Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425742--0798-2427108- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 20. „Neue National-Zeirung" Seite 7. Palle ersuchen wir, uns nicht der Möglichkeit zu berauben, ihr unsere Ueberzeugung beizubringen." Ich denke, diese Argumente müssen überwiegen. Der Aufsichtsrat der Gesellschaft hat es nach den Bestimmungen über die Gründeraktien und unter den Bedingungen, xinter welchen diese Aktien besessen werden, in seiner Gewalt, so lange als er will, die Tiitigkeit der Gesellschaft in der Weise und zu dem Zwecke zu beschränken, in und zu welchem er es jetzt tun will, und da er eine Körperschaft i'coopcrative body) bildet, deren Mitglieder für ihre Lebenszeit gewählt werden, ist »es durchaus möglich, dass die ausgedehnten Vollmachten der Gesellschaft, die jetzt ruhen, niemals in Tätigkeit treten werden. Aber obgleich der Gerichtshof diese Sachlage nicht kontrollieren kann und dies auch ganz und gar nicht will, ist es ein sehr verschieden Ding, wenn verlangt wird, einen Schritt zu tun, dessen Folge es sein wird, die Dauer dieses Zustandes zu sichern, wie immer auch die Meinung der Mehrheit der Aktionäre einmal sein wird und wie immer auch die politischen Erfordernisse sein werden, die das Gedeihen eines grossen Volkes verlangt, um ihm in manchen Teilen der Erde die vollkommene Existenz zu ermöglichen. Ich denke, wenn ich diese Abänderung genehmigen würde, würde ich sehr wenig für diejenigen tun. die sie verlangen, und eine unbillige Beschränkung, möglicherweise auch eine Ungerechtigkeit an denen begehen, die ihr widerstreben, u n d d e mgemäss verwerfe ich das Gesuch und b e s t i m m e. dass die Gesellschaft die Kosten derjenigen bezahlen soll, die erschienen sind, um das Gesuch zu bekämpfe n." PARLAMENT. Das neueste Blutmärchen. Wer da .geglaubt hätte, dass die christlich-sozialen Antisemiten als ernste, ministrable Regierungspartei auf ihre bisherigen niedrigen Mätzchen, durch die sie auf die gemeinsten Volksinstinkte wirken, verzichten würden, hat sich getäuscht.Die Schneiders und Gregorigs sind wohl aus dem Parlament verschwunden, aber ihre Epigonen sind geblieben. Die gewissenlosen Hetzer, die selbst vor der infernalischen Verleumdung des Ritualmordes nicht zurückschrecken, wenn es gilt, die christliche Bevölkerung in ihrem Banne zu erhalten. Die Interpellation, welche am 5. d. M. von den christlich-sozialen Abgeordneten Franz B u d i g und Genossen betreffs des in der Gegend von Zwitl.iu vermissten und tot aufgefundenen 9 jährigen Knaben Gustav Zavadil an den Justizmhüster gerichtet wurde, dürfte wohl an Niedertracht und Verlogenheit kaum ihres Gleichen finden. Wiewohl durch Aerzte festgestellt wurde, dass der Knabe verhungert und erfroren ist, stellen die Interpellanten die unglaublichsten Hypothesen auf, um glauben zu machen, dass hier ein Ritualmord vorliege. Tnter den Interpellanten finden wir Geistliche, Professoren. Schuldirektoren usw. Sind diese Leute so gemein oder so beschränkt? Wahrscheinlich sind sie beides. Sonst könnten sie unmöglich eine Interpellation unterschreiben, die mit den Worten schliesst: „Wir unabhängigen Antisemiten, die wir auf Grund gerichtlicher und geschichtlicher Tatsachen vollständig überzeugt sind, dass R i t u a 1 m o r d e vorko mmen und deshalb auch gerne den Vorwurf auf uns nehmen, die Schande des XX, Jahrhunderts zu sein, verlangen im Interesse des christlich-antisemitischen Volkes, dessen Dolmetsch wir sind, eine genaue, gerichtliche, von Xichtjuden durchgeführte Untersuchung der in die Sache verwickelten Personen und eine den Tatsachen entsprechende Klarstellung des ganzen Sachverhaltes. Wir sind dann gerne bereit, das Ergebnis der gerichtlichen Untersuchung der Öffentlichkeit mitzuteilen." Es ist daher freudig zu begrüssen. dass sich alle jüdischen Abgeordneten, selbst die Sozialdemokraten, entschlossen haben, durch Holrat Kuranda diese Interpellation im Parlamente zurückzuweisen, respektive eine gemeinsame Erklärung abzugeben. Hofrat Kuranda hat sich in mutiger Weise dieser Aufgabe entledigt, indem er in der Form einer Anfrage an den Präsidenten auf den gefälschten Patbestand der Interpellation hinwies und die schlcuirgste rntersuchung, respektixe Beantwortung seitens des Justizministers forderte. Es ist bereits der zweite Fall, dass die jüdischen Abgeordneten, oh ae Rücksicht auf ihre Parteischattierung, einander näherkommen, um den gefährlichen antisemitischen Kmmziat'onen entgegenzutreten. Was im Laufe der -lojährigen Verfassungsära nicht möglich war, das hat die zusehends mächtiger werdende antisemitische Regierungspartei bewirkt: die jüdischen Abgeordneten finden von Fall zu Fall eine gemeinsame Plattform. Muss diese Plattform lediglich in den Angriffen der Antisemiten bestehen? Gib: es nicht eine Reihe von politischen Fragen, deren Lösung im Interesse der ganzen jüdischen Bevölkerung liegt? Das müsste die Plattform für al'e indischen Abgeordneten werden. Vielleicht denken die Herren ein bischen darüber nach? L iSORReSPCNDeNZCN ©csf «mi ch-Qti § avii. Oeffentliche Plenarsitzung des Kultnsvorstandes. Wien. Sonntag, den 17. Mai, 10 Uhr vormittags, findet eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Auf der Tagesordnung stehen: Beratung und Beschlussfassung über Aenderungen des Statutes, der Wahlordnung und des Kultussteuer-ßegulativs. Wir sind auf diese Sitzung wirklich gespannt. Zwar heisst es, dass die ganze Aenderung der Wahlordnung nur in einer Verlängerung der Wahltermine bestehen soll, es soll statt alle zwei nur alle drei Jahre gewählt werden, sowie dass die Reform des Steuerzensus eine geringfügige Erhöhung des höchsten Steuerzensus bringen soll. Aber wir sind neugierig, in welcher Weise die Herren Reformatoren es erklären werden, dass sie anlässlich einer Aenderung der Statuten über die Forderungen der weitesten Schichten nach einer Erweiterung des Wahlrechtes und einer Herabsetzung des Minimai- Steuersatzes brutal hinweggehen. Glauben die Herren wirklich, dass sie ihr Regime befestigen, wenn ihre Ohren taub bleiben gegenüber den gerechtesten Wünschen der Öffentlichkeit. Dann wird eben nichts anderes übrig bleiben, als lauter zu schreien. Das kann geschehen, noch heftiger, als es den Herren angenehmer wäre. * * * Nach Schluss des Blatteweiden wir vom Sekretariat der Kultusgemeinde telephonisdi \ erstandigt. dass diese Plenarsitzung entfällt. l>ie Redaktion. Eine jüdische Volksbank. Kotzmann. Vor einiger Zeit wurde hier die jüdische Volksbank und Sparkasse eröffnet. Die Bank bezweckt durch billigen Kredit und leichte Rückzahlungsmodalitäten dem jüdischenMittel-und Gewerbestande aufzuhelfen. Die Kreierung der Bank, ist besonders dem Bemühen der Herren Sigmund W e i s s » 1 a s, Löbel Taubes und Doktor Chaim Kinsb runner sowie dem sehr tätigen Ortskomitee, an dessen Spitze Herr Jakob Holder stand, zu verdanken. Bei der vorgenommenen Konstituierung des Bankvorstandes wurden gewählt : Zum Präsidenten