Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDiäCRPOUCiSCRg WOCRSNSCRRIFC RERiSüSöeBE«: orsK.LNNDmu:: t. ÜRHHGKHO. WIEN, 3. flPRIU 1908. fif. 1*. Jüdische f>olilil<. r. Ich müsste heucheln, wollte ich erklären, dass ich mit der Tätigkeit des .Jüdischen Klubs" zufrieden bin. Ich bin es nicht und die Hunderttausende jüdischnational gesinnter Bürger, die mit mir voll Freude und Begeisterung den Einzug der vier jüdisch-nationalen Abgeordneten in das österreichische Volksparlament begrüsst haben, müssen sich die Frage auferlegen, ob 'denn nicht auch diese letzte Hoffnung zu einer trügerischen werden soll. Monate sind seit der Vertagung des Parlamentes verstrichen, ohne dass der Klub ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte. Die Agitation der Herren beschränkte sich auf den allerkleinsten Rahmen, die jüdisch-nationale Organisation wurde durch nichts gekräftigt und nach wie vor pendelt der Klub in der Luft herum, ohne ein festes, greifbares, für alle, selbst für die Gegner klares Programm. Es soll nicht geleugnet werden, dass jeder einzelne der vier Herren quantitativ viel arbeitet. Sie haben mit ihren Wählern zu korrespondieren und deren Geschäfte in Wien zu fördern. Aber das tut jeder Abgeordnete; auch die Assimilanten. Worin aber kommt die jüdisch-nationale Arbeit dieser Herren zum Ausdrucke? Was haben sie im Laufe des Jahres getan, um dem jüdischen Volksgedanken in der Oeffentlichkeit Anerkennung und Achtung, um sich im Parlament Respekt zu verschaffen? Was sind die Errungenschaften, auf die sie ihre Wähler verweisen können? . . . Die Herren haben einige gute Reden gehalten; sie haben wiederholt interpelliert, wobei gerade die wichtigsten Interpellationen fim Falle Herschkowitz und betreffs der Militärärzte) von dritten Personen verfasst wurden; sie haben zweimal über Einladung des Ministerpräsidenten mit demselben konferiert. Aber dort wo Energie, wo Mannesmut, wo Entschiedenheit, wo ein scharfes Wort, wo eine T a t notwendig war, da hat man den ,Jüdischen Klub" vermisst. * Die Brüskicrung Dr. Mahlers vom Senat der Prager Universität, die im Parlamente zum Gegenstand eines Dringlichkeits-Antrages und einer vom jüdisch-nationalen Standpunkte höchst erwünschten Debatte gemacht werden konnte, wurde mit Stillschweigen übergangen und Dr. Mahl er hat geradezu fluchtartig, ohne auch eine Vorlesung zu versuchen, Prag verlassen. Die unzureichende Antwort des Landesverteidigungs-Ministers auf die Interpellation im Falle Herschkowitz wurde auch vom „Jüdischen Klub" zur Kenntnis genommen, ohne dass eine Debatte über diese Antwort verlangt worden wäre. Die schönen Versprechungen des Baron Beck blieben blosse Redensarten. Ja, warum hat denn der Klub den Baron B e c k nicht gedrängt, auch nur eine seiner Versprechungen zu erfüllen? Wurden ihm denn überhaupt welche konkrete Wünsche bekanntgegeben? Baron B e c k hat es ja leicht, zu sagen, dass er gar nicht in der Lage kommt, die Wünsche des Klubs zu befriedigen, weil sie ihm nicht bekannt sind. Speziell in der Frage der jüdischen Bank für Galizien wurde der Regierimg nicht einmal Gelegenheit gegeben, ihre Stellung bekanntzugeben. Und die Frage der jüdischen Militärärzte, der Auditoren usw. ist ja brennend! Ist's denn da mit einer noch so schönen Rede allein abgetan? Was soll's denn mit der konfessionellen Berufsstatistik werden? Wir zählen ja doch schon 1908 und die neue Volkszählung steht vor dem Tor! Die jüdische Bevölkerung in Oesterreich hat zahlreiche Forderungen in nationaler und wirtschaftlicher Beziehung an die Exekutive zu stellen. Mit schönen Reden ist ihr nicht geholfen. Die jüdische Bevölkerung braucht Taten. Sie braucht auch Wegweiser, aber in jenen Reden wird ihr nicht einmal der Weg gewiesen, zur Selbsthilfe, zur Sammlung.