Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Neue National-Zeitung" Nr. ia „Eva, was mechste sag'nx wenn ich n;och e Mal heirat'?" Eva schaute ihren Vater gross anv ,,Ist das ein Spass?" fragte sie. Janoschefsky wurde gereizt. „Warum soll es ein Spass sein? Bin ich zu. alt zum Heiraten?" „Gewiss bist Du zu alt!" antwortete Eva prompt. ^Ausserdem könnte keine Frau so lieb sein wie Mama war. Und wenn ich heirate, kannst Du bei uns leben. Und ich mag keine Stiefmütter, Es ist überhaupt zu dumm." Eine Reihe vion |Gründenb die Janoschef sky johnc Antwortsargumente Hessen. Er begab sich daher ia sein Lieblings-Cafe, wo er ziemlich viel Kaffee trank und eine Menge Luftschlösser baute. Am nächsten Morgen kam Leibovitz spät ins Bureau. „"Neun Uhr iss die Stunde", sagte sein Chef streng. ,Jetz' iss halb zehn. Ich hab gute Lust, Ihnen ä halbe Stund' vom Gehalt abzuziehen." Leibovitz rümpfte die Nase. „So also reden Sie mit en Mann, der für Sie ein H'ofmacher gewesen iss?" Janoschefsky fiel beinahe vom Sessel, so rasch näherte er sich seinem Angestellten.. ,;So geschwind? Sie hab'in 's schon getan? Nu! Wos iss?" „Ich hab' lang mit ihr gesprochen. Sie sagt, sie hat (nie daran gedacht, das® Sie ihr Mann werden könnten. Aber jetz' will sie anfangen, daran zu denken. Sie sagt, es kann sein, dass, wenn ich einen Wagen nehm' und mit ihr am Schabbes im Park herumfahr', da.ss sie mir zuhören wird, was ich über Ihre guten Seiten zu sagerij-Kab\" Jamoschefsky rieb sich voll Entzücken die Hände und dann klopfte er seinem' Angestellten jovial auf die Schulter. „So - muss es gemacht werden! Sie fahr'n mit ihr aus und sag'n ihr, dass ich ein sehr guter Mensch bin, und dass ich das Bankgeschäft Vion A bis Z versteh'! Sag'n Sie ihr, was für ein femer Mann ich für sie wär\ und dass ich nit ein bissei extravagant bin." Aber Leibovitz schüttelte den Kopf. „Glauben Sie," sagte er, „dass ich mein gutes Geld für Wagen- Narrischkaten ausgeb'n wer', wenn, ich für einen Ainder'n den H^f mach'? Und vielleicht von mein' Gehalt moch 'was abgezogen krieg', weil ich zu »pät komm'? Nix!" (Fortsetzung folgt) ^eitschrlften-ftundschau. Die Trsgödi** des Judentums. Unter diesem Titel veröffentlicht David Koigen tinen sehr ausführlichen vmystisch-phiIosophischen Aufsatz in der letzten Nummer der „Zukunft" von Maximilian H a r d e n. Als Ausgangspunkte stellte der Verfasser folgende „Daseinsdispositionen des Judentums" auf: „Erstens: 'Das Verhältnis des Juden zu sich selbst als vollständig einheitliche, allumfassende, lebendige Ganzheit gedacht; oder was dasselbe bedeutet: Was macht seinen Gottesglauben aus? Denn im Gott der Juden, wie ja in jeder Qottesvorstellung, scheint sich der Trieb des Totallebens versinnbildlicht zu haben. Z w eitens: Die Verhaltungsformen der Juden, als Glieder einer Menschenordnung, unter einander und somit auch ihr Verhältnis zu der übrigen Menschheit und zur Natur. . Drittens müssen wir wagen, in 'das Innere des Verkehrs des Juden als Einzelnen mit sich selbst hineinzudringen, um so seine verborgensten Hoffnungen, Zweifel und •Gefahren zu erkennen. Erst durch die Beantwortung dieser .Fragen werden wir in den Stand gesetzt, das Judentum in seinen Wurzeln zu erfassen." < Sfohin gelangt der Verfasser zu folgenden Thesen: „Bei der Ermittlung des Verhältnisses der Juden zu sich selbst als jfOveiner konstituierenden Ganzheit und zur eigenen 'Idee, anders ausgedrückt: bei Wer Feststellung d'er göttlichen Grundlage <des^ Judentums darf man sich nicht von der in Wort und Schrift verifizierten Ueberlieferung in die Irre führen lassen. Es gilt vielmehr, durch die Fabeln, Mythen und Ereignisse des weltgeschichtlichen Dfakunxenrs der Juden und der Menschheit zum» Herzen ihres Daseins zu dringen. Das grosse Ereignis, womit die Judenseele das Bekenntnis über ihr So-sein ablegt, ist und bleibt fortan ihr Glaube an den Einzigen. Mit diesem Glauben gelangt offenbar das Judenvolk zur Erfassung seines eigentlichsten Selbst als einheitlicher Weltganzheit, mit ihm setzt so die eigentliche Geschichte des Judentums ein. Die anderen zeitgenössischen Stämme erkannten sich, worauf ja ihre Vielgötterei hindeutet, nur als Summe einer Mannigfaltigkeit von Mächten "und Beziehungen und im besten Falle als eine Hierarchie von solchen gottähnlichen Kräften. Diesen fehlte auf solche Weise auch der Begriff einer einheitlichen Weltbrdnung, die von einer einzigen konstituierenden Idee durchdrungen wäre. Allein Jehova drückt die vollständige Zusammengehörigkeit und den universellen Gemeinschaftswillen aus; sein Wille wird als die Quelle aller Lebensrichtungen und Triebe anerkannt, so dass die Götter als Penaten des Hauses, des Feldes, der Kriegsmacht überflüssig erscheinen. Mit der Verurteilung der Vielgötterei, die im Grunde zur Erfassung der Naturmäi hte und zur Orientierung in den grossen menschlichen Leidenschaften dienten, kommt auch die Lostrennung der Juden von der Macht der Natur überhaupt zu Stande . . Hier macht sich bereits die echt jüdische Ansicht geltend, auf deren Gefühlskorrelat ich hinwies: die Natur wird in ihrer Weltstellung zurückgesetzt; sie wird aber nicht als etwas „Böses" an sich,; ajs eine dem echten Leben feindliche Macht aufgefasst, geschweige denn verdrängt." „Die Seele des Juden wird von der Gottesseele gefangen gehalten. Im tiefsten Innern des schlimmsten Juden ist ein- Ort, wo der das Lebendige begründende Gotteswille seinen Sitz hat. Dort ist d,es Juden Heiligtum, der „Sabbath" seiner Seele; alles Uebrige ist nur Mittel zum Zweck und Alltag. Der „Jude" hat im Grunde nie Gefallen an der Macht und dem Reichtum als solchen. Diese sind ihm nie Selbstzweck- Er ist kein Götzendiener,. Sein Blick bleibt immer an der befestigten Burg haften, die ihm sein gestrenger Gott errichtete. Dort leuchtet ihm die Sonne und inu 'Anblick des fernen Gottesentzündet sich seine Ekstase, werden seine Träume geborer». Meist eine von kälter, heller Flamme umleuchtete Ekstase; und auch die. Trä«|ne .entsteigen nicht dem Erdenschlamm, sondern wie Wölken .jagen sie einander am 'Gewölbe der Seele, kalte, frierende Wolken....." „Das Judentum steht nicht nur geographisch und chronologisch-geschichtlich, sondern auch dem wesenhaften Inhalt nach in der Mitte, am Scheidewege zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Ost und West. Die Treue zur Mitte der Welt, des Lebens, der Erde ist sein vornehmlicher Gedanke. Der Orient sah und erlebte die Welt in der Stabilität, im ruhenden Sein, das er nun mit Märchen bekränzte und in unheimliche Mystik hüllte, in der Absicht, die Welt auf solche Weise anziehend, wertvoll zu machen. Das Abendland vertraute sich hingegen der Entwicklung, der unausgesetzten- Verwandlung, der inneren Ueberwindung und dem Wiedergeburtgedanken an. Der Jude streckte seine Arme nach beiden Richtungen aus. Einmal umfasst sein Gott alle Welten und Dinge, das ganze Sein. Im Innern der Seinstotalität aber geht die Entwicklung in der Richtung der Transformation vor sich: die Teile wechseln ihre Stellen und Stellungen, gehen jedoch nie unter." „Wenn man das Judenschicksal überdenkt, so scheint es Einem unbegreiflich, wenn gerade der mittelalterliche Katholizismufe dem Judentum nicht gerade freundlich gesinnt war. Die Juden konnten im „Gottesstaat" der Katholiken nicht ihr Ideal erblicken. Dazwischen stand die Person und die Tat des Urhebers des Christentumes. Das Christentum kam immer den Juden als ein Aufstand des Menschengeschlechtes gegen Gott vor. Sie erkannten ganz richtig, dass dort der einzelne Mensch als autonomes Wesen über den Gemeinschaftswillen der Welt hinausstrebt. Und dazu gesellte sich noch das Verlangen der Völker nach eigenen Offenbarungen, nach eigenen Geistesgeburten. In rechtspolitischer Beziehung aber standen die Juden immer auf der Höhe. Dieses gab ihnen bereits Jehova mit auf den Weg." „Die Judenidee wirkt in ihren Aeusserungen allzu dramatisch. Dem Judentum werden Wünsche untergeschoben, gegen die es gerade immer ins Feld zu ziehen glaubte. Es ist zur quälenden Chimäre und zum Spuk geworden. Und mehr als die Welt hat es ihm sein gestrenger Gott angetan. Möge der einzelne Jude den Wink, den ihm da! seine Tragödie gibt, richtige verstehen! Es ist an der Zeit, dass er von sich denkt, wasi König Lear ,von sich sagte: „Ich bin ein Mann, an dem man mehr gesündigt hat, als er selbst sündigte."