Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 6. „Neue National-Zeitung" Nr. 13. liehe finanzielle Unterstützung wäre vorläufig vom jüdischen Standpunkte lieber zu verzichten, denn mit dem Momente, da der Staat — was übrigens nicht so rasch geschehen kann -— ein solches Institut subventionieren möchte, würde er sich ja selbstverständlich auch den nötigen Einfhiss auf allen Gebieten desselben sichern wollen. Wie die Juden bei allen vom Staate subventionieren Anstalten behandelt werden, ist ja jedermann bekannt. Es wäre trotz der schlechten Verhältnisse unter der galizischen Judenschaft noch möglich, Männer zu finden, die in der Lage sind, ein Genossenschaftskapital von einer 1,000.000, — Kronen aufzubringen und wÜTde die ICA, die gegenwärtig zwölf Darlehenskassen in Galizien besitzt und dadurch die Verhältnisse des Landes gut kennen muss, sich ihrer Pflicht, eine Zentralgenossenschaft mit grösseren Mitteln zu unterstützen, gewiss nicht entziehen. Sie könnte das. umsoweniger tun, als es ja in den Intentionen dieser Vereinigung ist, den galizischen Juden billigen und bequemen Kredit zu verschaffen, und dass sie dabei nicht der Gefahr ausgesetzt ist, das Geld zu verlieren, beweisen ihre Rechenschaftsberichte. Wenn die Wiener Lankinstitute sehen würden, dass die galizischc Judenschaft den festen Willen hat. sich selbst zu helfen und in der Lage ist, ein grösseres Kreditinstitut im modernen Sinne zu leiten, so werden sie in ihrem eigenen Interesse trachten, mit demselben in Verbindung zu treten. Denn statt ihr Geld nach Ungarn zu schicken und es dort zu verlieren (wie es im letzten Jahre der Fall war), werden sie viel lieber mit einem Institute arbeiten, bei dem die sehen, dass es sich hier nicht darum handelt, einzelnen, sondern dem ganzen Lande zu helfen. Allerdings dürften die Vorarbeiten zur Gründung einer Zentralgcnossenschnft nicht im Zeichen zionistischer oder assimilatorischer Politik gemacht werden, sondern es müssten die Vertreter verschiedener Richtungen im vorbereitenden Komitee sitzen. Denn in dem Momente, da man bei der Gründung eines wirtschaftlichen Institutes daran denkt, demselben eine politische Farbe zu geben, ist die Existenzmöglichkeit desselben ausgeschlossen. Sollte es nicht gelingen, die führenden Juden aller Parteischattierungen zu einer gemeinsamen wirtschaftlichen Aktion zu bringen, so würden sie selber damit beweisen, dass die gegenwärtig im Lancia herrschende Not ihnen nicht so nahe geht, wie die Befriedigung ihrer politischen Wünsche, an denen ja dem arbeitenden Judentum des Landes viel weniger gelegen ist. Die Deutschen und" Czechen der Suclettenländcr haben schon lange eingesehen, wie gefährlich es ist, wenn man in wirtschaftliche Institute Politik hineinträgt und so sitzen im Verwaltungsrate einer deutschen Sparkasse neben einem Fortschrittlichen auch ein Alldeutscher oder Dcutsch\ olklicher : das Gleiche ist bei den Czechen der Fall: Es hängt also viel \ oa den Juden des Landes selbst ab, ob sie den Willen haben, sich zu helfen. Sie dürfen nicht warten, bis ein in fremden Ländern mit kleinlichen Mitteln gegründeter Verein (Galiziseher Hilfsverein) ihnen mit der Errichtung einer Haarnetzindustrie, wo junge Mädchen in der Hochsaison 2 Kronen wöchentlich verdienen können, unter die Arme greift. 1 Eine jüdische föatil<. Der Frage der .Jüdischen Bank in Galizien", die •zuerst in unserem Blatte angeregt wurde und die geradezu eine Lebensbedingung für die galizische Judenschaft bildet, widmet das „Jüdische Tagblatt" in Lemberg eine sehr ausführliche Besprechung. In derselben heisst es: „Die Bank darf nicht von einigen Personen für eine Stadt gegründet werden. Sie hat die Firma einer ganzen Partei zu tragen und ihre Wirksamkeit hat sich auf das ganze Land zu erstrecken." Und woher das Kapital nehmen? Darauf hat das Blatt sofort die Ant.vort zur Hand: „Wie bekannt, liegen in unserer Kolonialbank über 6 Millionen,, wovon bereits ein Teil furchtbar in Palästina angelegt ist. Eigentlich haben bisher nur die russischen Zionisten davon einen Vorteil gehabt. Dort haben sich zionistische Banquiers gefunden, die für die Verwendung des entnommenen Geldes die Haftung übernommen haben. Nur bei uns ist so etwas nicht möglich. Unsere Reichen stehen im assimilatorischen Lager, und die wenigen reichen Zionisten haben keinen blauen Dunst vom Bankfach. Ueberdies würde die neue Bank durch unsere Weltorganisation mit dem ganzen Ausland Beziehungen unterhalten können. Eine jüdische Bank hätte die besten Chancen, doch müssten die Führer der zionistischen Partei ihre ganze Energie zusammennehmen, um sie zu begründen. Man spricht in Galizien so viel von Hilfsvereinen, man gründet so viele Wohltätigkeitsstiftungen, dass uns endlich die Zeit eingetroffen zu sein scheint, einen einzigen Ausweg für die galizischen Juden zu schaffen, eine jüdische Bank." Die Ansicht des „Jüdischen Tagblattes", welches eine Parteibank schaffen will, steht im diametralen Gegensatze zurrt vorigen Artikel. Uns imponiert jedenfalls mehr 'die Ansicht des routinierten Fachmannes. f^RR&PCNDSNZCN ©csteri-cich-Ön^arti. Oeftentliche Sitzung; des Kultusvorstandes. Wien, den 22. März. (Orig.-Korr.) Die heutige öffentliche Sitzung war etwas lebhafter als es sonst der Fall ist. Es standen zwar keine besonders wichtige Themata auf der Tagesordnung, aber den Präsidenten regt der leiseste Widerspruch auf. Die Einstimmigkeit des Votums gehört schon zur Selbstverständlichkeit, jedes „Ko.itra" bedeutet eine kleine Sensation. Aus dem Einlaufe sei einer Spende besonders erwähnt. Der am 30. Jänner I. J. verstorbene Grossgrundbesitzer Julius F r a n k 1 hat der Kultus-Ge - meindc testamentarisch vermacht: Für das Altersversorgungshaus K 50.000, - Zur Verteilung an Arme . . ,, 20.000, Für eine Kadisch-Stiftung . . ,, 2.000,— Jtil. und Emma Fränkische Familienstiftung . . ,, 500.000,— Diese Spende von K 572.000,— ist durch die Person des Spenders besonders interessant. Der