Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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feite 4. grausamer Unterdrückung seit Generationen zu leiden haben; die Fürsorge für die Auswanderer; das umfangreiche Schulwerk des Vereins. Des Besonderen ging der Redner, der erst vor Kurzem von einer viermonatlichen Studienreise aus dem Orient zu - rückgekehrt ist, auf die Organisation des Schul Werkes des Hilfsvereins in Palästina ein und führte insbesondere aus, dass im Hinblick auf die zunehmende wirtschaftliche Erschliessung Palästinas, Vorder- und Hinter-Asiens, die intellektuelle kaufmannische und technische Ausbildung der Juden des Orients von besonderer Bedeutung sei. Der Schatzmeister des Hilfsvereins im Ehrenamt, Herr Bankdirektor Ernst Simon, erstattete das Finanzreferat. Sodann erfolgte d;e Genehmigung des Geschäftsberichtes und die Entlastung der Verwaltung. Die Kassenrevisoren, Kommerzienrat S. Pincus und Georg Tietz wurden für das nächste Jahr wiedergewählt. Durch Akklamation fand die Wiederwahl der aus dem Zentralkomitee durch das Los ausgeschiedenen 48 Mitglieder statt. Aus dem J a h r e s n c r i c h t des Hilfsvereins der deutschen Juden seien folgende Einzelheiten hervorgehoben : Die Mitgliederzahl des Hilfsvereins hat sich von 14.000 auf 18.000 Mk. vermehrt. Die regelmässigen Jahreseinnahmen sind von 98.000 auf 138.000 Mk. gestiegen. Mit dem Wachsen des Hilfsvereins hat auch sein Wirkungskreis eine sehr grosse Ausdehnung erfahren. Namentlich ist es das Schul- und Erziehungswerk, das in grossem Masstab ausgebaut worden ist. Zur Organisierung des Schulwerks und um sich über die Möglichkeiten der weiteren Ausgestaltung aus persönlicher Anschauung zu infor - mieren, begab sich der Geschäftsführer im Ehrenamt, Herr Dr. Paul Nathan, zu einer Studienreise in den Orient, die sich auf vier Monate erstreckte. Auf Grund der gewonnenen Erfahrungen und Eindrücke konnten die Grundzüge festgestellt werden, nach denen das Erziehungs- und Schulwesen im Orient zu leiten sei. Den grossten Umfang hat das Schulwerk des Hilfsvereins in Palästina. Das Schul werk dort ist aus den Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung des Landes heraus entstanden, ist dem religiösen, Verkehrs- und wirtschaftlichen Leben derselben aufs engste angepasst und entwickelt sich als ein Organismus von lebendiger Kraft in engem Zusammenhang mit der Gesamtentwicklung des palästinensischen Lebens. Als eines der wertvollsten Ergebnisse der Reise des Herrn Dr. Nathan ist es anzusehen, dass ein prinzipielles Einverständnis mit den beteiligten Kreisen über eine zeitgemäße Ausgestaltung des Unterrichts an den T almud-Thora - Schulen herbeigeführt werden konnte, so dass bei voller Wahrung des religiösen Charakters und der religiösen Grundlage der Anstalten in ihnen den Bedürfnissen des praktischen Lebens in Zukunft Rechnung getragen werden kann. Der Lehrplan soll nach der Richtung hin erweitert werden, dass die Zöglinge nach Verlassen der Schule in den Stand gesetzt sind, sich im wirtschaftlichen Leben zu betätigen und ihr Brot selbst zu erwerben, statt mehr oder weniger von der Chalukah abhängig zu bleiben. Auch in der europäischen Türkei, so z. B. in dem durch den furchtbaren Brand in den letzten Tagen bekannt gewordenen Haskieu wurden neue Schulen errichtet oder die bestehenden erweitert und ausgebaut. In gleicher Weise wurde das Schul werk in Bulgarien und Rumänien fortgeführt. Das gesamte Unterrichtswesen des Hilfsvereins umfasst im Jahre 1907 35 Schulen der verschiedensten Art mit mehr als 4000 Zöglingen. Das Hilfswerk in Galizien. In Galizien wurde gemeinsam mit dem Wiener Hilfsverein und der Grossloge für Deutschland die Einführung der verschiedensten Hausindustrien weiter tatkräftig gefördert und die Bestrebungen haben das Resultat gezeitigt, dass im Jahre 1907 zirka 3100 Arbeitskräfte mit einem Jahresverdienst von Kronen 267.840,45 beschäftigt waren. Rumänien. In Rumänien galt es im Berichtsjahr, die Wunden zu heilen, die die Bauernunruhen und die damit verbundenen Exzesse gegen die Juden, ge - schlagen hatten. Ein Schaden von über 2,5 .Millionen Francs wurde nach der niedrigsten 'Schätzung den ohnehin meistenteils in den ärmsten Verhältnissen lebenden Juden Rumäniens zugefügt. 3023 Familien in nahezu 100 Ortschaften hatten unter den Plünderungen gelitten. 42 Personen waren verwundet, von den Hunderten, die Misshandlungen erleiden mussten, zu schweigen. Damit aber war das Mass der Leiden unserer rumänischen Glaubens - genossen niehl voll. Auf die Gewaltät.igkeiten der Bauern folgten die Unterdrückungen und Verfolgungen seitens der Regierung und der Behörden, und liäuften neues Ungemach auf die schwer betroffenen Juden. Die massenhaften Ausweisungen, die jedem Recht und jeder Menschlichkeit Hohn sprechen, und die gerade in diesen Tagen ein Jahr nach den blutigen Agrarunruhen in besonders grossem Umfange wieder stattfinden, verschlimmern die an und für sich verzweifelte Lage der rumänischen Juden. Russland. In ganz besonders grossem Umfange war naturgemäss auch in diesem Jahre Hilfe für die Juden R u s s 1 a n d s notwendig. Der Sieg der Reaktion in Russland und die immer mehr sich befestigende Herrschaft, der echten Russen haben den russischen Juden auc h in diesem Jahre wieder unzählige Leiden gebracht. In verschiedenen Orten fanden Pogroms statt und in Odessa herrscht ein permanenter Pogrom, der die Sicherheit der Juden stündlich gefährdet und Handel und Wandel zum Stocken bringt. Die zunehmende Verarmung!der Gesamtheit der russischen Juden hat zur Folge, dass die gemeinnützigen Anstalten, Schulen und sonstige Institutionen sich in einer ausserordentlich kritischen Lage befinden. Um bei all diesen Notständen Abhilfe zu schaffen, hat der Hilfsverein sehr grosse Mittel aufzuwenden gehabt, in besonders grossem Umfange musste er einer Anzahl abgebrannter Städte, in denen namentlich Juden schwere Verluste erlitten hatten, seine Hilfe gewähren. Die grösste Unterstützung, die der Hilfsverein den verfolg;en Juden des Ostens zu teil werden lassen konnte, bestand darin, dass er ihre Auswanderung aus den Ländern des Hasses und der Unterdrückung ermöglichte und erleichterte. Für Auswanderungszwecke sind seit dem Ausbruch der russischen Wirren durch den Hilfsverein der deutschen Juden 1,25 Millionen Mark ausgegeben worden.