Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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tfr. 20. ®cf russische Militarismus und die Duden. Die Judendebatte in der Duma. (Von unserem Korrespondenten.) Petersburg, den 10. Mai 1908. Die dritte Duma wird zum "Unterschiede von den ersten zwei auseinandergejagten russischen Parlamenten die „Zarenduma" genannt. Während die erste Duma die „Vertretung des Volkes", das an den Zaren 1 und seine Regierung Forderungen stellte, und 1 die zweite Duma die „vermittelnde Duma" sein wollte, die, ohne extremradikale Forderungen zu stellen, sich damit begnügte, (die Vermittlerin zwischen Volk und 'Herrscher zu Isein und einem allmählichen Fortschritte die Weg'e zu bahnen, ist die dritte Duma, die (Duma des Zaren. Nach seinem Wunsche und Ebenbilde geschaffen, stellt der Zar und seine Hofklique seine autokratischen Forderungen an die russischen Völkerschaften im Wege der Duma. Man wird diesen Umstand stets vor Augen haben müssen, wenn man die Vorgänge in der dritten D'uma wird verstehen wollen. B/ei jeder Gelegenheit von noch so weittragender Bedeutung, die in dieser Duma zur Beratung gelangt, hat man nicht zu fragen: „Was frommt dem Volke?", sondern; „Wie will es der Zar?" So verhält es sich auch mit der Judenfragc. Wenn man die ganze Art, wie die Judenfrage in dem letzten Monat sowohl theoretisch, als auch praktisch in Russland behandelt wird, genau beobachtet, so wird man ungefähr zu folgendem Schlüsse gelangen müssen: Der Zar wünscht gegenwärtig keine Lösung der Judenfrage. Damit jedoch dieses Ausschalten der Judenfrage, von keiner Seite missdeutet werde, d. h. damit weder die Juden auf den Gedanken kommen, dass der Zar Gott behüte in ihrem Interesse an dieser heiklen Frage nicht rütteln lasse, noch die „Schwarzen Hundert" G{ott bewahre an ihrem obersten Beschützer zu zweifeln beginnen, lässt der Zar von Zeit zu 'Zeit die Herren Peruske witsch, Krupenski und ähnliche immune Judenfresser auf die geängstigten Juden los, um zu beweisen, dass der (Sinn des Kaisers von Russlang weder den Juden, noch den „Patrioten" gegenüber sich irgendwie geändert habe. Ausserdem sollen diese Ausfälle einen Vorgeschmack dafür bieten, wie die „Lösung der Judenfrage" aussehen würde, wenn sie von dieser Duma herbeigeführt werden sollte. Diese improvisierten Judendebatten haben tatsächlich keinen anderen Zweck, als die Juden und ihre eventuellen Freunde davon abzubringen, auf eine baldige Regelung der gesamten Judenfrage zu drängen. Von diesem Gesichtspunkte aus ist auch die Debatte zu beurteilen, die in der v vorgestrigen Satzung der Duma über den Militärdienst der Juden durchgeführt wurde. Wie alle die Juden betreffenden russischen Gesetze hat auch das Gesetz über den Militärdienst der Juden, seitdem die Juden unter die Herrschaft des Zarismus gelangt sind, die mannigfachsten Aenderungen erfahren und wie in allem, sind auch hierin die Juden von der Willkür lokaler Satrapen und den unerklärlichen „Senatserklärungen" abhängig. Dementsprechend herrscht auch bezüglich der Teilnahme der Juden am Militärdienst in offiziellen Kreisen die verschiedenartigste Auffassung; der eine Gouverneur ist der Ansicht, dass die Juden sich in zu grosser ^Zahl zum Militär „drängen", während der Andere wieder behauptet, dass sie sich in zu grosser Zahl ydcm Militärdienste — entziehen. So hat z. B. der Kommandant des Moskauer Militärdistriktes, General Hoerschelmann erst vor kurzer Zeit an die ihm unterstehenden Korpskommandanten eine Zirkularnote ergehen lassen, in welcher diese aufgefordert werden, ihm die Zahl der unter ihren Kommanden dienenden jüdischen Soldaten genau anzugeben. Zweck dieser Massregel war, wie der General betonte, ein zu grosses Anwachsen der jüdischen Soldaten hintanzu halte n." Die Judendebatte in der Duma. Was nun die Debatte in der Duma betrifft, so hat sie eigentlich keine Ueberraschung;' gebracht, als höchstens die, dass die Kadetten sich (endlich einmal dazu aufgerafft haben einen winzigen Teil ihrer Schuld an die jüdischen WäiWer abzutragen und durch ihren glänzendsten Redner Roditsche w die Juden gegen die Angriffe in Schutz zu nehmen. Die Komödie selbst hat nichts Neues gebracht, es war dieselbe, welche die Rechte und Oktobristen schon in der Reichsschutz-Konimission aufgeführt haben. Nur dass dort ,dcr Jude Nisselowitsch die Anwürfe zurückwies, während in der Plenarsitzung in erster Linie Roditschew dies Amt übernommen hatte. Präludiert wurde die Judendebatte schon durch den Konimissionsbericht, der des Langen und Breiten sich mit der „Entziehung der Jujden vom Militärdienste" beschäftigt^ Das diesbezügliche statistische Material ist sehr lehrreich, denn es stellt die Folgeerscheinungen der Judenverfolgungen der letzten fünf Jahre dar; die M assenauswander u ng, Massen m o r d und M a s s e n h i n r i c h t u n g der Juden ,in Russland. Der Bericht erwähnt ^natürlich diese Tatsachen nicht. Er erwähnt auch nicht, dass zahllose Juden namenlos hingerichtet wurden, die aber in den Matriken als Stellungspflichtige geführt wurden, er erwähnt nicht, dass viele Juden unter falschen Namen im Kerker schmachten, weil 5:ie ihre Familien nicht den Verfolgungen der Polizei preisgeben wollen . . . . Der Bericht sagt ganz trocken Folgendes: „Nach den offiziellen Ausweisen sind im Jahre 1903 insgesamt 3700 Stellungspflichtige nicht zur Assentierung erschienen, davon wpren 2000 Juden. Im Jahre 1904 von 19.000 10.590 Juden; im Jahre 1905 von 25.000 - 11.384; im Jahre 1906 von'2 1.000 — 10.469 und im Jahre 1907 von 25.000 — 10.700 Juden. Die parlamentarischen Huligans haben das Wort. Diese „offizielle Statistik" war das Losungswort für die ,,echten Russen", um über die Juden herzufallen. Als erster -erschien der WiJnaer Deputierte Z a m i s 1 o w s k i. Er führte u. A. aus : „Betrachtet man diese Ziffern, so entsteht die Frage, welche Mittel hat die Regierung bisher gegen diese Flucht der Juden vom Militärdienste anjgemomm.cn. Sie hat allerdings schon manche Massregel gegen die Juden ei griffen, die vielleicht auch nicht mit der vielgepriesenen Humanität in Einklang zu bringen sind, so z. B. dass die iFamilie jjedes Juden, der sich dem Militärdienste entzieht, 300 Rubel Strafe zu zahlen habe. Alle ,diese Mittel hätten jedoch wenig genützt. Zamislowski denun-