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Neue Nationalzeitung · 1908-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1908) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 16-17 (17.4.1908)
Date
1908-04-17
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. „Neue National Zeitung" Nr. 16/17. Feuilleton. .t&ty ütwt RÜBEN BRAINXN (Berlin): gcholem gleichem. Schon lange habe ich das Bedürfnis empfunden, Scholem Aleichem für die schönen Stunden zu danken, die er mir durch seine Skizzen und Erzählungen verschafft hat. Denn wieviel Aerger hat man täglich in einer Stadt, wie Berlin es ist! Wieviele Bitternisse, Sorgen und auch Aufregungen bringt einem das moderne Leben! Und findet man einmal eine freie Stunde zum Lesen, so ist man nicht immer in der richtigen Laune, am Buche Vergnügen zu finden. Nun lebt aber irgendwo ein jüdischer Dichter — er heisst Scholem Aleichem — der eine Schreibweise sein eigen nennt, die uns zwingt, seine Sachen mit lachendem Herzen und Lachtränen in den Augen zu lesen. Lustig und fröhlich wird es in uns, und wir schauen nicht auf die widerwärtigen, bitteren Tropfen Galle, die sich auf dem Grunde dieser rosigen Geschichtchen versteckt halten. Weshalb soll man nicht einem Schriftsteller persönlich danken, der eine so leichte, lachende Feder hat? Mit einem so reichen, lachenden Humor, der kitzelt, aber nicht beisst, alles zum Objekt seines Witzes macht — aber nie unbarmherzig ist. Und wenn Ihr in Russland eueren Scholem Aleichem liebt und so grosses Vergnügen an seinen Erzählungen findet, so stellt Euch vor, mit welchen Gefühlen ich ihn lese — ein Jude aus Russland. Seit mehr als 16 Jahren lebe ich schon unter Deutschen. Da fängt man schon ein bisschen an, das jüdische Leben, die echten Golus- Typen zu Vergessen, die man dort in den jüdischen Städten Russlands sieht. Die Muttersprache ist einem nicht mehr geläufig, die Sprache von Millionen echter Juden; ihr Benehmen, ihre Geberden, sind mir nicht mehr so gegenwärtig, ihrem Tun und Lassen bin ich etwas entrückt; oft kommt mir all' das vor wie ein lang vergessener Traum. Und ^richt man wieder jiddisch, so redet man, zu unserer Schande sei es gesagt, wie ein „Goj". Nimmst Da nun aber Scholem Aleichem's Erzählungen in die Hand, so wird plötzlich der Traum zur Wirklichkeit. Das Bild, das nur matt und dunkel in Deinem Gedächtnisse haftete, nimmt immer mehr Farbe und Gestalt an. Du siehst vergessene alte Bilder; Erinnerungen tauchen in Dir empor; Geschichten aus Deinen Kinderjahren steigen in Dir auf und nehmen Fleisch und Blut an — Du liest und wunderst Dich: wie reich und plastisch, wie klingend ist die Muttersprache. Unsere Brüder in Russland können es gar nicht fühlen, was Aleichem mir bedeutet, wie süss mir jedes seiner Worte klingt, welch' teurer Gast er mir ist. Scholem ItUiclwin. Eine Karrikattir aus der jiddischhumoristigehen Wochenschrift „Der Besen". Und was tut der liebe Gott? Gerade Scholem Aleichem schickt er vorigen Sommer nach Marienbad. Es war ein längst gehegter Wunsch von mir, dem bekannten-unbekannten Scholem Aleichem ein kräftiges „Scholem Aleichem" zu bieten und ihm aus vollem Herzen für seine literaiischen Arbeiten zu danken. Es war ein wahrer Festtag für mich, als ich zum erstenmale mit ihm zusammenkam. Ich schaute ihn mir genau an: das ist er also, der mir mit seiner goldenen humoristischen Feder so viele frohe Stunden verschafft hat. indem er mich mit seinem „Menaehem Mendel von Jehupiz", oder mit „Taubj dem Milchiger" bekannt machte. Er ist es, der „Jossele Solowej", „Stempenju", „Adel" und noch hunderte andere Geschichten geschrieben hat, die eine ganze Welt wiederspiegeln. Wie lebendig und jugendfrisch sieht er noch im Verhältnis zu seinem Alter aus! Ich habe es ihm gleich angesehen, dass er nicht einer von jenen Dichtern ist, die, nachdem sie einige Bände geschrieben haben, wie eine ausgepresste Zitrone aussehen. Er ist kein Schriftsteller, dem die Tinte von den Fingern herabtropft, kein verknöcherter Bücherwurm, kein krächzender Literat und am wenigsten ein kulturübersättigter Mensch. Nichts von alledem. Den Eindruck eines fröhlichen Juden hat Scholem Aleichem auf mich gemacht. Und wie er schreibt, so redet er auch. Bald fällt ein Bonmot, bald ein Witz und auch die Anekdote Jässt nicht lange auf sich warten. Da stand ein jüdischer Dichter vor mir. Ein Optimist, ein Phantast. Voll neuer Einfälle und Pläne, voll Arbeitslust und Energie. Er hat schon so viel geschrieben, trotzdem lüstet er sich, noch recht viel zu schreiben. Seine Erzählungen, Feuilletons, Skizzen scheint er nur so aus dem Aermel zu schütteln und Arbeit „im Schweisse des Angesichtes" nicht zu kennen. Scholem Aleichem kann überall und zu jeder Stunde, mit jeder Feder schreiben. Es kann auch

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