Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite U „Neue National-Zeitimg" Nr. 16/17. — „Alte" — sprach er zu ihr — „es ist zum Spucken, was du da tust. Nimmst so ein Kleinod, einen Brillanten und tauscht ihn ein, gegen weiss der Teufel was! Ein Besen kann dir nützlich sein, von einer Bürste hingegen wirst du nichts, als Leiden haben. Erstens ein.aal. willst du zum Beispiel die Stube ausfegen, so tunkst du ihn •einfach in den Mühlbottich ein, und Srhiuss. Eine Bürste hingegen lässt sich nicht in den Mühlbottich eintunken. Oder nehmen wir an, du willst einen Hund oder ein Schwein aus der Küche jagen, cht schwingst einfach den Besen - Innais! Tschü ho! Und draussen sind die Bestien. Was wirst du aber anfangen mit der Bürste? Mit welchem Ende wirst du da deine Kunststücke machen? Line Bürste ist wie eine Katze. Trittst du auf sie, so springt sie dir ins Gesicht. Und dann, wo bleibe ich selbst. (Hier geht ein Beben durch den Körper des Robbe, seine Augen blicken melanch'iiisch.) Brauche ich jetzt einmal eine Rute, um so einen Kerl von der ..Weissen Bande" durchzuhauen, so lange ich einfach nach dem Besen, da gibt es Rutec, ein wahres Paradies! Aber geh! Versuch mal, aus der Bürste eine Rute zu ziehen." Die Rebbczin hatte es nun ein für allemal sich in den Kopf-gesetzt: Schhiss mit dem Bosen! (Wir, vom „Weissen Verbände", haben stets von unten nach oben gearbeitet.) Sie erklärte kurz und bündig, dass sie den Besen zu allen Teufeln auf den Mist werfe, und lieber ohne Besen und ohne Bürste bleiben wolle: Also Revolution! Da hat nun der Robbe klein beigegeben, indem er meinte: „Weisst du was, mein Weib, du willst eine Bürste haben. Kauf dir eine Bürste! Jedoch nur unter einer Bedingung: Den Besen trag', sei so gut, auf den Boden, und lasse ihn dort in Frieden liegen. Man kann nicht wissen, er kann noch einmal nützlich werden. ..."; Zw eit er Teil: < Mit der Bürste ist's aus, der Besen kehrt wieder. Als die Rebbezin die Bürste heimbrachte, strahlte ihr Gesicht wie eine silberne Menorah. Sie brüstete sich vor allen Nachbarinnen, ihr Kredit bei dem Krämer und in der Fleischbank war plötzlich gestiegen. Kleinigkeit, eine Hausfrau, mit einer funkelnagelneuen Bürste! Die Stube ausfegen : Davon kann nicht die Rede sein, wäre einfach eine Sünde! Und nebenbei blieben ihre Hände nicht ruhig. Sic sind wohl an den Besen gewöhnt, aber sie bat die Bürste gewissermassen um Entschuldigung, dass sie sie bemühen müsse, mit ihr ein wenig zwischen die Betten und unter die Betten, dann wieder unter den Ofen zu kriechen. Und als die Rebbezin schliesslich die Bürste wieder auf ihren Platz zurückgelegt hatte, war sie ganz rot, und der Schweiss rann ihr vom Gesichte. Sie war ' unzufrieden, sehr unzufrieden. Der Robbe hatte es wohl bemerkt, dass der Rebbezin die Galle steigt, tat aber so, wie wenn er nichts bemerkt hätte. Er warf einen Blick auf den Boden, scharrte mit dem Pantoffel hin und her, dann schnarrte er durch die Nase: „Warum wird der Mist da nicht weggefegt? Ist denn das da heilig, dass es nicht berührt werden darf?" Die Rebbezin war gezwungen, wieder die Bürste hervorzuholen, und eine kleine Rcinlichkeits - reparatur vorzunehmen. Und wie zum Trotze, jagt' der Teufel gerade jetzt einen Pfund in die Küche, der läuft schnür stracks auf die dort Hegende Leber, und — schwubtas, rennt er mit ihr davon. Und noch che die Rebbezin sich umschaut, steht auch schon eine Sau über den Mühlbottich und schleckt gierig grunzend den Inhalt. Eine wahre Katastrophe von Gott. . . . Die Rebbezin liess den Hund laufen, sie wollte ihre c^anze Wut auf die Sau loslassen, schleudert die Bürste nach dem Bist, aber krach! Die Bürste fliegt ins Fenster, zertrümmert eine Scheibe, und zerschlägt hinterher auch noch einen Teller. Die zertrümmerte Scheibe und der zerbrochene Teller hatten die Rebbezin vollends aus der Fassung gebracht. Sic vergass ganz auf die Sau, und die Sau kümmerte sich auch gar nicht weiter um die Rebbezin, sondern schleckte gemächlich fort an dem Inhalte des Mühlbottich, wie wenn sie zu Hause wäre. Der Rebbe Nafrali, er soll hundert und zwanzig Jahre loben — er lebt noch -- hat das alles mit angesehen, und tat, wie wenn er nichts gesehen hätte. Sinnend sprach er vor sich hin: ..Lang lebe das Schwein!" Aus Gram, und Aergernis darüber, dass der Rebbe kein Wort sprach, warf die Rebbezin die Bürste in einen Winkel an der Wand, und versetzte ihr obendrein einen wütenden Klaps auf die borstige Seite. Da vermochte sie rber nicht länger an sich zu halten und mit dem Finger auf uns weisend, rief sie dem Rebbe zu: „Das ist ihre Arbeit, dieser Hallunken und Bankerts. Man muss ihn 11 wieder einmal von dem alten Besen zu koston geben." , < Die Augen des Rebbe nahmen wieder ihren alten Glanz an. zu uns sprach er Zweiter kein Wort. Er warf uns einen furchtbaren Blick zu, dann winkte er der Rebbezin, und die Rebbezin hatte den Wink verstanden. Sie rannte in höchst eigener Person auf den Dachboden, holte zurück den alten Besen, und der Rebbe unterzog sich der Mühe, suchte einige alte aber durchaus gute Ruten 'aus, nahm uns dann einzeln übers Knie, und zimbelte mit frischem Mut auf uns ein, gerade dort, wohin es gehört. Und während er auf uns einhieb, frug ur uns leutselig aus, wir möchten ihm doch aufrichtig, wie Kinder es lieben, die Wahrheit sagen: Was ist besser, eine neue Bürste oder ein alter Besen? Ende-. ßit) gedcFabcnd. Von Dr. Mayer Ebner (Czernowitz.) (Nach Mitteilungen eines rumänischen Juden aus den Tagen der Bauernunruhen anno 1907.) Ich bin heimgekehrt. Man sagte uns, in Bordujeni und Umgebung sei es wieder ruhig geworden. Es ist wahr. Die Türen sind offen imd niemand stiehlt, niemand plündert, niemand raubt. Ideale Sicherheitszustände. Pochenden Herzens eilen wir, ich, meine arme Frau und meine Kinder in funsere Wohnung. Tür und Tor geöffnet, aber wir über - raschen keine Diebe, denn es ist nichts mehr <la, was die Raubgesellen reizen kann. Meine Frau bricht in Tränen aus. Die Arme, sie ist ja mit dem Heim mehr verwachsen, als ich. Das Heim ist ihr ein kleines Königreich, jede unserer kleinen, netten Stuben war ihr eine kleine, liebe Provinz. Die bescheidenen Möbel waren ihre Untertanen, und sie