oder ein antisemitisches Blatt ist. Aber man hielt es für eines von beiden. Insere Juden sagten sich, dass dieses Interview nur den Zweck haben kann, die amerikanischen Bürger gegen die „Osteuropäer" aufzureizen oder aber den Juden zu beweisen, dass sie selbst in Amerika \ erschlossene Tore finden und daher lediglich nach Palästina auszuwandern hätten. Es erschien, aber trotzdem noch immer fraglich, ob Mr. Root derartige Dinge überhaupt gesagt hat. Oer Staatssekretär wurde nun von mehrfachen Seiten, speziell von jüdischen Korporationen und den Mitgliedern des Repräsentantenhauses, mit Prägen bezüglich der Authentizität dieses Interviews bestürmt. Dann sollten weitere Schritte unternommen werden. Mr. Root hat nun geantwortet. Die Antwort war recht klar: er hat mit dem Korrespondenten der „Zeit" nie über die E i n w a n d e r u n g s - f rage g e s p r o c h e n. Das ganze Interview war überhaupt erfunden, erlogen. Diese Antwort erhielt Repräsentant A. P. G a r d n e r, resp. Rabbiner Dr. Josef J a s i n, Präsiden! der Texas Zionist Association in Port Worth. Der Brief, der dem Dr. Jasjn vom Sekretariat des Auswärtigen Amtes zukam, lautete: .Staat Departement. Washington, den 3. April. Mein Ilerrl Ich habe die Eine, Ihren Brief vom 2b. v. M. zu bestätigen, den Sie an den Herrn Staatssekretär gerichtet haben und in dem Sie anfragen, ob er in einem Interview mit dem Washingtoner Korrespondetv.en der ..Zeit" Bemerkungen nach der Richtung gemacht hat. dass die Juden ein.' unerwünschte Kla.-se von Einwanderern bilden und dass sie die nordamerikanischen Staaten überschwemmen. In Beantwortung Ihres Briefes übersende i< h Urnen anbei die Kopie eines Briefes, den in derselben Angelegenheit der Staatssekretär an Herrn A. I*. Gar einer vom Repräsentantenhaus gerichtet hat. Ich zeichne etc. Robert Bacon, Sekp-tär. ■ Angeschlossen obzitierter Brief vom 25. März imo.Sj Der Brief an Herrn Gardner hat folgenden Wortlaut: Staats-Departement. Washington, den 25. März 190S. Mein lieber Gardner! Soeben erhalte ich Ihr Schreiben vom 18. März mit der Mitteilung, dass einer Ihrer Freunde eine ausführliche Abschrift meines Interviews mit dem Washingtoner Koi'rcs]N>n* denten der „Zeit" über du Einw anderuugst'rage haben mochte,