Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2« Nr. 14. Seit einiger Zeit finden wir in den Wiener Tagblättern sehr schöne Leitartikel über die Aufgaben des Parlaments. Sie sind von Herrn Dr. Mahler. Merkwürdigerweise hat aber Herr Dr. Mahler noch nirgends geschrieben von den Aufgaben des , Jüdischen Klubs", von seinein Arbeiten und von seinen Plänen. Das würde uns ja alle mehr interessieren, als seine geistreichen Auslassungen über die „geistige" Geschäftsordnung-. Schliesslich haben ja doch die galizischen Juden Herrn Dr. Mahl er nicht dazu ins Parlament geschickt, damit er bei den Wiener Tagblättern leitartikelfähig wird. Die Wiener Tagblätter sind bekannte Feinde des jüdisch-nationalen Gedankens und in ihren Spalten gäbe es für ein Mitglied des „Jüdischen Klubs" nur eine Mitarbeiterschaft: Propaganda für die jüdisch-nationale Idee. Man stelle sich vor, dass ein kaum gewählter ruthenischer Abgeordneter seine publizistische Tätigkeit mit Artikeln über allgemeine Fragen im vSl'0\vo Polskie" einleitet! Wäredies möglich? . . Die armen galizi.-chcn Juden müssen auf ihrem Rücken alles ertragen. Der ,Jüdisch ■ Klub" befindet sich entschieden auf einer falschen Fährte. Er ist matt, unsicher: er ist auch schlecht beraten. Er trippelt vorwärts auf dem abgetretenen Pfade des Parlamentarismus nach Art senil gewordener Politiker; es fehlt ihm der Elan, jener Schwung, mit dem die Führer junger Yolksparteien vorwärts stürmen. Die jüdische Politik hat kein Glück. Die einen wollen nach ihr gar nicht greifen : die anderen wissen nicht, was mit diesem Ding anzufangen. JL. (Ein weiterer Artikel fol«-t. ALBERT PORTER (New-York): «Jüdisches Schachspiel.*) Warum „jüdisches Schachspiel"? könnte man fragen. Die Antwort ist allen jenen klar. die etwas von dem Spiele oder seinen Vertretern verstehen. Juden sind auf vielen < iebieten hervorragend, aber im Schach haben ihre Erfolge eine Höhe erreicht, welche tatsächlich bisher noch nicht übei troff n werden konnte. Es hat den Anschein, als ob der jüdische Geist besonders geeignet wäre, die Verwicklungen des allge mein als am wissenschaftlichsten anerkannten Spieles zu erfassen, — eines Spieles, dessen Uebungen den reichsten Er findungsgeist, die strengste Selbstbeherrschung, nimmermüde Aufmerksamkeit und unendliche Geduld erfordern. Es ist möglich, dass die Tatsache, dass Juden schon vor iooo oder mehr Jahren Schach gespielt haben, mit ihrer erfolgreichen Ausübung dieses Spieles in moderner Zeit in einige, Beziehung steht. Es wird erzählt, dass im neunten Jahrhundert der gegenwärtigen Zeitrechnung der Sohn des Rabbi Saul von Taberistan, wenn er an Melancholie litt, zum Schach seine Zuflucht nahm, um seinen erschlafften Geist zu beleben. Abraham ibn Esra, gesegneten Andenkens, der vor iioo in Toledo geboren wurde, schrieb „D as Lied des Schachspieles", in welchem er die Bedeutung der verschiedenen Figuren beschreibt, die damals die gleichen waren, wie heutzutage. In der Tat, nichts kann deutlicher die Popularität idieses Spieles bei den Juden beweisen, als die wiederholte *) In Wien tagt soeben das Internationale Schachmeister- ^Ufjnier, an dem sich die hervorragendsten Meister der Welt be^ejh^en. . Wir finden darunter Schlechter, Maroczy, Mieses u.'Ä. Ihnen sei obiger Artikel gewidmet. Die Redaktion. Stellungnahme der jüdischen Literatur zu demselben. Es herrschten da verschiedene Ansichten über das Schach, und mehrfach war es Gegenstand von Beschlüssen der rabbinischen Autoritäten. So empfiehlt das „Sefer ha-Chassidim" im 13. Jahrhundert dieses Spiel nachdrücklich. Maimonides dagegen erklärt, dass Schachspieler vor Gericht unglaubwürdig seien. Die Rabbiner von Cremona erklärten im Jahre 1575, als diese Stadt von der Pest verseucht war, dass alle Spiele „mit Ausnahme des Schach" die Ursache dieser Heimsuchung seien. Die Frankfurter Gemeinde fasste jedoch nach dem grossen Feuer von 1711 einen Beschluss, in welchem allen Juden und Jüdinnen (mit Ausnahme von kranken Personen und Wöchnerinnen) verboten wurde, während einer Periode von 14 Jahren Schach zu spielen! Auch das Spielen am Sabbat wurde von einigen gebilligt, während andere es verdammten. Aber dass dieses Vergnügen gerade am Sabbat ein allgemeines wurde, kann man aus der Tatsache entnehmen, dass es wenigstens in Deutschland gebräuchlich war, für das Sabbatspiel in Silber gearbeitete Schachfiguren zu verwenden. Die Ausübung des Spieles war auch nicht auf Männer allein beschränkt: viele Jüdinnen brachten es tiarin zur Meisterschaft. Israel Abrahams ist sogar der Meinung, dass das Schach in jüdischen Kreisen zuerst als Frauenspiel populär wurde und ein Schriftsteller des 17. jahrh inderts schreibt: ,.Es darf durchaus nicht auffallen, dass f -.iden gute Schachspieler sind, da doch jüdische Frauen durch viele Jahre dieses Spiel geübt hallen." Es ist bekannt, dass sogar einer der Päpste jüdische Schachspieler zu Partnern gewählt hat, denn die Urkunden berichten: ..Dieser Papst ist der beste, den sie jemals hatten, denn er kann nicht ohne Juden auskommen, mit denen er Schach spielt . . . Rabbi Simeon <ha-Gadol*j aus dem elften Jahrhundert' ist ein guter Schachmeister, doch der Papst setzt ihn matt." In einer Hinsicht hat das Schachspiel einen Wandel durchgemacht. Heutzutage würde es niemand für möglich halten, dass das Schach ein Hazardspiel sein könnte. Aber im Jahre 1212 verdammte es der Rat von Paris aus diesem Grunde, und Geistliche, welche es spielten, wurden ipso facto exkommuniziert. Dass das Schachspiel unter Juden am populärsten ist, geht aus der langen "Reihe jüdischer Schachmeister hervor, die das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat. Wo und wann immer ein internationales Turnier stattfindet, stehen die jüdischen Meister des Spieles obenan; in den letzten fünfzig Listen solcher Wettkämpfe finden wir mehr als achtzig jüdische Preisgewinner. Ich war oft von der Allgegenwart der jüdischen Schachspieler überrascht; sogar an Plätzen, wo man sie am wenigsten vermutet hätte, sind sie zu finden. Ich sah einmal in einem Cafe in Tunis zwei wohlsituiert aussehende Juden eine Partie spielen, welche den Mitgliedern eines erstklassigen Schachklubs in New-York oder London Ehre gemacht hätte; als ich das Zwischendeck eines Norddeutschen Lloyd-Passagierschiffes, welches von Bremen nach dem Westen ging, durchschritt, bemerkte ich drei von deutschen Juden im Gange gehaltene Schachpartien. Selbst an jenem Sommertage, da ich die Spitze des Mount Minsi an der Delawaren-Wasserscheide erreicht hatte und glaubte, j;der einzige Herrscher" all' dessen zu sein, was ich überblickte, da fand ich den Gipfel von zwei jungen, Jüdinnen bereits besetzt, welche, über einem Schachbrett auf dem Rasen kauernd, in einen mimischen Wettstreit verwickelt waren. Welche Ehrenrolle spielten jüdische Schachspieler während der letzten fünfzig Jahre! Horowitz. Löwenthal und Winawer, *) Der Grosse.