Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-05-08 · Heft 19 (8.5.1908) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 19 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425741--0789-2427098
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 19. fahren. Meiner Mutter geistiges Auge sah aber in dieser ganzen Angelegenheit tiefer und schärfer als das meines Vaters, was sich in der Folge auch bestätigt hat. Den Jubel der jungen Männer zu schildern, dass sie bald den interessanten Dr. Lilienthal besuchen sollten, ist unmöglich. Besonders glücklich war mein älterer Schwager, der neben hervorragender Begabung und ungewöhnlichen talmudischen Kenntnissen einen unermüdlichen Flciss besass. Im Alter von vierzehn Jahren hatte er fast das gesamte Wissen eines Rabbiners inne.--------— Der Besuch bei Dr. Lilicnthal war vorüber. Mein Vater hat viel, sehr viel erfahren: Erstens : Kein Chasid darf Melamed sein, zweitens: Jeder Melamed ist verpflichtet, die russische Sprache in Wort lind Schrift zu beherrschen und deutsch lesen zu können; ferner ist der Melamed verpflichtet, die Bibel und alle Propheten ohne Ausnahme genau zu kennen und endlich darf der Melamed mit den Schülern, die bereits im Talmud Unterricht erhalten, die folgenden Abschnitte nicht durchnehmen: Baba Me zia (Fcldschadcn), .Baba Kanin (Wechsclrecht), Baba Basra (Baugesetze). Dr. Lilienthal hielt sich einige Zeit in Brest auf und besuchte auch seinem Auftrag gemäss viele (hedarim. Er war entsetzt und niedergedrückt von dem verwilderten Aussehen der Melamdim, aber überrascht und entzückt von der semitischen Rassenreinheit der Zöglinge, insbesondere von ihren schwarzen, klugen Augen. Während seine» Biester Aufenthaltes versammelte Dr. Lilienthal täglich viele junge Leute um sich, denen er von der Notwendigkeit sprach, sich westeuropäische Bildung anzueignen. Er gab ihnen nützliche Ratschläge, schilderte ihnen in schönen Bildern ihre eigene Zukunft als Männer der Bildung und gewann sich damit die Herzen der empfänglichen Jugend, die wohl auf religiösem (iebiete den Bräuchen der Eltern treu blieb, sonst aber neue Bahnen einschlug und sich immer mehr von den kulturellen .Vnschaunngcn der älteren Generation entfernte -- das charakteristische Merkmal der Lilienthalschen Epoche! Von Brest reiste Dr. Lilienthal sodann nach Wilna, um auch dort seine Mission zu erfüllen. Eine Deputation der Gouvernementsstadt Minsk begrüsste ihn und lud ihn zu sich ein. Dr. Lilienthal leistete der Einladung Folge und ging nach Minsk, wo er von den angehensten Juden mit den grossten Ehren empfangen wurde. Gleich nach seiner Ankunft wurde eine Assiphe (allgemeine Versammlung ' einberufen, in der er wichtige Fragen beantworten sollte. Die Herren S. Rapaport und O. Lurie führten in der Versammlung das Wort. Die wichtigste Frage war: Was beabsichtigt der Minister für Volksbildung eigentlich mit der Reform? Sollten am Ende alle Juden Russlands lediglich zur Taufe vorbereitet werden? Dann würden sich alle Juden wie ein Mann gegen diese Reformen auflehnen und sie zum Scheitern bringen. Denn nähme man dem Juden seine Religion, so wankte der feste Boden unter seinen Füssen und er sei verloren. Seine eigenen Kinder würden sich gegen ihn empören. Dr. Lilienthal war entsetzt. Er schwur bei einer Sepher-Thora (heiligen Rolle), dass er den Juden Volkstum und Religion erhalten wolle und die Taufe verabscheue. Vor Aufregung weinend, versicherte er immer wieder, dass er nur das Beste für die Juden anstrebe. Schliesslich gelang es ihm, die Versammelten zu beruhigen. Auch nach der Stadt Woloschin, in der damals die Jeschiba (Talmudische Hochschule) in höchster Blüte stand, kam er in Erfüllung des ministeriellen Auftrages. In Woloschin musstc Lilienthal, um die Gemüter zu besänftigen, wiederholt beschwören, dass er allen Bestrebungen, die Juden der Taufe näher zu führen, fern stünde. — -—---—---- In aller Stille nahm unter den Juden Russlands die Kulturbewegung ihren Anfang. Die Jugend regte sich energisch; die geisvige Arbeit begann. Es kostete wenig Zeit und verhältnismässig geringe Mühe, die angedeuteten Reformen durchzuführen. Eine erfrischende Luft wehte durch die jüdische Gesellschaft der Stadt Brest, wie aller anderen russischjüdischen Orte. Tiefgreifend konn'en die Umwälzungen erst werden durch die Begründung in neuem Geiste geleiteter Rabbinerschulen. So entstanden die Schulen in Wilna und Schitomir. Die ersten Schüler waren zumeist junge Leute, die sich alle Mühe gegeben hatten, bei Eröffnung der Schulen aufgenommen zu werden. Nur seilen war ihnen der Eintritt in diese Schulen ohne Kämpfe in der Familie 'möglich. Wem es nicht leicht wurde, der riss sich von Weib und Kind los und flüchtete sich nach Deutschland, wo er oft in harter Not Medizin, Pharmacie, Philologie oder anderes mit glänzendem Resultate studierte. Die Stadt Rosieni in Kurland kann mehr als 10 solcher Ritter vom Geisie nennen, Aerzte, Juristen. Apotheker, Philosophen und Dichter, die teils in Russland, im Auslande studiert hatten. Noch jetzt lebt und wirkt in Russland ein Professor der orientalischen Sprachen, der seine fugend beim Talmudfolianten verbracht und sich später in dieser Weise ''ausgebildet hat. Freilich er und seine Kinder sind getauft. Auch den jüdischen Astronomen Gh. S. Slonimskv haben seine bedeutenden, talmudisrhcn Kenntnisse nicht gehindert — vielleicht haben sie sogar dazu beigetragen, in der Mathematik berühmt zu werden. — Die Mehrzahl der Zöglinge in den neuen Rabbincrschulen waren früher Talmudisten. Sie lernten leicht, und die meisten erhielten beim Abgang von der Schule die goldene Medaille, ebenso diejenigen, die später die Universität besuchten! Das Studium des Talmuds ist eben eine in jeder Hinsicht gute, geistige Uebung, wozu noch die Wissbegier, der temperamentvolle Charakter und der geistige Schwung des damaligen Juden kamen. ■ ■ Vet»gnügangs«Etablissement J ■ \\ „Venedig in W*™" \\ p gl Gesellschaft; m. b. II. g g ■ ■ Eröffnung am 1. Mai. ■ M Permanenzkarten ü K 15.— an der Tageskassa, I.' ■ ■ ■ H Rotenturmstr. lö (Basar) und in der Direktionskanz- ■ ■ B B - - iei II., k. k. Prater (Eingang Riesenradtor). - - ■ ■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.