Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425736--0718-2427022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 12. „Neue Natiohäl-Zeitung'' Seit* 8, köi keine Hilfe bringen konnte und dies umsoweniger, als gerade ein starker Südwind einsetzte. Erst gegen 5 Uhr nachmittags gelang es, an einigen Stellen des Feuers Herr zu werden, das in anderen Strassen noch stundenlang weiter wütete. Die Rettungsarbeiten wurden geleitet von Raschid Pascha, dem Präfekten, und von Hasdi Bey, dem Gouverneur von Pera. Zum ganz überwiegenden Teile sind es Juden, die vielfach ihr gesamtes Hab unid Glut verloren, haben. Auf Befehl des Sultans wurden die geretteten Effekten der Betroffenen ui>ter militärischen Schutz genommen, die Obdachlosen selbst wurden zunächst in Synagogen untergebracht. Ihre Zahl beträgt 5028.' Der Hilfsverein der deutschen Juden hat zur Linderung des furchtbaren Unglücks und zur Beschaffung von Brot zunächst 1000 Francs telegraphisch nach Konstantinopel übersandt und er hat sich an alle grossen j ü d i s c h e n Organisationen mit dem Vorschlage gewendet, durch Einsetzung eines gemeinsamen Komitees in Konstantinopel in rationeller "Weise eine Hilfsaktion in die Wege zu leiten. Die Schulen des Hilfsvereines der deutschen Juden sind glücklicherweise unversehrt geblieben. Das deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle versendet folgende .Mitteilung: Aus Anlass der Konstantinopeler Brandkata - Strophe, durch die in dem meist von armen Juden bewohnten Konstantinopeler Vorortviertel Hasköi 500 Häuser vernichtet und mehr als 1000 Familien obdachlos wurden, hat das Zentral-Kömitee der Alliance Israelite "Universelle unverzüglich eine umfassende Hilfsaktion in Konstanti-iopel selbst organisiert. Mit der Leitung ist das dortige Alliance-Komitee betraut worden, an dessen Spitze die angesehensten Israeliten Konstantinopels stellen. Zur Linderung der ersten Not hat das Zentral- Komitee der Alliance seinem Konstantinopeler Hilfskomitee bereits zehntausend Francs telegraphisch überwiesen. Auch ist ein Teil der Obdachlosen in den Schulgebäuden der Alliance, die glücklicherweise keinerlei Beschädigung erlitten haben, vorläufig untergebracht worden. Die letzten Nachrichten aus Konstantinopel, lauten: Nach den bisherigen Feststellungen, die a,ber den vollen Umfang des Unglücks noch nicht klar überblicken lassen, sind 412 Häuser und Läden eingeäschert, darunter 3 israelitische Schulen und eine Synagoge; es wurden 5028 Personen ihrer Heimstätte beraubt, 1500 jüdische Familien sind brotlos geworden. Die Not macht sich um so stärker fühlbar, als die Teuerung in Konstantinopel noch immer andauert. Der griechische Patriarch übersandte dem Grossrabbiner 100 Ltg., die Banque ottomane steuerte die gleiche Summe bei. Um eine schnelle und zweckmässige Organisation des Hilfswerkes zu sichern, wurde ein Komitee von 30 Personen gebildet, dessen Präsidium auch Se. Eminenz Moise Halevy, der Chacham Baschi, angehört; es wurden ferner spezielle Kommissionen gewählt; man hofft, dass es gelingen wird, binnen kurzem 50.000 Mark in Konstantinopel selbst zusammenzubringen. Die türkischen Behörden nehmen sich der Betroffenen in anerkennenswerter Weise an, indem sie für ihre Unterbringung sorgen und ihnen Lebensmittel, Heizmaterial, Decken etc. zur Verfügung stellen, wie auch sjanitäre Vorkehrungen treffen. Der Sultan hat den Befehl erteilt, alle notwendigen Massregeln zu ergreifen, um die Notlage der heimgesuchten Bevölkerung von Haskieu zu lindern. Der Stadtpräfekt hat dem Grossrabbinat von diesem kaiserlichen Irade ausdrücklich Mitteilung gemacht. SoJdatenexzesse in Palästina. Berlin. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhält aus Jaffa (Palästina) folgendes Telegramm: Während einer Feier des jüdischen Purimfestes überfielen auf Befehl des Kaimakan Polizei und Soldaten die jüdische Herberge in Jaffa und verwundeten dreizehn Jut-en, darunter mehrere schwer. Zwar ist die Bevölkerung einstweilen noch ruhig, doch werden weite.e Ausschreitungen seitens des Kaimakan befürchtet, wenn nicht die Konstantinopeler Zentralbehörde gegen die "Wirksamkeit dieses Beamten einschreitet. Vereinigte Staaten. Soziale Fürsorge für jugendliche Verbrecher. New-York. Am 4. d. M. fand im Tempel Em*nu-El die erste Jahresversammlung der „Jewish ProUotory" statt. Diese Anstalt hat den löblichen Zweck, jüdische junge Leute, die infolge irgend einer Verfehlung zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, auf eigene Verantwortung in ihrer Korrektionsanstalt zu über* nehmen und aus ihnen brauchbare, rechtschaffene Menschen und gute Juden zu machen. An der General vtrsammfung nahmen fast sämtliche namhafte, reiche jüdische Philantropen Newyorks, sowie die Vertreter der jüdischen Wohlfahrtsanstalten teil, Aus dem Jahresberichte des Sekretärs ist zu entnehmen, dass die Schule im vorigen Mai eröffnet wurde. Während dieser Zeit wurden 217 minderjährige Verurteilte aufgenommen, von denen 37 bereits die Anstalt verlassen durften. Interessant ist die Statistik der Zuständigheit der Korrektionisten. 217 von ihnen wurden in Amerika geboren, 52 stammen aus Bussland, 13 aus Oesterreich, 3 aus England, 4 aus Rumänien, 1 aus Ungarn und 1 aus Palästina. Die meisten dieser Jugendlichen stehen im Alter von 12—15 Jahren und sind wegen kleiner Delikte verurteilt. Nach Verlesung des Berichtes hielt der anwesende Richter des Obersten Gerichtshofes Parker eine Bede an die Versammelten, in welcher er zunächst hervorhob, dass fast jeder jugendliohe Verbrecher gerettet werden könne, wenn er trotz seiner erstell Vergehens, rechtzeitig in die richtigen Hände gerät und mit Liebe und Vernunft behandelt wird. „Man muss stets daran denken" schloss Richter Parker seine Rede, „dass fast jeder Mensch einmal im Leben etwas getan hat, was den Buchstaben des Gesetzes nicht ganz entspricht. Anstatt die Kinder in die Geiängnisse zu stecken, aus denen sie nicht gebessert herauskommen, ist es viel praktischer und segensreicher, sie in Schutzhäuser zu schicken, wo sie, wie in Ihrer Anstalt, unter dem Ein flu sie der Religion, ihrer Eltern, demjenigen guter Erzieher zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft herangebildet werden können."