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Neue Nationalzeitung · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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fcr. IS. „Neue Natiorial-Zeitung" B«it« 3. Dr. ISAC ALCALAY: Pür die Jipaniolen. Der Artikel des Herrn Dr. Brettholz wird nach meiner Ansicht bei jedem unbefangenen und mit den Verhältnissen vertrauten Menschen auf den grössten Widerspruch stossen. Trotz seiner Behauptung, die Spaniolen „studiert" zu haben, ist seine Vorstellung von den heutigen Epigonen eines Maimuni und Jehuda ha-Lewi sehr lückenhaft. Sein lebendiges Studium der Verhältnisse ist notdürftig, da er nur drei bis vier Provinzstädtchen des Näheren kennen gelernt hat, worin kaum 20 bis 25 jüdischspaniolische Familien» wohnen können. Selbst die Reisenden, die die sephardischen Wohnungsgebiete bereist und durchforscht haben, gewähren uns schon ein von der Brettholzschen Darstellung verschiedenes Bild. Bei dem vergleichenden Studium der spaniolischen und der aschkenasischen Juden gelangen sie zu einem Resultate, das die sephardischen Juden noch immer in vorteilhafterem Lichte erscheinen lässt. Das sei allgemein bemerkt. Herr Dr. Brettholz macht uns den Vorwurf, dass wir kriecherisch und unterwürfig gegen die Andersgläubigen seien. Ich, als gebürtiger Spaniole, kenne (meine engeren Heimatsgenossen von dieser Seite nicht. Für diese moralischen Defekte findet Dr. Brettholz eine Entschuldigung in dem Kampfe ums Dasein, den die Spaniolen auszufechten haben, oder, um ihn zu zitieren, sie tun es ,-,der paar Pfennige wegen". Das harte Leben-zwingt auch edlere Naturen zu Konzessionen. Viel unverzeihlicher jedoch ist eine solche "Deviation bei den aschkenasischen Juden, die ganz intercssenlos, ohne zwingende Gründe, aus purer Höflichkeit im siebenten Himmel zu sein scheinen, wenn, eine hohe distinguierte christliche Persönlichkeit wohlwollend ihre Hand zu schütteln geruht. Diese Verhältnisse liegen in der Grosstadt so klar zu Tage und treten so 'häufig auf. dass jeder ehrlich denkende Jude aus der Grossstadt darüber nicht mehr die Achseln zuckt. Was die inneren Verhältnisse der Spaniolen anlangt, führt Herr Dr. Brettholz Klage darüber, dass die Sephardim über Geschichte, Talmud, Philosophie und geregelten Gottesdienst keinen Begriff mehr haben. Diese Angriffe will ich widerlegen. Die Behauptung, d iss der Talmud gar nicht gepflegt wird, entbehrt jeder Begründung. Ich brauche auf die Existenz der grossen und berühmten Jeschiwot in Salonichi, Adrianopel, Konstantinopel, Sofia und auf das Erscheinen vieler talmudischer Responsen hinzuweisen, um die ganze Unstichhältigkeit der Brettholzschen Darstellung zu zeigen. Hätte sich der Dr. Brettholz wenigstens nach Sarajevo bemüht, welches noch in okkupierten Gebieten Oesterreichs liegt, da würde er zu seinem grossen Erstaunen eine vollkommene, allen Bedingungen entsprechende Talmudjeschiwäh entdeckt haben. Allerdings wird die Pilpulistik, deren Wert noch problematisch ist, nicht wie bei den Aschkenasim getrieben. Wir huldigen dem Prinzip, erst ans dem eigentlichen Texte den wahren Sinn herauszubringen und bei den Schwierigkeiten nehmen wir unsere Zuflucht zu den nötigsten Kommentaren. Die Geschichte wird, genau abgewogen, nicht intensiv gepflegt, aber ich kann aus eigener Erfahrung behaupten, dass jeder durchschnittliche Spaniole zumindest ebenso viel Kenntnis seiner Geschichte besitzt wie sein aschkenasischer Stammesgenosse. In der Philosophie, da hat Dr. Brettholz das Richtige getroffen. Sie wird bei den Spaniolen in den Gemeinden, nicht getrieben. Wenn Dr. Bretthol-; glaubt, dass alle Spaniolen aus Banjaluka und Sem- Ün Philosophen sein müssen, so wäre es allerdings für Mns sehr schmeichelhaft, aber den Vorwurf, dass sie es nicht sind, nehmen wir ohne Kränkung hin. Schliesslich die Wiener Juden sind auch keine Philosophen. Den Vorwurf des Mangels eines geregelten Gottesdienstes und der kantoralen Funktionen muss ich entschieden zurückweisen. Muss man denn jedes* mal erklären, dass der Tempel kein Opernhaus ist? Was ikänn Dr. Brettholz darin Schlechtes sehen, wenn die schlichten und herzergreifenden Gebete von einem gelehrten und achtbaren Manne, wenn auch nicht nach den Noten der Kirchengesänge hergesagt werden. Freilich ohne jede Barbarei, Zerziehung und Verdrehung der armen hebräischen Laute! Ist denn die von der Majorität des gebildeten Judentums als richiig anerkannte Betonung des Hebräischen in wissenschaftlicher und ästhetischer Beziehung wirklich ein Greuel? Selbst die junghebräische Literatur im äussersten Osten hat das „au" und „oj" im Hebräischen längst verworfen und die sephardische Leseart mit der richtigen Betonung vollgültig angenommen. In ästhetischer Beziehung ist das Ausbleiben des Gejohls und Ge^ he'uls der Gemeinde entschieden vorteilhaft, denn bei den Sephardim setzt die Gemeinde wohlgeordnet nach dein Ausführungen des Vorbeters leise und würdig ein. Unsere Synagogen wäien „Klausen" nach der Vorstellung des Dr. Brettholz. Lauter Prachtmotnumente haben wir nicht aufzuweisen, auch die Aschkenasim (nicht. Aber Dr. Brettholz hätte ja die schöne Synagoge in Semlin sich ansehen können. Nach Dr. Brettholz ,,lassen wir keinen Lichtstrahl des Fortschrittes in 'unsere finsteren Anschauungen hineinleuchten". Dieser Vorwurf iist ungerecht. Freilich den modernen Fortschritt mit seiner ganzen. Popanz, mit seiner ganzen Hohlheit und Nichtigkeit im Sinne der durch und durch assimilierten Reformler des Westens haben wir Gott sei Dank noch nicht. Auch Tauflisten, weder monatliche noch jährliehe, können wir nicht aufweisen. Trotz ihrer Anhänglichkeit an dem Judentume hat "unter ihnen der Chassidismus mit seinen Wunderrabbis, wie er bei den Aschkenasim im Osten grassiert, nicht platzgegriffen. Es muss mich nur wundern, dass Dr. Brettholz die Lektüre des Obermayerschen „Modernes Judentum" sich nicht gegönnt hat. Ich glaube, er würde trotz des Widerspruches seitens des Wiener Oberrabbinats und mancher ästhetisch und liberal angehauchten Rabbiner eines Besseren belehrt worden sein. An unsere P. T. Abonnenten: Am 1. April 1. J. beginnt ein neues Quartal. W ir bitten um Zusendung der Pränumerationsgebühr. Die A d m i n i s t r a t i o n.

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