Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Verzeihen -Sie, Herr Kollcga, ich weiss ja, dass der Schinken ganz verjudet wird, aber das hat nichts zur Sache, und ich habe ja nicht die Juden von Wien vor Augen. Tausende und aber tausende gesetzestreuer Juden gehören dem Militär au, warum soll für die .Befriedigung ihrer religiösen Bedüifnisst nicht gesorgt werden? iAbgeordneter Prochazka: Gewiss, aber Tausende von fuden fressen nur Schinken, aller feinster Prager Schinken muss es sein!; Mi glaube, Herr Kollega, wenn es sieh um eine solche Sache handelt . . , .'Abgeordneter Prodiazka: Sie wissen d;is gewiss bess.-r als wir! Ruf: Die 1 rager Schinken sind aber wirklich gut! ■-- Heiterkeit.' \'a als.)! Vizepräsident Dr. Zacek fdas ('-!<., ken/ei. hen gebend-: Ich bitte, meine Herren, den Redner nicht zu unterbrechen! Abgeordneter Prochazka: Wir plaiw< hen nur ein bisserl! -- Heiterkeit.) Abgeordneter Dr. S t r a u c h e r zum Abgeordneten prochazka i: Ilaben Sie noch etwa, /u bemerken? , Abge. »rdneter Prochazka: Nein! Wenn Sie bald fertig u -rden, bin ich nicht böse!) Xein! Den Gefallen kann ich II,.im nicht tun! Dissen Sie doch Ihre übe] angebrachten Witze. Der § 30 des Dienstreglements sagt ausdrücklich. dass bei der Wahl der Menageartikel den s eischiedcnen Religion.- gebrauchen Rechnung getragen werden soll, und wo die Berücksichtigung der Kultusforderungen einzelner nicht möglich ist, sei der Mannschaft das .Menagegeld bar zu bezahlen. Ich begehre von der Kricgs\erwaltung nichts anderes, als die strjkte Durchführung der Gesetze und der IW^unnmingen des Dienstreglements sowie die strikte Durchführung aller jener Erlässe und Verneinungen, die so \ ielfach die Registraturen belasten, ohne dass aber diese Bestimmungen tatsächli" h durch geführt werden. Wir können uns die vielfachen Zurücksetzungen nicht gefallen lassen, denn dadurch soll uns Juden nur der Stempel der Minderwertigkeit aufgedrückt werden. Sehen Sic, wie es da mit den anderen Konfessionen bestellt ist. Für die Soldaten aller Konfessionen sind aktive Militär geistliche bestellt: so für die römisch-katholischen: 1 aposi.. lischer Feldvikar, 1 Feldkoiisistorialdirektor, 2 Feldkonsistorial Sekretäre, 2 Feldsuperioren I. Klasse, 13 Feldsupen'oren II. Klasse, 2 Akademiepfarrer; für die griechisch-katholischen: 2 Felderzpriester; für die griechisch orientalischen : 2 Weltpriester : für die evangelischen: evangelische Feldsenioren: 1 für jene Helvetischen Bekenntnisses und 1 für jene Augsburger Bekennt nisses; für die mohammedanischen Soldaten: mohammedanische Seelsorger: 2 Imams II. Klasse für die bosnisch-herzegowinischen Truppen. Für die jüdischen Soldaten aber gibt es keinen einzigen aktiven Militärseelsorger, Das ist geradezu auffallend. ('Abge ordneter Prochazka: Wahrscheinlich sind zu wenig Juden! <) nein, da sind Sie sehr im Irrtum, es sind nicht zu wenig Juden. Ucbrjgens werden ja vielfach Juden aus der Armee hinausgedrängt. (Abgeordneter Prochazka: Das ist kein In glück!) Für Sie ist es allerdings kein Unglück. Wenn Juden zum Militär kommen, heisst es, sie überschwemmen das Militär — kommen sie aber nicht, dann entziehen sie sich dem Militär. Ihnen kann man es ja nicht recht machen, das wissen wir sehr gut. Wenn der Jude sich bescheiden abwärts hält, dann ist er rückständig (Gelächter), wenn er aber mittut und seine Rechte fordert, ist er gleich frech und arrogant! (Abgeordneter Prochazka: Der Jude ist immer frech!) Ich glaube das Gegenteil, Sie provozieren immer. Ich könnte Ihnen mit mehr Recht sagen, dass Sie frech sind. Hören Sie mir lieber zu und machen Sie keine solchen Zwischenrufe! Nun ist es geradezu auffallend, dass in den verschiedenen Korpsbereichen, zum Beispiel Lemberg, Wien, Przemysl. Prag, Krakau und Budapest, in denen Tausende jüdischer Soldaten dienen, gerade für diese k ei n e i n z i g er a k t i v e r M i I itärseelsorger angestellt ist. (Ah, Rabbiner!; Ja! Ich ver- Nr. 16/17. sichere Sie, dass diese mindestens soviel Kenntnisse mitbringen wie die Seelsorger anderer Konfessionen. (Abgeordneter Prochazka: Das ist zwar nicht richtig, aber für Ihre Religion genügt es Ihnen, also stellen Sie sie an! — Abgeordneter Dr. Mahler: Wir haben nicht das Recht, sie anzustellen!) Sie stellen ahe anderen Militärseelsorger an und bezahlen sie aus dem Staatsbudget, also aus den Steuergeldern der ganzen Bevölkerung, sonach auch der Juden; Sie müssen daher aus diesen allgemeinen staatlichen Mitteln auch die Seelsorger der anderen Konfessionen, also auch der jüdischen, bezahlen, nicht b' .ss der römisch-katholischen. (Abgeordneter Prochazka: Gewiss! Ich meine das au<h so!) Also doch einmal Einsicht. Nach dein Ausweise der Heeresverwaltung entfallen in < •'eslerreich auf je einen Seelsorger 2029 Mann römisch katholischen Glaubens, 24^ Mann griechisch-katholischen Glaubens. 2753 Mann griec hisch orientalischen Glaubens, 2360 Mann evangelischen Augsburger Bekenntnisses, 2665 Mann evangelisch reformiert, 990 Mann Mohammedaner. Für die luden wieder nichts! Auf diese Art züchtet die Staats\ erwaltung selbst die Demoralisierung, dadurc h wird aber der Eindruck der Minderwertigkeit des jüdischen Volkes und seiner Angehörigen her\orgerufen. Dagegen protestieren wir mit allem Nachdruck, Wir sind nicht minderwertig! Wir sind in diesem Staate vollwertige und gleichberechtigte Staatsbürger Wir verlangen diese Gleichberechtigung als Staatsbürger und die Gleichwertigkeit als Volk. Wir bringen die gleichen Opfer an Gut und Blut für diesen Staat und tragen die glej.dien Lasten, Die fortwährenden Zunicksetzungen müsse,, endlich aufhören!" (Beifall.) * Die Rede eines Renegaten. Zum zweit wichtigsten Punkte der vorwöchentlichen parlamentarischen Tagesordnung hat Abgeordneter Dr. dabei nicht gesprochen, und hat auch sonst keiner der Heeren des jüdischen Klubs das Wort ergriffen. Wir finden dies sehr bedauerlich, da gerade zum Arbeitsministerium des Dr. (iessmann von jüdischer Seite viel zu sagen wäre. Schon deswegen, weil diesem Ministerium auch das Kessort aller ärarischen Lieferungen zugewiesen und dadurch ein Erwerb, von dem tausende jüdische Familien leben, direkt unter antisemitische Obhut gestellt wurde. Die jüdischen, ärarischen Lieferanten mögen sich nun vorsehen, was sie vom neuen «antisemitischen Minister zu erwarien haben. Es sprach nun kein Jude, um den neuen Minister anzugreifen; dafür aber sprach ein getaufter Jude, der sich dem Minister in einer geradezu entwürdigenden Weise aufdrängte. Ein wahrer Meschumed. Dieser Herr, Dr. Redlich ist sein Xame, hat sich zuerst getauft, um leicht eine akademische Karriere zu machen und wurde wirklich Titular-l niversitäts-Profcssor. Dann begab er sich nach Nikolsburg-Göding, wo seine Familie Fabriken besitzt, wo die Juden das „Deutschtum" noch hochhalten, und wurde durch die Agitation seines Bruders von diesen Städten bei der engeren Wahl in den Reichsrat gewählt. Es scheint, dass der Ehrgeiz dieses Herrn noch immer nicht befriedigt ist und da nun in Oesterreich alles, was Vorwärts kommen will, vor Lueger auf die Knie sinken muss, so nahm auch Herr Professor Redlich keinen Anstand, den Christlichsozialen um den Hals zu fallen. f Dr. Redlich wurde auch für diese seine Rede von den ( nristlichsozi den und insbesondere von dem sehr bekannten Bielohlawek beglückwünscht. „Neue National-Zeitung"