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Neue Nationalzeitung · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. »Neue Natkwiäl-Zeitujig" ^Peuilletoii. PAULINlS WENGEROFF;*j ©r. kilienthal. Von der hohen Altersstufe aus, die ein gutiges Geschick mich hat erreichen lassen, will ich einen Rückblick auf die für die Juden Litauens kulturell bedeutsame Epoche gegen Ende der dreissiger Jahre des vorigen Jahrhunderts werfen. Ich'sehe es als ein Glück an, jene Periode miterlebt zu haben, in der die grosszügigen Reformen unter der Regierung Kaiser Nokolaus 1. die geistige, ja sogar die physische Regeneration der Juden in Litauen herbeiführten. Wer, wie ich, die Zeit von 1838 bis heute durchlebt, all die religiösen Kämpfe im Familienleben der litauischen Juden mitgemacht und ^schliesslich den grossen Fortschritt beobachtet hat, der darf und muss seiner Bewunderung für,die Idee jener Reformgesetze Ausdruck verleihen, und vsie segnen. Ja, jnan darf sogar mit Begeisterung von ihr sprechen, wenn man die zumeist unkultivierten, armseligen Juden tler vierziger Jahre mit den litauischen Juden der sechziger und siebziger jähre vergleicht, unter denen es heute so viele vollkommen europäisch gebildete Aliümer gibt, die auf den verschiedensten Gebieten der Literatur, Wissenschaft und der Kunst Hervorragendes leisten und denen es an äusseren Ehren uikj Titeln nicht fehlt. Die Menge ahnt oft instinktiv das Eintreten eines grossen Ereignisses vorher. ( Im ganzen litauischen Gebiete verbreitete sich plötzlich das Gerücht, den Chedarim (jüdischen .Volksschulen) stehe eine gründliche Umwandlung bevor; von den Meiamdim (Volksschullehrer), die bisher ,im jüdischen Jargon Unterricht erteilten, werde künftighin die Kenntnis des Russischen gefordert werden, damit sie die Bibel den Schulkindern, in diese Sprache übersetzen könnten. Dieses Gerücht brachte den älteren Männern schwere Sorge. Sie dachten voll Schrecken daran, dass das Hebräische, das Wjort Gottes, wohl allmählich vernachlässigt werden sollte. tDie Jüngeren aber, darunter meine beiden älteren Schwager, nahmen die neue Kunde mit gespannter Erwartung auf. Aber sie wagten es nur flüsternd über die kommende Neugestaltung zu sprechen. Die Melamdim waren einfach verzweifelt. . . . Eines Tages brach, e mein Vater, vom Vorabendgebet zurückkehrend, aus der Synagoge die hochinteressante Mitteilung, dass das unlängst aufgetauchte Gerücht sich bewahrheite, ein Doktor der Philologie, namens Lilienthal, sei vom Ministerium für Volksbildung (an dessen Spitze der gebildete und humane Minister Uwaroff stand) beauftragt worden, ganz Russland zu bereisen, um das Bildungsniveau der Juden im ganzen Lande zu prüfen, sich über die Melamdim zu informieren, in deren Händen (der *) Aus den soeben erschienenen „Memoiren einer Grossmutter« von Pauline Wengeroff (Berlin bei M. Poppelauer) veiöffentlichen wir auszugsweise den interesrantesten Abschnitt, welcher ein lebhaftes Bild der russischen, von Dr. L i 1 i e n t h a 1, dem russischen Mendelsohn, befruchteten Aufklätungsperiode entwirft. Die Redaktion. Unterricht der jüdischen jagend lag; in Petersburg sei ein grossartiger kelonnplau entworfen worden und mit den Rabbiners, hulen in Wilna und Schitomir sollte innerhalb eines gewissen Zeitraums auch begonnen werden. Meinen \'ater, der strenggläubig war, betrübte jedoch ».ine bevorstehende Keform nicht zu sehr, denn er selbst klagte stets über die schleeliie L merrichtsweise in den jüdischen Schulen von Brest und wünschte mancherlei Verbesserungen auf diesem Gebiete. In der Tat war mit der Aufgabe, westeuropäische Bildung unter den Juden zu verbreiten, der Inspektor der Kigaer Volksschulen, Dr. phil. Lilienthal, betraut worden, weil er europäisch gebildeter Jude und;zugleich mit der hebräisenen Sprache vertraut war und einiges tahnudische W issen uesass. Lilienthal hatte sein Werk damit begonnen, dass er sich zunächst mit den angesehensten, jüdischen Gelehrten in Verbindung setzte, die während ihres ganzen Lebens in engst jr Fühlung mit dem \ eitstanden. So wandte er sich an den Derühmten Kabbi ueb Mendele Libawitzer, das Haupt der Chassidim- :->ekte, die mehr als 100.000 Anhänger üi Litauen, und Kleinrussland zählte. Ei hoffte, diese Autorität iur seine kulturellen Reformen gewinnen zu können. Ebenso eindringlich bemühte er sich um Reb Vhaim vYoloshimer, den Leiter der dortigen, Jeschiwa. Beide Aiänner berief der Minister nach Petersburg zur Beratung. Einen Erfolg hatte I. iiienthal damit nicht, denn die grosse Menge der Anhänger des Libawitzer ^abbi Hessen aus Eurcht ihren vergötterten Rabbi diesem Rufe nicht folgen, da sie ertahren hatten, dass es sich um grosse Reformen im iaimud- und Bibelunterricht handelte. Die Libawitzer fingen an, mit allen Mitteln gegen die Reformen zu eitern, unbekümmert um die Folgen [ct. Zeitschrift Woscüod 1903). In Petersburg war man entrüstet, aber Reb Mendele würde nur mit einem kurzen Hausarrest bestraft. Reb Chaim Wulyshiner weigerte sich auch, dem Rufe des Ministers nachzukommen. Er entschuldigte sich mit seinem hohen Alter: die Reise nach Petersburg sei für ,ihn zu beschwerlich. Er empfahl an seiner Stelle Reb David Bichewere. Dieser Vorschlag wurde aber nicht angenommen; und so trat Ur. Lilienthal die Reise nach dem .Niederlassungsgebiete der Juden an. Einige Tage waren seither verstrichen, als mein Vater cue Kunde brachte, Ur. Lilienthal sei bereits in Brest, unserem damaligen Wohnort, eingetroffen, und er wolle zusammen mit den jungen Leuten, meinen Schwägern, dem Doktor .einen Besuch abstatten. { Meine Mutter äusserte ihr nicht geringes Er - staunen über diese Absicht; der Vater erklärte ihr kurz und bündig: Wenn er selbst die jungen Leute nicht zu Dr. Lilienthal führen werde, so fänden sie schon selbst den Weg. Ich glaube aber, das war bloss eine Ausrede: mein Vater war selbst sehr gespannt, die Bekanntschaft des Dr. Lilienthal zu mächen, um so rasch wie möglich Genaueres über die bevorstehende Umwälzung im Schulwesen zu er-

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