Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 15. regierte mit Schlüssel und T ederwisch so streng und doch so mild. Alles ist hin. Durch zerbrochene Fenster zieht der Nachwinter ins Haus, Federpolster zerrissen, Kleider gestohlen, der Silberkasten leer, Stühle mit verrenkten Füssen, Tische mit eingedrückten Platten, gut dass auch die Spiegel zertrümmert sind, damit nicht jeder in sein wachsgelbes Antlitz, sieht. Passah machen! Noch einige Stunde stehen uns zur Verfügung. Fensler werden mit Papier verklebt, einige irdene Gelasse, die dem Gesindel zu schlecht erschienen waren, werden mit siedendem Wasser schlecht und recht passahfähig gemacht. Mein älteres Mädchen nähr che Polster zusammen, ich pölze Tische und Siühle, ineine Frau kramt die Schätze aus, die uns mitleidige Seelen geschenkt haben: Kartoffel, ungesäuertes Brot und Salz. Zwei Kerzen in Lehmleuchtern — mein Sohn hat sie kunstfertig geknetet — erleuchten die „gute Stube", die noch vor wenigen Tagen ein Bild unserer bescheidenen Wohlhabenheit war. Und wir setzen uns zu Tische, ich oben hingelehnt auf weichem Polster, rechts meine Frau, die arme, arme Passahkönigin, links mein Sohn und meine Tochter, im Schosse der Mutter ein blondlockiges Knäbiein. Und auf dem Tische ist alles da, ungesäuertes Brot und Kartoffel und liier in Salzwasser und auch ein Fläschchcn Wein und ach, auch die Bitterkräuter fehlen nicht und doch fehlt alles, alles was sonst das Herz erfreut. . . . ich beginne in alter Weise, l'nd wie ich zur Stelle komme: „Wer hungrig ist, komme herein und esse" - stockt meine Stimme. Was kann ein Hungriger bei Plungernden finden? Mein älterer Knabe merkt meine Verlegenheit und es löst sich seine Zunge und, mich fum Verzeihung bittend, fängt er an zu fragen: „Vater, lieber guter Vater, warum ist es heute so hässlich bei uns, wo es doch immer so schön war? Warum weint die Mutter still vor sich ilhn und warum wendest du deinen Blick von deinen Kindern? Warum haben böse Menschen unser Haus erbrochen, haben gestohlen und geraubt? Was haben wir diesen scniimmen Menschen Böses getan, dass sie uns misshandelt und hinausgejagt haben? Warum haben die Soldaten und die Hauptleute das alles mitangesehen und haben gelacht, während wir alle so schrecklich weinten? Warum ist es jenseits der Grenze dort bei den g nen Leuten ganz anders und warum ist es bei uns so traurig? Warum das alles Vater, warum lieber guter Vater?" Und nachdem meine Frau ihr markerschütterndes Weinen unterbrochen, nachdem ich die Tränen, die in meinen Bart rannen, weggewischt, legte ich die aufgeschlagene Hagidah bei Seite und hub also an:; „Knechte sind wir jetzt und wir waren einst Söhne der Freiheit. Vor 2üoo Jahren hatten auch wir ein eigenes Land, ein schönes, ein blühendes und ein herrliches Land, in dem Milch und Honig floss. Und eigene Könige und Fürsten hatten wir und unsere prächtige heilige Stadt Jerusalem stand noch und über alle Länder und Meere glänzte in Gold, in weissem Marmor unser Tempel. Und wenn die Passahzeit nahte, d.is Fest der ungesäuerten Brote, das Fest der .Erinnerung an den Auszug aus dem Lande der Knechtschaft in das Land der Freiheit, dann wimmelte es im ganzen jüdischen Lande von Dan bis Bersaba vom blauen Mittelmeer bis zur syrisch-arabischen Wüste, von fröhlichen .Wanderern, die mit Weib und Kindern nach dem Herzen Judäas strebten, um Gott zu opfern und die Freiheit zu preisen. Und. die Königin aller Städte, Jerusalem, konnte die Millionen nictit fassen und sie lagerten in den herrlichen Vorstädten und blühenden Lustgärten der Hauptstadt, Am 14. Tage unsere:- ersten Monates zogen sie festlich gekleidet hinauf zum Berge Moriah, zum heiligen Tempel, brachten das Osteiiamm dar und v erzehrten es im Kreise \ 011 zehn oder zwanzig, der Opferrauch dampfte und der Lewiten Harfen klangen und herzerhebend erschollen die Gesänge vom neiligen Zion. Und aucii F'vmde kamen, Juden von Alexandrien und Grieehcnicind, \;>n Italien und Spanien, ja von Gallien und i'»: itannien, denn schon damals lebte ein Teil des Volkes in der Zerstreuung und alle brachten oder sandten herrliche Weihgeschenke in Gold, Silber und Edelsteinen. Ja die Xichtjuden, die heidnischen Kömer und Griechen nahten nur mit dem Schauder der Ehrfurcht und Anbetung den heiligen Stätten und opferten Ihm, dem Ewigen und Einzigen. Das war alles vor 2000 Jahren und noch 1000 Jahre früher. Aber die Juden w ussten wohl dies Glück der Freiheil zu scnäizcn - denn sie starben für die Freiheit — aber sie verstanden es nicht <die Freiheit zu bewahren. Jahrhundertelang waren sie der Spielball in den Händen herrschsüchtiger Tyrannen und selbst als der Römer vor den Toren lagerte, waren sie in drei Parte'cn gespalten, und.Eleazar und bimon und Joha iiicd rangen um die Vorherrschalt, bis sie wohl die Not einigte, da es aber zu spät war. I nd so ging alles zu (Orunde, das Vaterland und die heilige .-»ladt und der Tempel .und die Freiheit und erst da h< gann die Knechtschaft, die schlimmer ist als in Aegypten, weil wir dort wenigstens beisammen waren, in alle .Länder wurden wir zerstreut und in entfernte Meere trug <las Schiff die heimatlosen KLidcr Israels. Aber nirgends landen wir Ruhe. Von Spanien trieb man uns, Von Frankreich und von Deutschland, in Polen fanden wir Aufnahme, aber wie oft bluteten wir auch dort, wenn räuberische Kosaken das Land überfielen und bis nach Russland und Rumänien trieb uns das Verhängnis unseres Volkjs. Und nun weisst du lieber Sohn, warum all das Unglück über uns gekommen ist. Wir haben die Heimat nicht zu halten gewusst und nun haben wir kein Vaterland. Ais Fremde sind wir ins Land gekommen und werden, trotzdem wir seit Jahr linderten hier wohnen, als Fremde angesehen. Wir sind Juden und daher hassi und verfolgt man uns. Man schlagt uns für fremde Sünden, und wenn auch unter uns einige Sünder sind, so niuss das ganze Volk dafür büssen. Ihr meine guten Kinde." habt das selbst erlebt, was sechzig Generationen vor Euch auch erlebt haben. Wir haben niemals und nirgends ehrlichen Schutz gefunden, wenn es auch in manchen Ländern scheint, als hätten unsere Brüder endlich einmal Ruhe. Aber auch unsere Brüder im Westen fühlen sich nirgends wohl und nirgends sicher und niemand kann jemals seines Lebens ganz froh werden. Auch uns kann noch zuweilen me Sonne scheinen, aber wisset, eine finstere Wolke kann kommen und die Sonne verhüllt ihr Antlitz, damit sie das Grässliche nicht sehe, das uns angetan wird. Darum habe ich