Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425741--0785-2427094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19. „Neue Nariönal-Zeittiing" Seite 7. ärztlichen Stellen und bei Vergebung der Stipendien durch Zurücksetzung jüdischer Aspiranten vorkommen. Es ist erinnerlich, dass in unserem Blatte von einem höheren Offizier ein niederschmetternder Artikel (Nr. 52, Jahrg. 1907) publiziert wurde, in dem der Verfasser sehr detailliert alle Chikanen schilderte, denen nicht nur jüdische Aspiranten anlässlich ihrer Aufnahme, sondern auoh jüdische Militärärzte anlässlich ihrer angestrebten Beförderung ausgesetzt sind. Und nun hat der Minister die Interpellation beantwortet. Diese Antwort muss man lesen und sich genau merken. Nicht nur wegen ihres Inhaltes, sondern auch wegen ihrer Form. Die Regierung stellte sich darin zum erstenmal auf den Standpunkt, dass die Juden Beamtenstellen nur im Verhältnis zu ihrem Perzentsatz an der Bevölkerung beanspruchenkönnen. Recht boshaft wird hervorgehoben, dass die Juden zwar 4'7 Perzent der Bevölkerung, aber nur 3*6 Perzent der Heeresmannschaft bilden. Die ganze Antwort des Ministers atmet den Geist — U r i e 1 s. Die Reichsrats-Korrespondenz berichtet: In Beantwortung einer Interpellation des Abg. Dr. Gabel betreffend die Aufnahmt* von Israeliten ins militärärztlirhe Offit zierskorps führte in der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses der Landesverteidigungsminister FML. v. Georg i aus, dass bei der Auswahl der mit Stipendien zu beteilenden Hörer der Medizin zur Erzielung eines geeigneten Nachwuchses für das militärärztliche Offizierskorps konfessionelle Rücksichten nicht massgebend sind und dass auch jederzeit Stipendien an Vertreter aller Konfessionen verliehen wurden. So seien seit dem Jahn- 1SS8 neben 1534 Christen 108 Israeliten, (las ist 6.6 Prozent, juit Stipendien beteilt worden. In welch geringem Masse aber auch die von den Interpellanten, aufgestellte Behauptung, dass Israeliten seit der Wirksamkeit des derzeitigen ( liefs des militärärztlichen Offizierskorps in das letztere überhaupt nicht aufgenommen wurden, mit den Tatsachen übereinstimme, gehe daraus hervor, dass nach dein Stande vom n. Dezember 1907 nicht nur unter den Oberärzten die Israeliten mit 5.6 Prozent vertreten sind, sondern unter sämtlichen 1042 Angehörigen des militärärztlichen Offizierskorps 18 Prozent der mosaischen Konfession angehören, während die jüdischen Staatsbürger jn l>eiden Gebieten der Monarchie nur 4,7 Prozent der gesamten Bevölkerung ausmachen, und in der gesamten .Mannschaft des Heeres die Israeliten mit },6 Prozent vertreten sind. Nach den tatsächlich bestehenden Verhältnissen und den vorerwähnten Daten könne von einer Verletzung der Staatsgrundgesetze durch die Militärverwaltung in der bezeichneten Weise wohl nicht die Rede sein. Dem Verfasser dieser Antwort ist bei seiner Statistik ein Malheur passiert, welches so ziemlich den ganzen Wert dieser Antwort problematisch erscheinen lässt. Er hat nämlich vergessen, dass er auf dieselben Fragen schon einmal mit — anderen Ziffern geantwortet hat. Am 2. Juli 19G6 hat Reichskriegsminister von Pitreich (vgl. die stenographischen Sitzungsprotokolle der Delegation, XLI. Session, 7. Sitzung) in einer Polemik mit Dr. Straucher erwidert, dass an jüdische Aspiranten bisher, d. h. bis zum 2. Juli 19C6 114 Stipendien verliehen worden sind. Am 5. Mai 1908 erklärt der Herr Landesverteidigung sminister, dass an jüdische Aspiranten bisher, d. h. zum 5. Mai 1908 nur 108 Stipendien verliehen wurden. Was beweist dies? Es beweist nicht nur, dass in den letzten zwei Jahren kein ein* ziges Militär-Stipendium an einen jüdischen Aspiranten verliehen wurde, sondern, dass nach Ablauf von zwei weiteren Jahren die Gesamtzahl aller an Juden verliehenen Stipendien eine niedrigere ist, als zwei Jahre zuvor. . . . Und da sollen wir den Ziffern, die uns vom Departement Uriel bekanntgegeben werden, noch welchen Glauben schenken? Wenn uns aber die „18 Perzent der mosaischen Konfession" entgegengehalten werden, so können wir sie nicht als das Verdienst des Herrn von Uriel. sondern lediglich seiner Vormänner gelten lassen; sein trauriges Verdienst besteht darin, dass es im Jahre 1906 unter 44 Oberstabsärzten I. Klasse nur 2 Juden und unter 231 Regimentsärzten II. Klasse 11 Juden gab. Die 5'6 Perzent jüdischer Oberärztp, die seit der Wirksamkeit des Herrn von Uriel aufgenommen wurden, müssen wir uns noch näher ansehen. Sind das nicht am Ende Militärärzte der Landwehr, wo allerdings ein liberaler Geist weht? Denn noch im Jahre 1906 wusste der Herr Reichskriegsminister nichts von einem einzigen jüdischen Oberarzt zu erzählen. Die Antwort des Ministers wird gewiss Befriedigung hervorrufen bei den — Antisemiten. Dieser Hinweis auf die 4'7 Perzent der Bevölkerung war doch eine glänzende Idee. Aber sie hat eine Kehrseite und wenn wir auf diese hinweisen, dann wird die Militärverwaltung plötzlich blind. Warum gibt sie uns denn nicht 4 7 Perzent Juden beim Auditoriat, bei der Intendanz, beim Generalstab? . . Warum hat denn zum Zwecke dieser Fragestellung der „Jüdische Klub" nicht die Eröffnung der Debatte über die Antwort des Ministers verlangt? * # * Gegen den Antrag Schmid. Wie wir bereits angekündigt haben, bemühte sich Abg. Dr. Kolischer sein Ausbleiben von jener Sitzung des Budgetausschusses, in der die Majorität den Antrag Schmid angenommen hat, in der Weise gutzumachen, dass er in der nächsten am 30. April abgehaltenen Sitzung eine Rechtsvarwahrung einlegte. Hiebei musste es jedoch nur komisch wirken, wenn er sich darauf berief, dass er die Rechtsverwahrung im Namen aller jüdischen Abgeordneten „ohne Unterschied der Nationalität" vorbringe. Damit scheint nun der ganze Zwischenfall, der so viel Staub aufgewirbelt hat, erledigt. Die Regierung hat es jedoch bisher nicht für notwendig befunden, in dieser Angelegenheit irgendwie ihre Stellung zu präzisieren. Oder besteht vielleicht zwischen den Perzenten im Antrage Schmid und in der Antwort des Ministers von Georgi ein tieferer Zusammenhang? Zur ftefidemifig de* ßanl<stahiteii. (Ein abweisendes Urteil.) (Telegramm der „Nene National-Zeitung".) Lo n don, den 5. Mai. Heute f ind im hiesigen Handelsgericht (Richter Lord Evej die Urteilsverkündung in Sachen der , Jewish Colonial Trust Ltd." („Jüdische Kolonial - bank") statt. Die Kolonialbank wurde mit ihrem Gesuche um Äenderung der Bankstatuten, in der Richtung, dass die Tätigkeit der Bank in Zukunft hur auf Palästina, Syrien, die Halbinsel SH:ii und Cyprus beschränkt werden solle, kostenpflichtig a b;g e w i e s e n. In der Begründung; des Urteils wurde zunächst •darauf hingewiesen, dass das Bestreben zur Erlnn- ^ung Palästinas1 wenig Aussicht auf Erfolg habe,