Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1908) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 16-17 (17.4.1908)
Date
1908-04-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425739--0754-2427061
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

„Neue National-Zeitung" Ätr. 16/1?. Seite 6. legten und genehmigten Statuten ist der Zweck der Kolonialbank, die Forderung und Durchführung von Kolonisations-, Industrie- und anderen Unternehmungen m Palästina, Syrien oder in irgend einem anderen Teile der Welt, Schon im Jahre 1906 wurde eine Resolution des Kongresses angenommen, wonach die Statuten der Bank dahin geändert wurden mögen, dass ihre Arbeit sich ausschliesslich auf .Palästina und seine Nebenländer zu beschranken habe. In dieser Versammlung der Aktionäre wurde der Abänderungsbeschluss mit 8150 gegen 342 Stimmen angenommen. Bei einer zweiten Versammlung der Aktionäre am 18. September lyob wurde derselbe Beschluss fast ausschliesslich getasst, um dem Hinzufügen, dass die Direktion der Bank beauftragt twerde, die gesetzlichen Schritte zur Durchführung der Statutenänderung so rasch als möglich zu unternehmen. Das Gesuch um die Abänderung wurde denn auch am i(S. März 1907 eingebracht. Der Richter .Mr. K e k e v i c h, dem die Angelegenheit zugeteilt war, hatte die Verhandlung für den 23. Juli 1907 anoerauml. hiuc Anzahl von Aktionaren der Bank mit Israel Zangwill an der Spitze protestierten gegen die geplante Abänderung der Statuten, sowuiii 111 den ersammlungen der Aktionare, als auch später vor Gericht. Auf den Einwand der Opponenten, dass die geplante Abänderung der Staunen ücn meisten Aktionären gar nicht zur Kenntnis gelangt sei, und sie daher weder in der Lage waren, liuen Standpunkt zu dieser t rage durch eine Abstimmung bei den Versammlungen üer Aktionäre, noch durch eine l lotestkundgebung kunu/utun, entschied der Prozessleiicr, Richter ivekevien, die \ erüandiung bis zum 8. April 1908 zu vertagen, wahrend, weicher Zeit die beabsichtigte Statutenänderung in 43 von den 1 .meien namhatt gemachten jüdischen Zeitungen in einer von beuten Parteien gemeinsam abgeiassten und vom Richter gern billigten form publiziert werden musste, um auf diese W eise die 111 Aufsicht genommene Statutenänderung zur wahrscheinlichen Kenntnis des grossten Teiles der Aktienbesitzer zu bringen. Diesem richterlichen Entschlüsse wurde inzwischen auch Genüge getan. In der Zwischenzeit starb jedoch Mr. Kekevich und die .\ngelcgcnhcit winde dem Richter Eve übertragen, der auch die \ erhandlung am 8. und y. Aptil leitete. Für die jüdische Kolonialbank waren Königlicher Rat U p j o h n und Mr. C 1 a u s o n erschienen. Die Privatbeteiligten Aktienbesitzer, welche die Abänderungsbestrebung unterstützen, wurden durch Mr. P. Ogdeu Lawrence, königlicher Rat, und Mr. Austen G a r t 111 e 11 vertreten, , während .Mr. B e n tw ich im Namen von 2000 englischen Aktienbesitzern, die ebenfalls für die Abänderung stimmten, erschienen war. Die Op];osition war durch Israel Zangwill, der am Tische der Advokaten Platz genommen hatte, ferner durch königlichen Rat Mr. J e s s e 1 und Mr. Israel vertreten. In der Verhandlung selbst nahm zunächst Mr. Upjohn das Wort, um nach einem Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des Prozesses auszuführen: „Die Lehre des Zionismus ist eine mehr als 1000 Jahre alte. Die heiligsten Quellen des jüdischen Schrifttums beweisen, dass man unter Zionismus ausschliesslich die Hoffnung der Juden auf eine Rückkehr nach dem gelobten Lande verstehen könne. Mr. Upjohn zitiert dann einige Bibelstellen, aus welchen die Richtigkeit seiner Ansicht hervorgeht, und fährt dann fort: Der heutige Zionismus konnte demnach, als er seiner Bewegung den Namen Zionismus gab, ebenfalls nichts anderes anstreben, als dass das auserwählte Volk in das gelobte Land zurückkehre. Die BankgeseDschaft wurde in der ganzen Welt von bluturmen Juden unterstützt; die oft bloss in der Lage waren; sich durch einen geringen Beitrag einen Teil eines Anteilscheines zu sichern. Diese armen Juden waren; nicht wenig erschreckt; als man ihnen klar machte, dass die Absicht bestehe, ihre Gelder durch Unternehmungen in allen Weltteilen zu verschleudern, so dass, .wenn einst der Weg nach Jerusalem freigemacht würde; keine Mittel vorhanden^ wären, um von diesem günstigen Augenblick Gebrauch machen zu können. Dieser Umstand hat auch viel dazu beigetragen, dass der Bankgesellschaft sich verhältnismässig nicht viel Juden angeschlossen haben." Mr. Upjohn ging dann auf die Einwände der Opponenten ein und meinte: „Die Gegner der Statutenänderung behaupten, die Zionisten wurden ihr Ideal niemals erreichen, und ein halber Laib Brot wate jedenfalls besser, als gar kein Brot. Die ijpponenlen bcttuchlcn, dass die Bank, lalls die vorgeschlagene btalutcnanuerung durchgeführt wurde, 111 absehbarer Zeit zur Ohnmacht und c ntatigkeit verurteilt w urde, da sie 111 Palästina iiicnts auslichten könne, und dann eine 'Eiligkeit in einem anderen Lande nicnt aufnehmen wurde.' Demgegenüber verweist Air. l pjohn darauf, dass in Palästina in neuerer Zeit mehrere blunende jüdische Kolonien entstanden, aul denselben Schulen und industricuniernehmungcn erneutet wuiden. -Ausserdem sympathisiere der Sultan mit den palästinensischen Juden, weiche coit die gleichen Rechte gemessen, wie aile anderen \ olker. im übrigen seien von der Zeit Oliver Gromwcils bis m die Periode der lvo.oinsationsbeslrcbungen des Baron Husch .alle \ ersuche einer grosseren jüdischen Kolonisation ausserhalb Palästina bis nun gescheitert. In Rrwiuerung auf die^.e Ausführungen erklärte Mr. J c s 5 e I, uasb et im Namen von 2487 Aktienbesitzern erschienen sei, weiche, ganz abgesehen von der „uiiiassung /angwills Uber den Zionismus der Ansicht sind, dass unter den obwaltenden i. msuuiden und bei der gegenwärtigen Haltung der ttiiKisciu 11 Regierung eine grossangeiegte jueusene Kolonisation in l a.astina gegenwärtig ausgeschlossen erscheine. W eiin dfe gegneiische Seite sich aut die 1111 Judentum lebende .Sehnsucht nach einer Ruckkehr nucu i'alastina beiuten haue, so vergass sie jedenfalls hinzuzufügen, dass diese .Sehnsucht mit dem Olauuen verbunden sei, dass die Rückkehr nach lalaslina mit dem Erscheinen ues Messias zusammenfallen müsse. Ja, es gibt sogar Juden, weiche jede zionistische Bewegung gerade vom jüdischen btandpunktc aus pcrhorreszieren. Es besieht gar keine Aussicht, m i'alastina eine jüdische Selbstverwaltung auf autonomer liasis zu erreichen. Wurde cm ernster Versuch zur Etablierung einer autonomen Selbsuegierung m I'alastina gemacht werden, so wurde n:Uit nur che 1 urkei zu den Waffen greifen, sondern selbst nie europäischen Machte, welche die heiligen Platze ebenfalls als unantastbar betrachten, einem solchen Unternehmen unüberwindliche Schwierigkeilen entgegenstellen. Eine weitere Verwendung des Geides für eine grossangelegte Kolonisation in Palästina wurde demnach einem Betrüge an den armen Juden gleichkommen, denen man das Geld abgenommen hat. Sollte der Hauptzweck der Bankgesellschaft tatsächlich nur auf die Kolonisation Palastmas beschränkt werden, so wurde sich die Gesellschaft von vornherein aller Mittel und Wege begeben, welche allein geeignet sind, eine befriedigende Losung der Trage einer jüdischnationalen autonomen Siedlung herbeizuführen, Was die Behauptung Mr. Upjohns bezüglich der Baron Hiisch schen Kolonisation betrifft, könne er, Mr. Jessel, den Nachweis erbringen, dass die argentinischen Kolonien des Baron Hirsch zum grosseren Teile erfolgreich waren. Hier unterbrach der Richter die Verhandlung, um sie am nächsten Tage, den y. April wieder aufzunehmen, Israel Zangwill führte in einer längeren Rede aus, seine grosse Liebe für das jüdische Volk und seine innerste Ueberzeugung \<m der Ungerechtigkeit der beabsichtigten Statutenänderung haben ihn heute zum erstenmal»: vor ein Gericht geführt. Er bitte Seme Lordschait, die Petition der Bank abzuweisen, weil dadurch den Interessen und der weiteren Entwicklung des jüdischen Volkes sowie der Bank selbst in schlimmster Weise präjudiziert \vürde; Nach j;dnelanger schwerer Arbeit, im Interesse der Palästinabewegung, befand er sich eines Tages vor einer toten Mauer, und er kam zur Ueberzeugung, dass es notwendig sei, andere Wege zu suchen, um

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.