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Neue Nationalzeitung · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 13. „Neue National-Zeitiing" Saite 11. Feuilleton. *}RUNO LBSSING : UanoschefsHv's Webling. (Aus dem Englischen übersetzt von Ida P o 11 a k.) Wollte ich versuchen, Leibovitz zu beschreiben, :so fürchte ich sehr, dass es sich wie eine Beschreibung des Uriah Heep*) lesen würde. In der Tat, die Aehnlichkeit, die man fände, erstreckte sich vom Charakter (angefangen bis auf die rotgeränderten Augen. Hütet Euch vor einem Mann, dessen Augen nicht klar sind! Janoschefsky, der Bankier, "hätte das wirklich wissen können. Tatsache bleibt -dennoch, dass er es nicht wusste. Er nahm Leibovitz in seine Dienste, machte ihn mit allen Geheimniss?n seines Geschäftes vertraut und verliess sich vollständig auf ihn. Um die Aehnlichkeit mit Uriah zu vervollständigen, sei erwähnt, dass Jiaooschefsky eine Tochter hatte, die hübsch .anzusehen war, und Leibovitz verwendete einen grossen Teil seiner Zeit dazu, s:^ anzusehen. Und man kann überhaupt nicht sagen, was nicht alles hätte passieren können, wenn nicht der Wechsel, der Schadehen und die Witwe Schifrin gewesen wären. Das alles kam folgendermassen: Ehe Schifrin zu seinen Vätern versammelt wurde, betrieb er ein gleiches Geschäft wie Janoschefsky, nur waren seine Bjank grösser und seine Beziehungen ausgebreiteter als jene Janoschefskys. Sie waren scharfe Rivalen gewesen und sogar nach Schifrins Tode, als die Witwe und ihr zwanzigjähriger Sohn das Bankgeschäft des Dahingegangenen weiterführten, blieb die Wechselbank Schifrin ein Dorn in Janoschefskys Augen. Aeusserlich standen •die Häupter der beiden Etablissements anscheinend auf gutem Fusse zu einender. Janoschefsky hatte <lie Witwe besucht und ihr sein Beileid über ihren Verlust ausgesprochen; Abey Schifrin hatte ein öder ^zweimal bei Janoschefskys vorgesprochen, um einen geselligen Abend mit ihnen zu verbringen. Aber damit endete ihre Kameradschaft auch schon, und nichts auf dieser Welt hätte Janoschefsky grössere Freude bereitet, als wenn er in. der „Jiddisch Gazette" gelesen hätte, dass sein Rivale falliert habe wofür allerdings wenig Aussicht bestand. Janoischefskys Gefühle hätten sich vielleicht mit diesem Wunsche begnügt, und es wäre niemals etwas passiert, wenn nicht das Faktum bestanden hättte, dass die Wechselbank Schifrin ein Akzept von Janoschefsky besass — zu 6 Prozent — das bald fällig war, und, wie es die unabänderliche Art der Akzepte ist, eben auf eine verteufelt ungelegene Zeit lautete. Das Rapier wurde anlässlich einer gewöhnlichen Geschäfts-Transaktiön zwischen den beiden .Etablissements, bei welcher beide verdient hatten, ausgegeben. Die Verlängerung der Zahlungsfrist hätte für die Witwe Schifrin einen Verlust bedeutet, ausserdem erlaubte es Janoschefskys Stolz nicht, sie wissen zu lassen, dass eine so kleine Summe die WTechselbank Janoschefsky in eine wirkliche Verlegenheit bringen könne. „Das Geld auftreiben — das iss de Frage!" *) Eine Tartüffe-Gestalt aus Dickens' David Copperfield. sagte Janoschefsky wieder und wieder zu seinem ersten Angestellten Leibovitz. „Wenn dos Geld nicht aufgetrieben werden kann", antwortete Leibovitz jedesmal, „so kann es nicht aufgetrieben werden. Wenn Sb schon durchaus etwas auftreiben wollen, dann bleibt Ihnen noch immer mein Salär, das iss schon seit langer Zeit nicht in die Höhe getrieben worden." Worauf Janoschefsky immer t,Bah!" ontworte'te und zum Fenster heraussah, während Leibovitz seine Arbeit mit unbeweglicher Miene fortsetzte. Da kam eines Tages die Hoffnung in rosiger Verkleidung. Sie kam in der Gestalt Bingers, des Schadehen, der lange und arglistig mit Janoschefsky flüsterte. Als er fort war, zog Janoschefsky, seiner Gewohnheit gemäss, seinen ersten Angestelken ins Vertrauen. „Wirklich, ä gute Idee", begann Janoschefsky, liebevoll seinen üppigen Bart streichelnd. „Wos iss äfgute Idee? Mei Salär zu erhöhen?" fragte Leibovitz. „Bah! Sind Se nicht verrückt 1 Aber der Binger sagt, er hat die Witwe Schifrin in der Hand und sie mecht' gern heiraten. Und ich hjab' lange nach gedacht, kann sein, dass ich auch rvodti e Mal heirat'. Hm, 's iss keine schlechte Idee. Sie iss wirklich ä feine Frau!' „Ja", stimmte Leibovitz bei. ,,Sie hat den Wechsel." „Glauben Sie", sagte Janoschefsky von oben herab, ,,da.ss ich ä Frau wegen en fälligen WechseL heiraten tat'?" „Gewiss täten Se das!" kam Leibovitz's prompte Antwort. Janoschefsky geruhte nicht, die verächtliche Bemerkung seines Angestellten zu beachten. Leibovitz hatte seine Arbeit wieder aufgenommen und kritzelte eine geraume Zeit gewissanhaft weiter,, dann hielt seine Feder plötzlich iinne, seine Lippen teilten sich, und er sass schweigend da, t mit seinen rotgeränderten Augen ins Leere starrend, bis sich, nach und nach ein Lächeln über sein Gesicfit verbreitete. Eine Idee war ihm gekommen. „Herr Janoschefsky", sagte er zu seinem Chef, „ich hab' ä gute Idee. Zu wos soll'n mir dem Schadehen dos Geld geb'n? Ich wer' zur Frau SchifrSv geh'n und ihr sag'n, wos Sic für ä feiner Maftrl sind, und ich kann alles g'rad so gut aüsmach'n wie jeder Schadehen. Es wird Sie keinen Penny kosten. Und wenn Sie heiraten, bekomm' ich mein Salär erhöht. Abgemacht?" Janoschefsky starrte seinen Angestellten voll Bewunderung an. „Hast ä grossen Kopp aufgehabt!" rief er aus. „Warum hab' ich selber nicht daran gedacht? Gewiss, so muss es gemacht wer'n. Sie haben viel mehr Interesse an der Sache wie der Schadehen und ausserdem kennen Sie das Geschäft. Sie können helfen zu einem guten Arrangement, um das Geschäftliche gleich zu verbinden." Leibovitz ging mit einem rätselhaften Lächeln auf den Lippen daran, seine Sendung auszuführen. Am selben Abend platzte Janoschefsky .vährend des Nachtessens nach vielen Hems und Ha's endlich heraus:

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