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Neue Nationalzeitung · 1908-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 16-17 (17.4.1908)
Date
1908-04-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16/17. „Neue Narioftal-Zeitung" Seite 3. noch mehr: sie sieht es schon als „Wegweiser des Lebens allen Sterblichen" dienen.*) Die Synagoge hatte sich in der Diaspora frei entwickelt. Sie kannte keine andere Autorität als die des „Gesetzes", des Gesetzes freilich, das frei ausgelegt und zeitgemäss gedeutet wurde, so dass das religiöse Leben frisch pulsierte und vor Versumpfung bewahrt blieb. Die Ausleger waren hier nicht Hohepriester oder pharisäische, auf unantastbare, jede freie Forschung von vornherein abschliessende T Überlieferungen pochende Gesetzeslehrer, sondern die .."Erfahrenen" in der Gemeinde, oder überhaupt jeder beliebige Schriftkundige, der etwas zu lehren wusstc. Ks herrschte hier unbeschränkte Lehrfreiheit, und je höhere Bildung eine Gemeinde besass. desto freisinniger war ihre Synagoge, desto mehr unterschied sie sich von der andern, mehr dem Wortsinn folgenden. Denn nicht jede vermochte sich zu d^r Höhe allegorischer Auslegung des Gesetzes emporzuschwingen, wie sie von der jüdisch-alexandrinischen Schule, als deren letzter und edelster Repräsentant uns knapp vor der Entstehung des Christentums Philo entgegentritt, ausgegangen und mustergiltig geworden war. An jedem siebenten Tage standen die Synagogen in der Diaspora vom Morgen bis zum Abend weithin geöffnet da, jedermann zugänglich: Heiden wie Juden. Hier durfte jeder, der etwas zu sagen hatte, frei lehren; darum hiessen sie auch ..Lehrhäuser" (Didaskalcia). Von der Art der Vorträge, die hier gehalten wurden, bieten uns die Schriften Philos, die zum grossen Teil nichts anderes als synagogale Sabbathvortrage sind, eine deutliche Vorstellung. Und es ist vollständig berechtigt, wenn Philo sagt: dass es bei den Juden von jeher Sitte war. an allen siebenten Tagen vom Morgen bis zum Abend zu ..philosophiere n". - Wir besorgen nicht, auf Widerspruch zu stossen mit unserer Behauptung, dass in den Dias]X)rasynagogen volle und uneingeschränkte Lehrfreiheit geherrscht, dass in ihnen die entgegengesetztesten religiösen Anschauungen unverhüllt zum Ausdruck gebracht werden durften und dass hier jedermann, wer, er auch immer sein und wohei er immer kommen mochte,^ gestattet war, frei zu lehren und zu predigen. Denn wüssten wir dies auch nicht aus dem jüdisch-hellenischen Schrifttum,* die ganze tncutestamentliche Literatur und die ganz erstaunlich"* rasche Ausbreitung des Christentums, die nur im Wege der Synagoge möglich war, würden mit lapidaren Worten davon — erzählen. Auf dem Boden der Diasporasynagoge fanden sich zusammen Juden. Heiden und Christen und tauschten frei und ungehemmt ihre religiösen Gedanken aus. Die stereotype An- % spräche der Apostel in den Synagogen lautete: „Ihr Männer von Israel und Ihr Gottesfurcht igen" (Proselyten aus den Heiden). Diese Lehrfreiheit hatte sich bis in die Mitte des zweiten Jahrhunderts im Christentum erhalten, solange noch in demselben das jüdische Element prävalierte. Bis dahin ungefähr sassen denn auch auf dem heiligen bischöflichen Stuhl zu Jerusalem jüdische Christen. Eusebius l'Hist. Eccl. IV, 5) bev richtet hierüber wörtlich: ..Soviel mir aus schriftlichen Urkunden] bekannt ist, sind bis zur ITnfvrdrückungder Juden unter Hadrian fünfzehn "Bischöfe nacheinander in Jerusalem gewesen, die sämtlich Hebräer von Geburt waren. Diese haben die Erkenntnis Christi rein bewahrt, weshalb sie denn mich von Männern, denen ein Urteil hierüber zusteht, des bischöflichen Amtes für würdig erkannt wurden. Denn die ganze Kirche bestand damals aus gläubigen Hebräern, und dies *) Orac. sibyllina HL 194—195 ,• 27 r. — Strabo (bei Jos. Antiqu. XIV. 7. 2) berichtet aus der Zeit Sullas: ..Die Juden sind jetzt schon in jeder Stadt verbreitet, und man kann nicht leicht einen Ort in der Welt finden, der sie nicht beherbergt. So kommt es, dass Aegypten und Cyrenäa, die in ihren Händen sind, und viele andere Städte die Sitten derselben nachahmen, der grossen Schar der Juden auf ganz besondere Weise zugetan sind und mit ihnen mächtig werden, indem sie nach den althergebrachten Sitten der Juden leben. von den Zeiten der Apostel an bis zu dem Krieg ein dem Bar- Kochba aufstand), in welchem die Juden von den Römern wieder abgefallen waren und in mehreren grossen Schlachten bezwungen wurden. Da nun damals die Bischöfe aus der Beschneidung aufhörten, dürfte es nicht überflüssig sein, sie von dem ersten an hier aufzuzählen. Der erste war Jacobus. genannt der Bruder des Herrn, der zweite Simeon, der dritte Justus, der vierte Zachäus. der fünfte Tobias, der sechste Benjamin, der siebente Johannes, der achte Matthias, der neunte Philippus, der zehnte Seneka. der elfte Justus, der zwölfte Levi. d-r dreizehnte Ephres. der vierzehnte Joseph und der fünfzehnte und letzte Judas. Dies sind die Bischöfe der Stadt Jerusalem von den Arostein an bis zur genannten Zeit, sämtlich aus der Beschneidung." Soweit Eusebius. Solange also das jüdische Christentum die Oberhand hatte, wurde auch in den christlichen Svnagogen die Lehrfreiheit gewahrt. Als aber die heidnischen Massen ihnen zuzuströmen begannen, und insbesondere als die Kirche gegen Ende des zweiten Jahrhunderts siegreich aus den langen und harten Kämpfen mit den gnostischen Sekten hervorging, den Sieg vorzüglich dadurch erringend, dass sie allmählich det-en 7eitbewegende Ideen in sich aufnahm: da wechselte bald die Situation. Es traten Zustände ein. wie sie vormals zur Zeit des Tempels von Jerusalem unter der Herrschaft des Oberpriesters herrschten. Die Lehrfreiheit machte dem Dogma Platz. Nur der Oberpriester durfte das Wort Gottes verkünden, der ..Laie" aber hatte unterwürfig zu glauben. Schon zu Beginn des dritten Jahrhunderts wurde es selbst einem in seiner frühen Jugend bereits wegen seiner hohen Gelehrsamkeit weit und breit berühmten Origenes schief genommen. da^s er. noch nicht zum Presbyter geweiht, sich unterfing, über Einladung von Bischöfen, in deren Gegenwart religiöse Vorträge zu halten. Als er sich, so 1-s»n wir b-i Eusebius, in Alevandria aufhielt kam ein Bote mit Briefen von dem Befehlshaber v>n Arabien, an Demetrius, den Bischof von Alexandrien, und an den damaligen Statthalter -von Aegypten, sie möchten den Origenes ehemöglichst zu ihm schicken, dass er ihn unterrichte. Origenes wurde also nach Arabien geschickt. -- Später begab er sich nach Palästina. Hier wurde er von den Bischöfen Alevmder von Jerusalem und Theoklisius von Cäsarea eingeladen, vor der ganzen Gemeinde Vorträge zu halten. Darob grosse Entrüstung seitens des Demetrius über die beiden genannten Bischöfe, die sich folgendermissen rechtfertigten: ..Ferner steht in deinem Brief: es sei niemals erhört w o r d e n u n d auch bis jetzt nicht geschehen, dass Laien in Gegenwart von Bischöfen ' Vortrii g e h a Um: allein ich weiss nicht, wie du eine solche offenkundige Unwahrheit behaupten kannst. Denn wo sich Leute finden, die geeignet sind, den Brüdern nützlich zu sein, da werden sie auch von den heiligen Bischöfen aufgefordert. Vorträge an das Volk zu halten. So wurde von den seligen Brüdern, dem Neon in Laranda Euelpis. von Celsus in Tkonium Paulinus und von Attikus in Synnada Thcodorus aufgefordert. Es ist aber wahrscheinlich, dass dies auch an anderen Orten geschieht, nur dass wir es nicht wissen." Auf diese Art. so fügt Eusebius hinzu, wurde unser Origines schon als ein noch junger Mann nicht nur von bekannten, sondern auch von auswärtigen Bischöfen geehrt. Da ihn indessen Demetrius schriftlich zurückberief und durch Diakonen der Gemeinde mit Nachdruck auf seiner Rückkehr nach Alexandria bestand. be:.;ab sich Origenes zurück und nahm seine gewöhnliche Beschäftigung wieder auf. 'Ensen. Hist. Eccl. VT. IQ.) Die Bischöfe von Judäa also respektierten noch, zum mindesten einem gelehrten ..Laien" von der Oualität eines Origenes gegenüber, die Traditionen der Svuatjoge, die unbeschränkte Lehrfreiheit forderten, während der einflussreiche Bischof von Alexandria sie schon verwirft, ja si" <xanz umhört findet.

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