Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Seite 9. Philipp Schiff in Frankfurt a./M. wurde an Stelle des heimgegangenen Charles L». Hallgarten einstimmig zum stellvertretenden Präsidenten der Deutschen Konferenz - Gemeinschaft der Alliance Israelite Univ. gewählt. Ausländische Juden in Deutschland. Nach einer Angabe des Dr. Segall im „Verein für Statistik der Juden" zu München belief sich in Deutschland die Zahl der ausländischen Juden im Jahre 1900 auf 41.113 Köpfe. Aul Grund der Volkszählung von 1905 wurden im Königreich Sachsen unter 14 666 Juden 7772 Ausländer ermittelt. München zählte nach der Angabe des Dr. Segall im Jahre 1875 erst 3467, dagegen im Jahre 1905 bereits 10 0o6 Juden. Wie in Nürnberg und in auderen Grossstädten, so haben sich auch in München die Juden stark vermehrt. Nach den Angaben des Dr. Segall starben in München 1905 von je 1000 Münchnern 211, von je 1000 Münchener Juden aber nur 10 6. Die Juden leben durchwegs in günstigeren Verhältnissen, ludessen vermehren sich die Juden in Deutschland hauptsächlich durch die Einwanderung vom Osten, aus Oesterreich, Galizien, Ungarn, Polen, Russland und Rumänien. Dieser Vortrag gibt dem „Israelit4, Anlass zu einer eingehenden Betrachtung über die zweischneidigeBedeutung der jüdischen Statistik. Das Blatt meint: „Die ,Kreuzzeitung' ruft auf Grund des im Vortrage angeführten authentischen Materials die Staatshilfe gegen das Eindringen der fremden schädlichen Elemente an. Die ,S t a a t s b ü r g e r z e i t u n g' widmet dem Vortrage sogar einen Leitartikel, in dem den Zahlen des Dr. Segall noch generös ein paar Nullen angefügt werden, so dass die Ziffer der ,G ä s t e' die respektable Höhe von 100 000 erreicht. Nun ist die Zahl gross genug, um die Gefahr deutlich zn beweisen und die Staatsgewalt zum Einschreiten zu bewegen. Selbst im Reichstage fand der Vortrag seinen Widerhall, wo die Latt- und Liebermäuner in der Sitzung vom 26. März sich über die Beute stürzten und aus dem Segallschen Material einen Gesetzentwurf gegen die ,steigende Einwanderung der Juden aus dem Osten' zu formen suchten. Dies alles hat weder der finberufende Verein, noch der Vortragende gewollt. Vorauszusehen war es jedoch und einige ergänzende Zahlen, die ebenfalls der Wahrheit und Wirklichkeit entsprechen, hätten genügt, um die ganze vermeintliche Invasion ins richtige Licht zu rücken. Wieviel der Ankömmlinge sind es, denen die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse es gestatten, sich hier dauernd niederzulassen? Wie viele müssen schon nach kurzer Leidenszeit ihren Weg weiter fortsetzen? Das hat Herr Dr. Segall nicht genügend berücksichtigt, es hätte sonst mehr von einer D u r c h Wanderung als von einer E i n Wanderung die Rede sein müssen. Die gewonnenen Zahlen würden dann unseren Hilfsorganisationen ein wertvolles Material geboten haben, den Worthelden der Kreuz- und Staatsbürgerzeitung aber weniger Anlass, von einer Invasion der polnischen Juden zu faseln." A. A. de Pinto. Der unlängst verstorbene Vizepräsident des Hohen Rats der Niederlande, wurde anlässJich der Einführung seines Nachfolgers, des Herrn P. R Feith, ausserordentlich geehrt. Der Feier wohnten u. A. der Justizminister Ne Hissen und der Königliche Kommissär Patyn bei. Der Präsident des Hohen Rats, Coninck Liefsting, hielt eine Gedächtnisrede, in der er ausführlich der grossen Verdienste des Verstorbenen gedachte. Der Redner brachte das Pfiichtbewusstsein de Pintos in Verbindung mit seiner Abstammung aus einer altjüdischspanischen Familie, die zu jenem Strome der aus Spanien Vertriebenen gehörte, denen Holland so viele verdiente Männer und glänzende Geistesgrössen verdankte. Dann fuhr er fort: „Auf der grossen zionistischen Versammlung im Jahre 1907, deren Ehrenpräsident er war, sagte er: ,Ich habe zwei Vaterländer, erstens : Niederland, und zweitens : das Laüd des alten Volkes, zu dem ich gehöre. Stets war mein Streben, so wie Spinoza die Wahrheit zu suchen'. Und er fühke sich, wie dieser, mit seinen Vorfahren eins " Eine neue jüdische Kultus-Kunst-Aussteilung. Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler zu Frankfurt a. M. veranstaltet im Kunstgewerbe-Museum zu Düsseldorf eine Ausstellung von jüdischen Bauten und Kultusgegenständen. Diese Ausstellung wurde am X. Mai eröffnet und bleibt bis zum 15. Juni öden. Die reichhaltigen Kollektionen der Gesellschaft befinden sieh bekanntlich im Kunstgewerbe-Museum zu Düsseldorf unter der Aufsieht des bekannten Kunstkenners, des Herrn Direktors Fr au berger, der die Gesellschaft geschaffen hat und als Vorsitzender des Arbeitsausschusses fungiert. Die Ausstellung hat den genauen und bestimmten Charakter einer jüdischen Kultus-Kunst-Ausstellung und dürfte in den weitesten Kreisen aller Wissensbegierigen lebhaftes Interesse wachrufen. Zum erstenmal wird die Gelegenheit geboten, in bequem zugänglicher Weise ordnungsgemäss und mit genügenden Erklärungen der grossen Oeflentl chkeit eine Sammlung näherzurücken, die sowohl als Archiv wie als Museum wahre Schätze von Denkmälern, die das jüdische religiöse Leben veranschaulichen, enthält. Die Ausstellung nimmt in den grossen hellen Räumen des Kunstgewerbe- Museums zu Düsseldorf einen würdigen Platz ein. Bei der Eröffnung hatte sich ein kleiner Kreis geladener Gäste, darunter als Vertreter des Vorstandes der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler in Frankfurt, die Herren Architekt und Privatdozent Dr. phil. Hülsen und Eduard Cohen, im Lichthofe des Museums zusammengefunden. Nach einer kurzen orienlierenden Ansprache des Direktors Frauberger ergriff im Namen des Vorstandes der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler in Frankfurt a. M. Dr. Hülsen das Wort und gedachte in warmen Worten des am 19. April in Frankfurt unerwartet dahingeschiedenen ersten Vorsitzenden der Gesellschaft, Charles L. Hallgaiten, der bis zuletzt mit der ganzen Hingabe seiner talkräftigen Persönlichkeit die Bestrebungen der Gesellschaft geleitet und gefördert hat. Er richtete ferner Worte des Dankes an Direktor Frauberger, der in jahrelangen rastlosen Mühen und mit Hingebung an dieses bisher gänzlich vernachlässigte Gebiet der Kunstforschung seine im Jahre 1897 gelassten Pläne in die Wirklichkeit umgesetzt und auf vielen Reisen und durch die Anknüpfung zahlreicher zweckdienlicher Beziehungen es vermocht habe, einen gediegenen Grundstock an Originalen und Abbildungen zusammenzubringen. Der Redner ging ferner auf die Bestrebungen der Gesellschaft ein und erklärte die Ausstelltn.g namens des Vorstandes der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer KunstdenkmäleE für eröffnet. Es sprach dann noch Herr Eduard Cohen, der darauf hinwies, wie auch in den Zeiten mittelalterlicher Bedrückung es den Bewohnern der Ghettos an einem gewissen Kunstsinn und an der Freudigkeit der Verwendung künstlerischer Formen an ritualen Gegenständen niemals gefehlt hat. Hartwig Derenbourg, d< •!• berühmte Orientalist, Professor dr-; Ar.ilüvlirn an der Krolr -pc nie dos lantfues orientales und Sludii mlin-ktor an ckr Ke.,le prartique des hauU-s etudes. Mit -ii< d des Institut de Fram e, ist im Alter von O3 Jahren gestorben. Hartwig 1 )crcnhour^ -ehörte der aus Mainz stammenden Familie Dernburg' an, zu deren Mitgliedern auch der verstorbene Pandektist und Zivib eclUrdehrer Heinrich Dernbui^? lind dessen \effe, der Staatssekretär des deutschen