Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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„Neue NationalZeitung" Seite 9. Nr. 19. bath zu lutlU'ii gedenke, so werde ich trotz des Sa h bath » c n a u wissen, u-a s ich zu tun h;i h e." Und diese- Leute wollen über die jüdisc he Gesinnung anderer zu Gericht sitzen! Schweiz. Oberrabbiner Joseph Wertheimer. Genf. Herr Oberrabbiner Joseph Wertheimer, Professor an der Universität Genf, Ritter der Ehrenlegion, ist am 27. April nach langem Krankenlager im Alter von 75 Jahren verschieden, Joseph Wertheimer wurde am 22. Mai jSjj in Sulz {(>berelsass) geboren. Er legte seine klassischen und theologischen Studien an den Universitäten zu Strassburg, Hcrliri und .Metz ab. Im Jahre 1858 wurde er zum Oberrabbiner von Oenf ernannt. Hei seinem Amts-Antritt fand er die jüdische Gemeinde in voller Uneinigkeit, in Parteien geteilt vor. Dank seiner Energie, seines unermüdlichen Ulcisses und seines grossen Organisationstalentes gelang es ihm, die Gemeinde ,zu vereinigen, ihre Interessen auf allen Gebieten, namentlich auf dem dei ich giösen Unterweisung der Jugend zu fördern. Sein Verdienst ist es, wenn die Genfer Gemeinde, die er als Kanzelredivr durch die Macht seines so .schlichten Wortes fast ein halbes Jahrhundert lang bezaubert hat, seitdem hi grösster Kiutrachi und in Frieden lebt. Als er am 28. Mai 1898 sein vierzigjähriges Amtsjubiläum feierte, fehlte es denn auch nicht an Ehrenbezeugungen, welche ihm seine dankbare Gemeinde, sowie die der Nachbarorte darbrachten. Aber nicht bloss als Oberhaupt der israelitischen Gemeintie, auch im Genfer I m versitätsleben spielte Joseph Wertheimer eine hervorragende Kolle. Am 26. September 1873 wurde er vom Staatsrate zum ausserordentlichen Professor für vergleichende Sprachwissenschaft ernannt; bereits ein Jahr darauf ward ihm die ordentliche Professur für dieses J ach zuerteilt, das er 32 Jahre lang an der Universität vertreten hat. Diejenigen, «eiche seine Vorlesungen gehört haben, weiden ihm das beste Andenken bewahren. Denn Wertheimer war jii' ht bloss vermöge, seiner ausgezeichneten .Spr.-tchkcrHifnis.se ein aus^czei« hneter Lehrer, er war auch das, was der Franzose;,cau.seur charmant" nennt, der auch die trockenste Wissenschaft immer interessant und fesselnd vorzutragen wusste. Von seinen wissenschaftlichen Werken und Abhandlungen seien hier folgende erwähnt: „Juifs d'Orient et d'Occident"; „Les Juifs et le. judaismc dans la societe moderne": ,,Jntroduction ä l'etude de linguistique'*, ,}Le Talmud, histoire de sa formation". Ii» Jahre 1906 zwangen ihn sein hohes Alter sowie seine Kabbinatsl'flichten, die Professur niederzulegen. Joseph Wertheimer wird eine grosse Lücke im Leben Genfs zurücklassen, nicht bloss bei der israelitischen Gemeinde, deren Oberhaupt er - am 28. Mai wären es 50 Jahre gewesen -- war. sondern auch bei den Andersgläubigen, wie bei Allen, denen es vergönnt war, mit dem ausgezeichneten Menschen in Herührung zu kommen. GSMGiN[>g=UN» VSReiNSNMftRilWW Wien. Der ,,Israelitische Ilumanitäts-Vercin zur Ausstat' Umg heiratsfähiger Mädchen" veranstaltet Montag, den 11. d. M., 6 Uhr abends, im Hotel „zum Auge Gottes". IX., NussdorferstrilS.se 75, seine Generalversammlung, Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien.' Am Samstag, den 9. Mai 1. ]., 8 Öhr abends, findet in Guth's Saal-Lokalitäten. II.. Stefaniestras.se 14. die 18. ordentliche Generalversammlung statt. Tagesordnung: 1, Bericht des Präsidenten über das abgelaufene Vereinsjahr. 2. Kassa-Bericht. 3. Bericht der Revisoren. 4. Vortrag unseres Mitgliedes, des Herrn Stadtbaumeisters und Bezirksrates Edmund Meieher: ..Ueber die Unterfangung eines 4 Stock hohen, bewohnten Hauses im IX. Bezirke." 5. Diskussion anschliessend an den Vortrag. 0. Antrage und Interpellationen. flLLSH W£ltt;iL£N Das Leben für den Czaren! Der Czar verlangt bekanntlich von seinen jüdischen Untertanen zweierlei Dinge: dass sie sich ruhig abschlachten lassen, und dass sie ihm Steuern und Rekruten liefern. Wenn sich ein jüdischer Rekrut seiner Dienstpflicht entzieht, so muss es die — Familie büssen, durch eine Geldstrafe von 300 Rubel. Die Regierung des Czaren geht noch weiter. Sie pumpt nicht nur überall, wo sie kann, sie zieht auch Geldstrafen von jüdischen Familien ein, die überhaupt keine Söhue haben . . . Davon wissen zwei Familien im Podolier Gouvernement zu erzählen. Den Ehegatten Rosenblut wurde ihr Sohn anlässlich der Oktober-Pogrome in Odessa ermordet; die Ehegatten Goldis hatten überhaupt keineu Sohn : das kostet in Russland je 300 Rubel Geldstrafe! Präsident Abraham Lincoln und die Juden. Anlässlich der Jahreswende des Geburtstages des belebtesten und bedeutendsten Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas, Mr. Lincoln, wird in amerikanischen Blättern eine Episode aus dem Leben des vielgefeierten und durch Mord aus der Welt geschiedenen grossen Staatsmannes erzählt. Am Februar 1861 — so wird erzählt, — verliess der frischgewählte Präsident der Vereinigten Staaten, Mr. Lincoln, in Begleitung einiger Freunde seinen Wohnsitz in Springfield, Illinois, um sein Regierungsamt anzutreten. Seine Mitbürger und Freunde gaben ihm bis zum Bahnhof das Geleite. Lincoln war von diesem Zeichen der Sympathie seiner Landsleute tief ergriffen und richtete an sie einige Abschieds worte, in denen er sie bat, für ihn zu beten, auf dass ihm die göttliche Hilfe zuteil werde, um sein verantwortungsvolles Amt mit Erfolg führen zu können. Vor seiner Abreise aus Springfield erhielt er von dem Chikagoer Kommunalbeamten Abraham Kohn ein kunstvoll ausgeführtes Bild, das die Fahne der Union darstellte und in ihren Feldern eine hebräische Inschrift trug. Es waren dies die Verse 4 und 9 des ersten Kapitels aus dem Buche Josua, in welchem diesem die Führung über das ganze Land aufgetragen wird: „Habe ich dir es nicht befohlen? Sei stark und fasse Mut; fürchte nicht und sei nicht mutlos; denn der Ewige, dein Gott, ist mit dir, wohin du dich auch wenden mögest". Präsident Lincoln hat dieses sinnige Geschenk des Abraham Kohn hochgeschätzt und daran wie an ein Heiligtum geglaubt. Aufenthaltsverbot der kranken Juden in Moskau. Der neue Stadthauptmann von Moskau, General Adrianow, hat allen Privatkrankenhäusern und anderen Spitälern verboten, kranke Juden aufzunehmen, welche in Moskau nicht das ständige Wohnrecht besitzen. Solche Juden, welche infolge von Krankheit nach Moskau kommen wollen, müssen zuerst die Erlaubnis des Ministers des Innern dazu erwirken. Die Ausweisungen derjenigen Juden aus Kiew, die ihr Wohnrecht nicht nachweisen können, werden immer umfangreicher. Am letzten Freitag nachts, nahm die Polizei wieder massenhaft Haussuchungen vor, bei denen 84 Juden verhaftet und aus der Stadt verwiesen wurden.