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Neue Nationalzeitung · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 13. .Neue National Zeitung" Seit© 7. Verstorbene war inämlich zwar noch Jude, doch sind seine Frau und Kinder Christen. Darauf ist es wohl zurückzuführen, dass die mit Kronen 500.000,— dotierte Familienstiftung laut testamentarischer Verfügung an Arme „ohne Unterschied der Konfession" zu vergeben ist. Dieser Pasus mag der Kultus-Gemeinde nicht gerade angenehm sein, für die Armen ist es jedenfalls besser, dass die Kultus-Gemeinde, und nicht der Magistrat das Verleihungsrecht hat. Ein Antrag des Vertreter-Kollegiums verlangt eine Erhöhung der Sitzpreise für den Lcopoldstädter Tempel, was eine endlose Debatte entfesselt. Bemerkungswert erscheint die Bemerkung des Herrn Dr. Spitzer. Redner meint, dass der primitivste Anspruch, den man an die Gemeinde stellen kann, doch der ist, den Gottesdienst allen zugänglich zu machen. Er sei in jedem Falle für die Gleichheit. Schliesslich behandelt Herr Dr. Spitzer den grossen Gegensatz zwischen dem in Wien viel zu hohen niedrigsten Kultussteuersatz (20 K) und den geringen Genüssen, die der Steuerzahler hiefür erhält, und verweist auf Berüa (niedrigster Satz 6 Mk. 7 K 20 h). Er lehnt die Erhöhung nachdrücklichst ab. Der Hinweis auf Berlin ist das Stichwort zu einer uferlosen Debatte, in derem Gewässer der eigentliche Antrag einstweilen ertrinkt. Herr Salo Cohn nimmt Berlin und seine Kultussteuer in Schutz, Herr Gustav Kohn desgleichen für Wien, bis endlich der Präsident nach einer Polemik gegen die Herren Cohn und Dr. Spitzer die Abstimmung vornimmt, welche trotz aller Erregung die An nähme des Antrages ergibt Dann referiert Herr Hofrat Rappapart über die durch eine Spende der Frau E. T h o rsch ermöglichte Vermehrung der Betten im Versorgunshause. „Es ist ein Skandal"! . . In einer Interpellation, die von den Herren K. V. Max Frank, Dr. Mark. S p i t z e r , Prof. Ehr mann u. Gen. überreicht wird, verlangen dieselben die sofortige Aufnahme eines Insa-ssen des „Hauses der Barmherzi g k e i t" in Währing, namens K u 1 k a, in das Versorgungshaus der Gemeinde. Wir haben anlässlich einer früheren Sitzung diese Affaire behandelt. Der schwerkranke Mann soll in diesem Hause der Unbarmherzigkeit mit allen gesetzwidrigen Mitteln zur Taufe gezwungen werden. Aus dem Berichte des Rabb. Dr. F c u c h t w a n g und einer zweiten Vertrauensperson lässt sich das Martyrium dieses armen Menschen unschwer erkennen. Dieser Bericht erachtet es als eine heilige Pflicht der Gemeinde, diesem Menschen ..unverzüglich zu helfen". Seit Dezember v. J. besteht für die Gemeinde diese heilige Pflicht, über deren Erfüllung oder Ablehnung wird aber noch Ende März debattiert. K. V. Schramek vertrat in kurzer, wirkungsvoller Rede den gerechten Standpunkt, doch blieb es Herrn S. Steiner vorbehalten, die Kritik dieses Vorgehens in den lakonischen Anfangssatz zu kleiden: „Es ist ein Skandal! .. ." Der Be¬ Beweis hiefür wäre ihm sicherlich geglückt, doch ehe er noch dazu kam, verbat sich der Präsident diesen Ausdruck. Da Hofrat Rappaport erklärte, dass in der Versiorgungsansta.lt momentan absolut kein Platz sei. der Präsident hingegen mit der Schilderung der schweren Krankheit des Petenten den Teufel an die Wand malte, half das ehrliche Bestreben einzelner der Herren gar nichts. Die Abstimmung ergab die Rückweisung des Falles an das Vertreter-Kollegium, welches bereits einmal die Aufnahme des Kulka abgelehnt hat. Damit ist die Sache auf genügend lange Zeit verschleppt, und wenn der arme Kulka, sich beeilt, kann er noch als Jude sterben. Im ungünstigeren Falle aber kann er als frischgebackener Christ ein Lied von der ,,heiligen Pflicht" der Kultusgemeinde singen .... Wir zitiere,1 nochmals: ,,Es ist ein Skandal! . . . ." Damit war die Tagesordnung der öffentliche! Sitzung erschöpft. Zur vertraulichen Sitzung kam es auch heute nicht. Vermutlich deshalb, weil das Rabbinat noch immer nicht mit der Erforschung der Koscher-Selchwarcn-Miaterie fertig ist . . . Lange genug brauchen die gelehrten Herren, um ..koscher" vom Gegenteile zu unterscheiden! Koscherwürste und — Taufliste. (Der Anstritt und Rücktritt der Frau Löwy.) Wien, den 22. Mä'-z. (Orig.-Korr.) Die Nachricht unseres Blattes von dem Austritt der ehemaligen Grosselcherin, Frau Löwy, aus dem Judentum hat sensationell gewirkt. Heute erschien ein Kousin der Frau,Löwy beim Rabbinat und erklärte, dass die konfessionslos gewordene Dame wieder zum Judentum zurückkehre. Die Gründe, die sie zu diesem Austritte veranlasst hatten, waren auch sehr merkwürdig. Sie fühlte sich nämlich durch die K u 11 u s s t e u e r. per 1600 Kronen jährlich, beschwert. Dass sie aus dem Judentum Jahrzehnte Kapital, und zwar grosses Kapital gezogen hat, ist ihrem Gedächtnisse rasch entschwunden. Da fand sich bald ein Ratgeber, der als bestes Mittel gegen eine unangenehme Kultussteuer die - Konfcssionslosigkeit empfahl und prompt wurde dieser Rat befolgt. Die Nachricht unseres Blattes setzte jedoch die öffentliche Meinung in Bewegung und Frau Löwy erhielt nebst den Vorwürfen ihrer Verwandten auch ein Schreiben ihres — verstorbenen Mannes. Wirklich erhielt Frau Löwy von einem Anonymus am Samstag einen Zeitungsausschnitt, als dessen Ab - sender ihr verstorbener Gatte angeführt war. Alle diese 'Umstände haben nun dem Judentum diesen neuen, durchaus nicht sehr erwünschten Zuwachs einer Dame verschafft, die wegen einiger Gulden ihren Glauben, Tradition und Familienbande von sich wegzuwerfen bereit war. Direktor Moriz Lazarus. Lemberg, den 20. März. (Orig.-Korr.) In dem an der Strecke der gali/iseben Transvcrsalbahn gelegenen Städtchen Nowemiasto fand am Schuschan- Purim, d. i. am 18. Märe 1. J. eine erhebende Feier statt. Es wurde daselbst eine neue Synagoge eingeweiht. Ist schon das Faktum allein, dass eine arme jüdische Kultus-Gemeinde eines kleinen galizischen Städtchens bei den jetzigen schweren Zeiten in den Besitz eines neuen, schon ausgeführten Gotteshauses gelangen konnte, an und für sich ein freudiges Ereignis, welches geeignet ist. in jedem jüdischen Herzen ein Gefühl der Genugtuung wachzurufen, so wird dieses Gefühl ein umso intensiveres sein, wenn man erfährt, dass dieses heilige Werk nicht aus den Gemeindemitteln geschaffen wurde, sondern dem Edelsinn eines hochherzigen Mannes sein Entstehen verdankt. Der Schöpfer dieses schönen und geschmack-

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