Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1617. ein Bleistift sein. Sitzt er auf der Elektrischen, schreibt er in sein Notizbuch oder auf ein Stück Papier. Seine Muse ist — wie die jüdischen Frauen sagen — in Mizrajim geboren. Dabei schöpft er alles aus seinem Innern . . . Ich will hier weder über den künstlerischen Wert der Werke Scholem Aleichems, noch über sein Talent urteilen. Nur eines will ich bemerken: alles, was er uns schenkt, gibt er aus seinem eigensten Selbst. Er gehört nicht zu gewissen jüdischen Schriftstellern, die das, was sie gelesen und glücklich verdaut haben, dann für ihr eigenes ausgeben. Unser Dichter schöpft immerfort aus eigenen Quellen und diese werden nicht trocken Seht zu, wie er arbeitet: Er sitzt da. denkt nach, plaudert auch mit Euch bei einem Glase Kaffee, und eh' Ihr es Euch verseht, . . . schreibt er eine Geschichte. Ob Scholem Aleichem viel von Kultur und Bildung weiss? Durchaus nicht! Er kfnnt sich weder in der Weltliteratur, noch in der Kunstwelt aus. Wozu auch? Es geht auch so. Im Gegenteil — so ist er unverfälscht jüdisch, eigenartiger geblieben und der Scholem Aleichem geworden, den wir so lieben. In Marienbad habe ich zum erstenmal gebort, wie Scholem Aleichem seine Sachen vorliest. Dies war in einer grossen Versammlung, Nie werde ich vergessen, welches Vergnügen ich dabei gehabt habe. Die besten Vorleser Europas habe ich gehört, die berühmtesten Künstler, aber nie hatte ich so einen Genuss, wie bei Aleichems Vorlesung. Wenn er seine Erzählungen selbst liest, bekommen sie ein ganz neues Leben. Aber wie trägt er auch vor! Man muss es hören. Er redet mit der Sprache seiner Personen, lebt ihr Leben, nimmt ihre Geberden und Mienen an. Seine Vorlesimg ist reine Kunst. Denn alles tut er mit künstlerischem Mass und Takt, ohne irgendwie zu übertreiben. Und die Wirkung bleibt auch nicht aus: Seine Zuhörer wälzen sich vor Lachen — doch er lächelt nicht. Das geht ihn ja nichts an. Kalt und ruhig bleibt er. Wer Aleichem nicht seine Sachen vortragen hörte, weiss nicht, was Jiddisch-Vorlesen heisst. In diesem Dichter ist ein Komiker ersten Ranges verloren gegangen. Sein bewegliches Gesicht ist voll Humor und Komik. Würde ich ihn auf der Strasse sehen und mir keiner gesagt haben, das sei Scholem Aleichem, ich hätte ihn doch erkannt.....Sein Aeusseres harmoniert vollkommen mit seinem Innern. Den Anschein hat es wenigstens. Seit einigen Monaten weilt Aleichem in Berlin und ich habe ihn nun aus nächster Nähe kennen gelernt. Was mich bei ihm wundert, ist, dass er in vielen Sachen beinahe kindisch ist. Dieser Witzling, der sich über die ganze Welt lustig macht, ist sehr oft ein richtiges Kind; ohne jede Spur von Menschenkenntnis. Häufig wenn ich mit ihm rede und er über alles Mögliche und Unmögliche witzelt und scherzt, muss ich mich fragen: ist er wirklich wie er scheint, oder ist das auch ein Witz von ihm? Wer weiss? .... Besonders gefällt mir an ihm seine Zufriedenheit. Er ist immer zufrieden. Ich habe noch nie von ihm ein schlechtes Wort über andere Schriftsteller gehört. Niemanden ist er neidisch und gönnt einem jeden den Erfolg. Dies ist eine seltene Erscheinung unter Schriftstellern. Sein liebstes ist ihm die jiddische Sprache. Wie beherrscht er sie auch! Sowie er ein neues Wort oder einen neuen Ausdruck in Jiddisch hört, nimmt er gleich sein Notizbuch zur Hand, um es aufzuschreiben. Und findet er selbst etwas neues, so freut er sich darüber, als ob er irgend eine Rarität geschenkt bekommen hätte. Nicht weniger liebt er die hebräische Sprache und er findet auch Gefallen daran, mit mir hebräisch zu reden. Wie schön spricht er sie! Darauf ist er auch nicht wenig stolz, dass er auch hebräisch schreiben kann. Und Scholem Aleichem schreibt auch in unserer alten nationalen Sprache .... Aber hier in Berlin fühlt er sich wie in einer ihm ganz fremden Welt. Er ist zu eng verbunden mit seinen Masupetker und Jehupitzer Juden. Die deutschen Juden versteht er nicht — sowie auch sie ihn nicht verstehen. SCHOLEM ALEICHEM (Berlin): ©ei* Uesen und die Jiifaste.*) Eine ChedergeschicLte in zwei Teilen. Erster Teil: ' Eine Bürste anstatt des Besens. Der Robbe X a f t a 1 i, er soll hundert und zwanzig- Jahre leben - er lebt noch — ^ar ein kleiner, unbedeutender Mensch, der der alten Zeit angehörte. Er wusste, dass zu jeder Stube ein Uesen gehöre, wie zu einein gewissen Körperteil eines Chcderjungen die- Rute, zu jedem!hmd der Stock, zu jedem K<>j>i eiti Jarmekcl, gen;., u so, wie jeder Jude sein (leid, jeder Fisch sein -n Krenn und jeder Kosak seinen Brantwcin haben müssen. Es kann nicht andere sein. s;>lJ nicht anders sein und wird nicht anders sein. S.i hat der Rebbe Xaftali entschieden! Damit ist aber ein«' solche Sache noch nicht abgetan. Die Ejhscheidung hat wohl der Rebbe, aber die Ausführung die Rebbezin. End .die Rebbezin Rfitzl hatte ihren eigenen Willen. Sie hatte sich -darauf versteift, sie will eine Bürste haben! Die Mode erfordert heute t ine Bürste! Alle Nachbarinnen haben heute -eh'.>n Bürsten anstatt Besen und sie will auch eine haben. Auf diese Idee wurde sie eich will euch die Wahrheit nicht verhehlen) von uns, dem Weissen Vorbände'' der Flieder jungen, gebracht. Des Uesens y'uul wir nämlich schon zu sehr überdrüssig geworden. Zu oft hat sich der Rebbe von ihr die Ruten geholt; uns zu Ehren. Kur/, wir waren es, die ihr immer, heimlich, dass der Rebbe es nicht hören könne, in den Dhron lagen: ..Rebbezin! Wozu taugt ihnen der Besen? Der Bosen -- pfui! Eine Bürste, das ist was anderes! Werfen Sie doch den Bosen hinaus und kaufen Sie sich dafür eine Dürste! . . ." So lange raunten wir ihr diese verführerischen Worte zu, bis die Rebbezin anbiss und den Rebbe ins (larn zu locken begann. Durch lleuchein und Schmeicheln, Schöntun und Fluchen, wie das schon Weiber so gut vorstehen. Der Rebbe versuchte, sich dieser gefährlichen Angriffe zu erwehren. Er versuchte es mit (intern, versuchte es mit Börcm, aber es half nichts. *. Diese Erzählung ist eine ^cistn-i. lu- Persiflage der ru-oir-chen ViTlassung.szu<t;inde. Der Rebbe Xaftali heisst eigentli< h ganz anders. In Russland darf kein Jude einen jüdischen Namen tragen. Daher heisst oft Mojsche Iwan. Meier Peter und Nuftali — X i k u 1 a j. Anni. d. Red.