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Neue Nationalzeitung · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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nicht ganz reif sind, werden für ihre Bestrebungen die mildere Form des jüdisch-österreichischen Staatsged^jpfcens wählen. Aber die Not- .wendigkeit des politischen Selbstbestimmungsrechtes im jüdischen Volksleben ist eine so nachhaltige, dass sich ihr selbst die Kultysgemeindee, diese rein . konfessionellen Gebilde, diu bisher den Herd des antihationakai Israelitentums gebildet haben, nicht mehr verschliessen können. Die Konferenz aller Österreichischen Kulrusgemeinden, die für den 27. April 1. J. von der Leitung des Gemeindebundes nach Wien einberufen wurde, ist nichts anderes, als ein Bruch mit der Vergangenheit und das Zeichen eines Ueberganges zu einer neuen Politik. Eine Gesamtorganisation der österreichischen Judenschaft soll geschaffen werden, der die Juden von Zolkiew anzugehören haben neben den Juden von Podiebrad und Salzburg; es' soll eine Repräsentanz gewählt werden, die sich nicht um rituelle Fragen zu kümmern, sondern vornehmlich auf der Warte aller jüdischen Interessen zu stehen hatte. Dass der Gemeindebund, an dessen Spitze verkrachte deutsch-liberale Politiker stehen, überhaupt mit einem derartigen alljüdischen Plan hervortritt, ist schon an und für sich ein bedeutsames föugeständhis an die Vertreter der jüdischen Politik. Wir haben die Ziele derselben nur im allgemeinen Rahmen angegeben, ohne ins Detail zu übergehen, denn die Details erget ~i sich von selbst. Sie folgen aus unserer Devise: Nichts für den einzelnen: alles für das Volk, für das Volk alles., L. ARTHUR MEYEROWITZ (Berlin): ©ie amerikanische ^e^enin^ über die f{usifrafidei»iing der russischen Uudei)- Das Department of Commerce and Labor in Washington, dem auch die Auswanderungsbehörden unterstellt sind, veröffentlicht in seinem letzten Monatsbulletin eine Studie des Herrn I. M. Rubinow über die Ursachen, weshalb die russischen Juden in so grosser Zahl nach den Vereinigten Staaten auswandern. Mit der immer mehr zunehmenden Einwanderung osteuropäischer .Völkerschaften in die Vereinigten Staaten, wandte sich auch das Interesse der amerikanischen Regierungskreise dem Auswanderungsproblem als solchem zu. Im Frühjahr v. J. hatte die amerikanische Regierung bekanntlich eine besondere Studienkommission nach Europa entsandt, um die Verhältnisse in den Hauptauswanderungsländern zu studieren; das von der Kommission herbeigeschaffte Material, das zum Teil auf besonderen Enqueten beruht, wird von der Regierung in ihren offiziellen Berichten veröffentlicht. Die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten bekommt so ein klares Bild über die Ursachen der Auswanderung, über das Leben, die gesetzliche und wirtschaftliche Lage derjenigen Völkerschaften, die grössere Kontingente zur Auswanderung stellen. Nachdem nun ein Achtel aller russischen Juden in den letzten 25 Jahren nach den Vereinigten Staaten eingewandert ist, lag es für die amerikanische Regierung nahe, authentische Informationen über die gesetzliche und ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung Russlands einzuholen. Die Entrüstung des amerikanischen Volkes über die grausamen Judenverfolgungen der letzten Jahre hat dieses Interesse für die russischen Juden bedeutend gefördert. Die Studie des Herrn Rubinow bietet zwar dem Eingeweihten , nichts Neues, sie ist aber insofern von grossem Interesse, weil hier zum erstenmale von einer nichtrussischen Regierung auf Grund authentischen russischen Materiales der ganze Jammer der russischen Judengesetzgebung bloßgelegt wird. Die, Darstellung wird ferner ergänzt durch die wichtigen statistischen Ergebnisse, die die letzte Berufs- und Volkszählung in Russland vom Jahre 1897 geliefert hat. Das Wohnrecht 4fr Von der gesamten jüdischen Rasse, deren Zahl auf 11—12 Millionen geschätzt wird, sind mehr als 5 Millionen, also ca. die Hälfte, im russischen Reiche ansässig. Von der Gesamtbevölkerung Russlands (von 125,640.000) bilden die Juden 4%. Das Wohnrecht der Juden ist hauptsächlich auf den sogenannten Ansiedelungsrayon beschränkt, welcher aus 25 Provinzen im westlichen Teil des Reiches besteht. Ausserhalb dieses beschränkten Gebietes dürfen nur vereinzelte Klassen von Juden wohnen — hauptsächlich Kaufleute, welche sehr hohe Steuern zahlen (sogenannte Kaufleute erster Gilde), privilegierte Berufe, wie Aerzte, Juristen, Dentisten, Ingenieure und Promovierte von Universitäten und höheren Lehranstalten, ebenso die Studenten dieser Institute und speziell Handwerkler, welche zu ihren Handwerkergilden zugelassen sind, oder den notwendigen Handwerksschein für die Befähigung zu ihrem Handwerk besitzen. Es gibt noch eine Reihe anderer Ausnahmen, deren Erwähnung aber nicht so wichtig ist. Unter Bezugnahme auf ihren Wohnort werden die russischen Juden in Lithauer, Polen und Südliche eingeteilt. In I Lithauen wohnen 297.980 Juden oder 42,7 o/o der jüdischen Be- S völkerung in Städten; in Weissrussland 324.847 oder 44,80/0, in Südwestrussland 453.980 oder 62,20» und in Polen 813.374 oder 61,60/0 der gesamten jüdischen Bevölkerung dieses Landes. Im Jahre 1897 waren 164.02Ü Juden direkt und indirekt in der Landwirtschaft beschäftigt: 72.220 waren bei der Verarbeitung tierischer Produkte angestellt, 134.476 beschäftigten sich mit der Verarbeitung von Holz, 148.329 mit jener von Metall, 12S-5r4 gehörten gelehrten Berufen an, 54.277 dienten in der Armee und Marine, 183.316 produzierten Nahrungsmittel und 782.454 waren in der Kleidungsindustrie beschäftigt. Im Baugewerbe fanden 152.678 ihren Unterhalt, . in der Speditions¬ und Fuhrwerksindustrie 170.724, in der keramischen Industrief 20.691 und in der Textilindustrie 93.298, 61.697 werden als in Synagogen beschäftigt aufgeführt, 8122 in der Rubrik „Kunst und Wissenschaft", 171.905 als von ihren Renten oder der Unterstützung ihrer Angehörigen Lebende, 7125 als in der Viehzucht Beschäftigte und 12.876 als im Forstgewerbe Angestellte. Als Geschäftsleute und Handelsgehilfen im allgemeinen werden 398.937 bezeichnet und 587.107 als Händler mit landwirtschaftlichen Produkten. Die Jaden als Händler. Von einer Totalzahl von 556.086 Personen, die innerhalb des Ansiedelungsrayons vom Handel leben, sind 426 628 Juden, und nur 129.458 Nichtjuden. Das heisst also, dass vier Fünftel aller im Ansiedelungsgebiete lebenden Kaufleutc Juden sind. Interessante Aufschlüsse über die geographische Ver teilung der verschiedenen Berufsarten sind in dem Bericht ent halten. In Lithauen und Weissrussland zum Beispiel entfällt auf die den industriellen Berufen Angehörigen eine viel grössere Zahl als auf Kaufleute, ein© bemerkenswerte Tatsache, angesichts der grösseren Anhäufung der Juden im Nordwesten und ihrer schlechteren ökonomischen Lage. In diesen Provinzen ist ein rapider Wechsel von kaufmännischen Beschäftigungen zur industriellen Tätigkeit zu beobachten, und hier ist auch der Mittelpunkt der Arbeiterbewegung. Diese Provinzen stellten auch bis in die jüngste Zeit hinein das Hauptkontingent der Auswanderer nach den Vereinigten Staaten. Aus den offiziellen Statistiken geht hervor, dass 63 0/0 der jüdischen Einwanderer in Amerika während der Periode von 1901/06 der Klasse der industriellen Arbeiter angehörten, und unzweifelhaft ist ein

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