Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Neue National-Zeitung" Nr. 15. Dr. U. BRETTHOLZ (Triest): „¥*üp die JÜpaniolet)." (Eine Replik, i Ein altes Sprichwort lautet: „Wem nicht zu raten, dem ist nicht zu helfen." Ich habe es schon in meinem vorigen Artikel angedeutet — abweisend stolz ist der Spaniole gegen seine Glaubensgenossen, unzugänglich den Vorschlägen eines Aschkenasi. unterwürfig Andersgläubigen gegenüber. Wenn vielleicht den Leser meine Ausführungen im Zweifel gelassen hätten, so hat dieselben der Angriffartikel des Dr. Isac Alcalay „Für die Spaniolen" bestätigt. Ks ist in der T tt eine eigentümliche Erscheinung, dass Juden -<eibcr Unterschiede machen wollen zwischen Juden und Juden. Ich imiss \ arausschicken, dass mir der ,,Po]e", d. h. der polnische Jude ebenso lieb ist wie der deutsche, der italienische ebenso wie der englische. Ich fühle mich einzig und allein als Jude und von diesem einzigen Standpunkte beurteile ich meine Glaubensgenossen, in welchem. Lande sie immer leben mögen. Dr. Isac Alcalay hat nicht das M onopol gepachtet, einzig und allein berufen und bei echtigt zu sein, über „Spaniolen" zu urteilen, es sollte ihm als Spaniolen" recht und lieb sein, wenn auch andere ,,Nichtberufene" sich doch bereehtigt fühlen, über ihre Glaubensgenossen ein Woit zu schreiben, dem in den Spalten dieser Zeitung Raum gegeben wird. Ich bin zwar Prediger, bin aber durchaus kein Freund von vielen Worten, was den Predigern mitunter zum Vorwurf gemacht wird. Dr. Alcalay scheint kein Prediger*) zu sein und sei reibt einen Artikel, dessen Inhalt und Quintessenz darin besteht, in vielen Worte mein ,,leichtfertiges" Lrteil zu kritisieren, ohne auf meine wohlgemeinten Katschläge einzu - gehen. Zu seiner genaueren Orientierung nehme er sich zur Hand meine „Storia saara", Seite 20. Ich'glaube den Heroen Maimoni and Jehuda ha-Lcvi gerecht geworden zu sein und habe nicht nur die ..drei Provinzstädtchen" .,Studien". Ich brauche die Spa - niolen nicht erst in der Weite zu studieren, ich habe sie ja hier bei meiner Gemeinde, habe sie in ganz Istrien, habe sie in Wien, kenne sie aus «dem Orient, Hamburg und London. Ich dächte, auf Grund so vieler Gemeinden mir ein Urteil bilden zu dürfen, und Herr Dr. Alcalay dürfte in Zukunft nicht so leichthin Steine auf Jemanden werfen, der sich erlaubt, anderer Meinung z \ sein, als der seinigen. Ich habe nicht verlangt, dass die Einwohner von Priedor, Banjaluka, Dervent, Semlm etc. alle Philosophen \\ären, aber dies kann ich verlangen, dass die „gelehrten Juden" in ihrer Milie i h r e, geistigen Heroen kennen lernen sollen. Oder ist dies Verlangen unbillig? Ebenso habe ich nicht beansprucht, dass Pilpulistik getrieben werde, aber dass die Quellen, und diese sind einmal der Talmud, bei den Spaniolen ,,gelernt" werden. Geschichte — gibt Dr. Alcalay zu — wird nicht gelehrt, aber er findet einen Trost darin, dass es auch um die Aschkenasier in diesem Punkte nicht besser bestellt ist. Auch ein Trost! Kr wirft den Ghassidismtts den Aschkenasiern vor. Nehme sich Dr. Alcalay irgend eine jüdische *) Doch. Derselbe hat soeben die Israel, theol. Lehranstalt in Wien absolviert und ist für eine RabbincrstcIIe in einer der ersten Städte des Balkans in Atissicht genommen. Die Redaktion, Geschichte zur Hand, blättere da nach, schlage auch die Geschichte der Juden in Amsterdam auf und da wird er sich überzeugen, was ein Nachkomme polnischer Kitern, der Rabbiner der aschkenasischen Gemeinde, Zwi Aschkenasi, Chacham Zwi genannt, zu erleidet) hatte, als er dem Lügenpropheten und. seinen Irrlehren, dem Abenteurer Nehemia Ghajon entgegenzutreten wagte, dem die Portugiesen mit ihren geistigen Führern entgegenjubelten. Ich griff nur ein Beispiel heraus, am zu zeigen, dass auf 'diesem Gebiete die Portugiesen th n Asc hkenasiern nichts vorzuwerfen haben. Ich sprach \,>n der hebräischen Literatur, Doktor Alcalay erwidert, im 1 Vsten hätte man das „au" und ,,oj" verworfen, da nur die Sephardim richtig betonen! Was hat die Aa-.spräche mit der Literatur zu schaffen? Oder habe ich gar behauptet, dass mir die Aussprache der Sephardim nicht gefalle, dass ich sie nicht für die schönere, richtigere, wohlertuende halte? Und nun gar das Vorbeten! Die modernen Ghazanim sind einfache Barbaren, sie verziehen, verdrehen die armseligen Texte! Ks herrscht ein Gejohle und Geheule in den Synagogen! Nun, dafür können sich die Herren Ghazanim bedanken; der arme Sulzer, Weint raub, Lewandowski u. a. werden ihre Grabesruhe verlieren! Ich bin zwar Rabbiner und habe ein Recht das ,,Ghazones" nicht zu verstehen, ich bin aber zufälligerweise und dies darf ich ruhig sagen, - da ich mir als Rabbiner sicherlich darauf nichts einbilden werde, selbst unter guten, Ghazanim nicht der schlechteste. Da möchte ich doch Dr. Alcalay ernstlich bitten, mit so trivialen Ausdrücken wie „Geheule" und Gejohle" nicht herumzuwerfen, ein bischen Respekt möchte ich doch für unsere wohlgeschulten, musikalisch gebildeten und des Hebräisch vollständig mächtigen Ghazanim bitten, die weder ein Opernhaus, noch einen Konzertsaal aus dem Tempel machen, sondern ernstlich bemüht sind, auf die andächtigen Zuhörer durch den sinngerechteu Vortrag und durch die aus dem Innern des'Herzens schöpfenden Gesänge zu wirken. Dr. Alcalay rügt mit Recht die vielen T a uf e n. Zti unserer g e g c n s e i t i g e n Beschämung lasse er sich das gesagt sein, dass in meiner Gemeinde leider die Spaniol m das grösste Kontingent der Mischehen aufweisen; die meisten Eingewanderten aus Salonichi und Konstatinopel werfen das Judentum über Bord. Und nun genug über die Vergleiche. Dr. Alcalay hat sich unnütz bemüht, in meinen Artikel eine Beleidigung, eine Herabsetzung, eine Beschimpfung der Spaniolen hineinzutüfteln, er hat sich bemüht, die aschkenasischen Verhältnisse und Einrichtungen herabzudrücken, um den Vergleich mit den Spaniolen zu Gunsten dieser aufzu - stellen. Ich stelle keinen Vergleich an, mir sind die sephardischen Brüder nicht mehr und nicht weniger lieb als die aschkenasischen. Dieses Prinzip soll jedem Juden vorschweben, es soll sich jeder Jude hüten, künstliche Zwistigkeiten hineinzutragen ins eigene Lager, das Gute soll anerkannt werden, wo immer es sich findet, das Unschöne und lairichtige ausgemerzt, wo immer es angetroffen, ohne Hass und ohne Verdächtigung, sondern mit Liebe und Nachsicht, auf dass wir en.llich anfangen, uns als eine Kation zu fühlen.