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Neue Nationalzeitung · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite i. „Neue National-Zeitung" ©ie Karriere eines Kulhisbeamten. In Oesterreich lässt sich noch auf verschiedene Art Karriere machen. Als das beste Mittel zum »Fortkommen hat sich bisher noch immer das Taufwasser erwiesen. Wenigstens trifft dies bei den öffentlichen Aemtern vollkommen zu. Dass sich aber auch in dem jüdischen Teile des katholischen Oesterreich, der in der Seitenstettengasse seine offizielle Vertretung hat, solcherart ein Avancement rasch und sicher erzielen lässt, dürfte rtieu sein. Damit gelangen wir zu einem Vorfall, der auch im prinzipiellen Sinne so wichtig und von wei tragender Bedeutung, dass wir ihn der Oeffentlichkeit zur Beurteilung übergeben müssen. Ein seither verstorbener Kultusvorsteher hatte vor einigen Jahren einen jungen Menschen, der in vielerlei Stellungen schon, Schiffbruch, gelitten, in die Bureaus der Kultusgemeinde gebracht. Dem jungen Manne mussten wahrscheinlich ganz besondere Protektoren zur Seite gestanden haben, denn anders lässt es sich kaum erklären, dass genannter Vorsteher seinen ganzen Einfluss aufbot, um seinen Günstling eine Kanzleidienerstelle zu verschaffen, die er denn endlich auch erhielt. Der junge Mann selbst schien nicht sehr empfehlenswert; aber andere scheinen ihn sehr empfohlen zu haben. Und so gelang es ihm fast spielend eine Stelle zu erreichen, um^die sich Hunderte vorzüglich qualifizierter Bewerber jahrelang vergeblich bemühen. Als der Kanzleidiener schon einige Zeit bei der Kultusgemeinde angestellt war, kam man darauf, dass er zur Zeit, als er in die 'Dienste der Kultus- Gemeinde eingetreten, schon aus dem Judenturne ausgetreten, und zum Protestantismus übergetreten war. Im ersten Schrecken suspendierte man ihm vom Dienste. Später scheinen dem hoffnungsvollen jungen Menschen dennoch Bedenken gekommen zu sein. Er mochte erkannt haben, oas-5 er das idyllische Leben eines Kanzleidieners der Kultus-Gemeinde zu rasch von sich geworfen; es mag auch sein, dass seine edlen Gönner auf ihn einwirkten, oder aber, dass der erwartete anderweitige Erfolg der Taufe ausblieb. Gleichviel, welche Momente bestimmend waren: Es kam zu einer — „Retourtaufe". Der Kanzleidiener liess die feierliche Zeremonie eines rituellen Bades über sich ergehen, und ehe sich das Judentum dessen bewUsst wurde, hatte es eine schöne Seele wiedergewonnen! . . . Soweit wäre alles gut. Es wäre zu begreifen, dass ein Kanzleidiener der Gemeinde Amtsdiener beim Magistrat werden will, und deshalb dem Judentum den Rücken kehrt. Dass aber ein getaufter Kultusgemeindediener nicht prompt entlassen, sondern — suspendiert wird, gibt schon zu denken. Ob< es nötig und nützlich war, ihn unter freundlicher Mithilfe den Weg zum Judentum zurückzuführen, mag strittig sein. Wir haben immer die Ansicht vertreten, dass derlei Früchte oder „Früchtein" ruhig vom Baume unseres Volkes abfallen mögen. Es ist schade, sie vom Boden aufzuheben. Die Sache wird aber noch interessanter. In der Seitenstettengasse werden bahnbrechende Präjudiz-Fälle konstruiert. Der Diener des Kultusvorstandes, der bereits getauft war, kann nicht mehr' Diener bleiben. Er wird also — Beamter. Zuerst provisorisch, dann definitiv. Das Vertreter - Kollegium hat bereits die Ernennung beschlossen. Es fehlt Nr. 13. nur hoch die Bestätigung des Plenums. Dieses hätte sich am letzter^ Sonntag mit dieser Nominierung beschäftigen sollen. Eis kam aber nicht dazu, weil die Sache im Plenum' noejt nicht „klargestellt" ist. Doch aufgeschoben, ist nicht aufgehoben. Ist aber eine so]che Ernennung möglich? Ist sie auch nur diskutierbar? Kann dem Beamtenkorps der Kultus-Gemeinde zugemutet werden, mit diesem Herrn in kollegialer Berufsgemeinschaft zu leben? Meint der Vorstand, 4as$ sich seine Beamten schon jeder persönlichen Würde begeben haben? Allerdings kann der Kultus vorstand alles. Er kann auch Zuchthäusler zu Beamten ernennen; er kann sein Beamtenkorps beleidigen, demütigen. Aber dann hatte er sein Amt missbraucht, und er wäre des öffentlichen Vertrauens nicht mehr würdig. Es gibt gewisse Dinge, die selbst die konservativsten Schichten der Wähler provozieren müssen. Dazu gehört zweifellos diese jüngste Beamten-Ernennung. Wenn der Vorstand am nächsten Sonntag daran gehen wird, den Beschluss des Vertreter-Kollegiums zu überprüfen, so möge er daran denken, dass die Ehre seines Beamtenkorps und die Würde der Gemeinde auf dem Spiele stehen. Die Oeffentlichkeit wird hiefür noch in erhöhterem Masse Rechenschaft fordern, als für die christlichen Schwiegersöhne der Herren K u f f n e r und Rappaport. Kritikus. Israelitischer ^Vusstattungsbereit). (Die Generalversammlung gesprengt.) Wien, den 22. März. Wenn man noch darüber im Zweifel wäre, ob die von unserem Blatte wider den Vorstand des „Israel. Humanitäts-Vereines zur Ausstattung heiratsfähiger Mädchen", die Gelbers und Genossen, erhobenen Beschuldigungen zutreffen, so hätte die heutige Generalversammlung dieses Ver - eines alle Zweifel verscheuchen müssen. Heute hat es sich eklatant gezeigt, dass die schwer und blutig ersparten Groschen von Tausenden armer jüdischer Eltern und Mädchen einigen Subjekten, die weder Wissen noch Erfahrung, noch moralische Eignung, noch Verantwoitlichkeitsgefühl besitzen, förmlich ausgeliefert sind. Diese Leute betrachten den Verein als eine Domäne für ihre persönlichen Zwecke und scheuen selbst vor Gewalttaten nicht zurück, wenn sie sehen, dass sich die Vereins- Mitglieder ihrer Ausbeutung entziehen wollen. Bei der heutigen Versammlung hat der „Präsident", als er eingesehen hat, dass er und seine Genossen bei den Neuwahlen unter der allgemeinen Empörung über die Misswirtschaft begraben werden, plötzlich die Versammlung geschlossen und Wache requiriert, damit die Mitglieder auseinandergejagt werden. Dieser Herr Gelber trug das ganze Vereins-Vermögen, 25.000 Kronen, wie er selbst erklärte, bei sich und damit ging er fort. Die Veranstaltung der heutigen Generalversammlung hat dem Verein 600 Kronen gekostet; die Ausgabe wird wiederholt werden müssen. Der Saal „Zum Bayerischen Hof", in dem die Generalversammlung stattfand, war von mehr als tausend Personen besetzt; es waren Männer, Frauen umd Mädchen, für die der Verein ein Stück

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