Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. i,Newc NaäonaeZeiWifnlg* Seite 0. den Rulhenen dürfte jedenfalls diese Ernennung zu einem Aufflackern der radikalen Elemente zur Folge haben. Für die Juden würde es sieh jedoch empfehlen, eine zuwartende Haltung anzunehmen und es darauf ankommen zu lassen, ob der neue Statthalter Parteipolitiker und Klerikaler bleiben, oder ob er eine versöhnende Bolle spielen wird. Dies wird zum grossen Teil auch damit zusammenhängen, ob die Centrai-Regierung Bürgschalten dafür besitzt, dass sie in Galizien ihren gesetzlichen Einfluss ausüben, und dass nicht über ihren Kopf hinweg und unter ßrüskierung ihrer Entschlüsse regiert werden wird. L. Brief aus ^Jerusalem. Sie verlangen von mir, dass ich Ihnen etwas über das neue Leben in Jerusalem schreibe. Ich tue es jetzt voll Freude. Denn, wenn ich ,das neu in Jerusalem sic h webende Leben betrachte, wird mein Herz von manchen noch unklaren Gefühlen erregt, mein Gehirn fängt zu träumen und zu phantasieren an und eine geheime Kraft treibt mich, yiie Feder in die Hand ,zu nehmen, um alle Bilder, die vor dem inneren Auge schweben, aufs Papier zu bringen. Wir, Jerusalemer, sind an das traurige, sorgenvolle Alltagsleben so gewöhnt, dass wir bei Betrachtung einer hoffnungsvollen Neuerung, vom Enthusiasmus und Entzücken hingerissen werden. Wir finden dann kein Mass, um die Im Inneren des Herzens wogenden Gefühle auszusprechen und malen uns alles viel schöner, als es in der Wirklichkeit ist, aus. Ich will mich aber diesmal (bemühen, meinen Enthusiasmus zu massigen und will es versuchen, Ihnen ein klares Bild eines bedeutenden,Faktors in unserem neuen fcrusalemer Leben vorzuführen. Ein heller warmer Wintersabbat. Eine herrliche Sonne erschien am blauen wolkenlosen Himmel (und die ganze Jerusalemer Natur drückte Freude, Glück und Entzücken aus. An diesem Tag veranstaltete Herr Prof. Boris Schatz eine Ausstellung der B e z a 1 e 1 - Arbeiten. Das Jerusalemer Publikum liebt es, sein Auge an dem Interessanten und Merkwürdigen, das sich ausserhalb des engen Kreises seines kummer- und mühevollen Lebens ereignet, zu laben. An diesem Sabbat war ihm die günstige ■Gelegenheit geboten, bei der Ausstellung, im „Bezalel" seine Sehnsucht zu stillen. Das nicht zu grosse Zimmer, in welchem diese Ausstellung stattfand, war von Männern, Frauen und Kindern überfüllt. Die Wände und der Boden waren mit Bezalelteppichen bedeckt. Ich wusste nicht, wem früher meinen Blick zuzuwenden, den Besuchern oder den Teppichen. Die Teppiche! Meine W7orte klingen vielleicht zu naiv, aber ich schäme mich ihrer nicht. Ich bin ein Jerusalemer, der nicht'viel in der Welt gesehen hat*) und bei Betrachtung solcher Gegenstände steigt mein Entzücken bis zur Naivetät. Ich habe zwar viele Teppiche hier in den Läden gesehen; dieselben werden aus Persien, Smyrna und Konstantinopel gebracht. Aber diese konnten bei mir nur Interesse hervorrufen; sie vermochten mich nicht in Entzücken zu versetzen, wie es bei'Betrachtung der Bezalelteppiche der Fall war. An der südlichen Wand hängt ein grosser Teppich; seine Zeichnung stellt eine Menora vor, deren *) So sagen ja die Europäer mitleidsYoll. Becher aus roten Anemonen bestehen. An meiner Seite stehen zwei junge Mädchen, die an diesem Teppich gearbeitet haben und eine flüstert der anderen zu: ,,Kennst du diese Blumen, weisst du was für eine Sage sie erzählen? Wir hatten Helden. Volkshelden und sie fielen als Opfer auf dem 'Altare ihrer Volksfreiheit. Und ihr Blut floss auf unseren Hügeln, auf unseren Bergen und aus diesem Blute Wuchsen diese roten Anemonen hervor. . . ." Und sie flüstern unter einander und in ihren schwarzen grossen schönen Augen glänzt ein Feuer, welches das Herz, alle Sinne entzündet. Dieses Feuer kann nur derjenige verstehen, der diese zwei Mädchen an dem Teppichwebstuhl sitzen sah, wie sie Fäden mit Fäden knüpften und von unserer Vergangenheit und Zukunft, von unseren Träumen und Hoffnungen sangen. Lange war ich von den zwei schwarzäugigen Mädchen hingezogen, später aber wendete sich mein Blick wieder dem grossen Teppiche zu. Ein Rahmen von künstlerisch gezeichneten hebräischen Buchstaben umringt den ganzen Teppich und diese stilisierten Buchstaben sch'iessen und verbinden sich zu einer schönen künstlichen, ja herrliehen Zeichnung. Ich sage ..herrlich'', obwohl ich von Kunst nicht viel verstehe; der Umstand jedoch, dass diese Stilisierung eine Neuheit in der Kunst ist, ermutigt mich zu diesem Ausruf. Mein Blick wandert von einem Teppich zum anderen, doch immer wieder kehrt er zum grossen Teppich zurück. Unten am Rande des Teppichs sieht man in grossen hebräischen Lettern die Worte: ,,Wisse, vor wem du steh-t", im Teppich gewirkt. Weisst du, vor wem du siehst? Nicht vor dem Kaiser, nicht vor irgend einem grossen Herrn; du Stehst vor dem ersten grossen Teppich, welchen die ersten Jerusalemer jüdischen Knüpferinnen in der ersten jüdischen palästinensischen Kunstgewerbeschule angefertigt haben! Geringschätzen Sie das nicht! Vor zwei Jahre haben wir davon gar nicht geträumt, vor zwei Jahren ist uns gar nicht fin den Sinn gekommen, dass hier in Jerusalem eine jüdische Kunstgewerbeschule eröffnet werden wird. Und während einer so kurzen Zeit, trotz unserer zerrüt teten Zustände, trotz aller Störungen seitens guter Freunde" ist doch etwas erreicht worden! Man muss zugeben, dass diese Schule sehr schwer gearbeitet hat. Ich will hier keine Lobgesänge für den Direktor, die Angestellten, die Schüler und Schülerinnen anstimmen; ihre Arbeit lobt sich von selbst. Ich betone dies nur darum, damit wir doch bei unserer Kritik gerecht seien. Hätten wir den Leiter des ,,Bezalel" und sein Komitee in Berlin tüchtiger unterstützt, hatten wir uns bemüht, reicher zu säen, dann wären auch die Früchte reicher und unsere Freude grösser. Aber welche Freude bemerkte ich auf den Gesichtern aller Ausstellungs-Besucher. Diese sind keine Grübler, sondern bescheidene Leute, welche an dem Schönen ihre Freude haben. Und ist denn nicht das Grübeln die Ursache aller Unglücke? Wieviel Institute sind hier bis zum Grund durch Solches Nachgrübeln untergraben worden! Ich will lieber schweigen. . . . Die Besucher sind sowohl Orthodoxe, als Freidenker; mehr Interesse flössen mir die ersteren ein, weil sie immer sagen : „Gesegnet sei der Ewige für jeden Tag!" Und was für freudigen Gesichtsausdruck zei gen die Mütter der Teppichknüpferinnen, die die Arbeit ihrer Töchter anzuschauen herkamen! ,,Du