Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. „Neue National-Zeittmg" Nr. 13. durcheinander zu hetzen und in der Verwirrung ^inon Rebbach und Schab zu machen." Ich kann Ew. Durchlaucht in wirklich „zuverlässlicher" Weise versichern, dass nur ein Lügenmund in Ihrer ganzen Auseinandersetzung auch nur e i n wahres Wort erkennen dürfte. Es ist — ganz abgesehen von der Konfession und der Abstammung Wahrmunds — unwahr, dass die Juden seit 2000 Jahren viom Hass gegen die christliche Ueberzeugung erfüllt sind und es daher grosser Ueberwndung bedarf, diesen Hass „selbst wenn man Christ geworden ist" nicht hervorzukehren. Die primitivste Kenntnis des - nicht durch die Brille des mit Ignoranz und Fälschung arbeitenden Rohlnig gesehenen — jüdischen Schrifttumes lehrt, dass die Juden frei von diesem Hass sind. Es ist eine Lüge, dass „Blasphemien gegen die Mutter Gottes, gegen den Heiland bei den Ariern nicht vorkommen44. Ew. Durchlaucht würden zum Bettler werden, we m Sie jede solche Aeusserung in den Büchern arischer Schriftsteller auch nur mit einem geringen Preise bezahlen müssten. Eine Probe dieser Zitate an dieser Stelle ist allerdings mit Rücksicht auf den Herrn Staatsanwalt ausgeschlossen. Es ist eine Fälschung, dass die „Judenpresse" aus Sympathie iür den „Connationalen" Wahrmund dessen Partei ergreift, denn erstens haben zunächst freisinnige Christen Stellung gegen die Verfolgung Wahrmunds genommen und zweitens wäre die „Judenpresse" einer hochgradigen Verdummung anheim gefallen, wenn sie plötzlich in Professor Wahrmund einen Mann erblicken würde, dem sie Sympathien schuldet, weil er ein „Connationaler" ist. Prinz Alais Liechtenstein weiss es ja selbst lam besten, dass die „Judenpresse" seit jeher zwingende Gründe zur entgegengesetzten Annahme hatte. Professor Ludwig Wahrmund, der jetzt von allen Frommen und Scheinheiligen im Lande verketzert wird, ist vor einig;n Jahren als christlichsozialer Kandidat aufgetreten, und wenn er sich auch inzwischen die Sympathien Ew. Durchlaucht gründlich verscherzt hat, so bleibt es doch war, dass er mit seiner Kandidatur nur im! Sinne Und in den Traditionen seines Vaters, des Wiener Universitätsprofessors Adolf Wahrmund handelte, der bekanntlich eines der bösesten, vom radikalsten Rassenantisemitismus durchseuchten Bücher gegen die Juden geschriebbew hat. . . . Ew. Durchlaucht werden, dank Ihrem Antisemitismus, der so immun gegen Logik und Wahrheit macht, als ob diese rein jüdischen Ursprunges wären, sicherlich auch ferner unerschüttert die Ansicht verkünden, dass die Juden vom Hass gegen das Christentum erfüllt sind. Wollten aber Ew. Durchlaucht nicht wenigstens die Güte haben, in Anbetracht des Umstandes, dass Professor Wahrmund den dokumentarischen Beweis seiner Abstammung, väterlicher- und mütterlicherseits aus uralten christlicharischen Familien er brachte, die Konklusion fallen lassen, dass er Dogmen der katholischen Kirche lediglich deshalb angreift, weil er jüdischer Abkunft ist? Glauben Ew. Durchlaucht nicht, den Hass gegen die Juden mit Hilfe anderer, zwar ebenso alberner, aber doch bewährterer Lügen auch dann genügend schüren zu können, wenn Sie ihnen nicht die Schuld auflasten, in Wahrmund, dem „ketzerischen44 Kirchenrechtslehrer, einen „Connationalen" zu i besitzen? ' Meinen Ew. Durchlaucht wirklich, die den Antisemiten so unbequeme Tatsache, dass die ersten Begründer und Verkünder des Christentums unverfälschte Juden \varem, dadurch aus der Welt schaffen zu können, dass Sie echt arische Gegner -und Bekämpfer der Kirche zu Juden stempeln? Es ist vielleicht naiv von mir, dass ich Ew. Durchlaucht zumute, mit Rücksicht auf die Wahrheit ein vergiftetes Argument gegen die Juden fallen zu lassen. Wäre es nicht zweckmässiger, wenn ich im Namen des Sie beseligenden Antisemitismus an Sie den Appell richte, Schonung für den Innsbrucker Professor zu bekunden, dem Sie es nie Vergessen dürften, dass er der Sohn jenes Wahrmund ist, aus dessem Buche die Antisemiten seit Jahrzehnten so viel , Material holen? Der Vater Wahrmunds hat in seinem Buche für Ew. Durchlaucht sogar die Waffen geschmiedet, mit denen Sie Professoren bekämpfen können, die die Freiheit der wissenschaftlichen Lehre für ihre antikirchlichen Tendenzen in Anspruch nehmen. So schreibt der für die Rassenreinheit schwärmende Vater Wahrmund an einer Stelle: „Kann eine grössere Torheit erdacht werden, als wenn z. B. im katholischen Staate die Symbole,. Gebräuche und Uebungen der katholischen Kirche, sowie die Personen ihrer Priester Tag für Tag, von Staatswegen ungestraft, dem Judenspotte überlassen, und die christlichen Littel- und Hochschulen der Razzierung durch Juden preisgegeben werden, die doch nicht nur flen christlichen, sondern wie hier gezeigt worden ist auch den wissenschaftlichen Geist aus diesen Schulen und damit zugleich auch den christlichen Nachwuchs selbst aus dein Staatsämtern und der Heerführung verdrängen muss." Denken Ew. Durchlaucht nicht, dass der Sohn dieses Mannes wenigstens gegen den Vorwurf der „jüdischen Abkunft'4, die ihn angeblich zum Hass gegen das Christentum zwingt, gefeit sein sollte? Begreifen Sie noch immer nicht, dass den alten Antisemiten, die ihr Mütchen an dem alten Testament kühlten, die konsequenteren Antisemiten, die jungen Wahrmunds, folgen mussten, die dösneue Testament unterminieren, das auf der Lehre Moses basiert? Würde Ew. Durchlaucht nicht jeden einen Dummkopf schelten, der vergnügt zusieht, wie man das erste Stockwerk eines Gebäudes demoliert und dabei glaubt, dass der zweite Stock nicht einstürzen werde? I Ew. Durchlaucht haben, wie Ihre oben angeführte Aeusserung in der antisemitischen Versammlung zeigt, eine ungemein hohe Meinung von dem „arischen Schamgefühl". Sollte ich vielleicht das „arische Schamgefühl" Ew. Durchlaucht anrufen, um Sie wenigstens zur Abwiegelung der auf die „jüdische" Abkunft Wahrmunds basierten Juden - hetze zu bewegen? Ich wäre angenehm berührt,,wenn sich Ihr „arisches Schamgefühl" diesmal siegreich über die antisemitische Schamlosigkeit erweisen würde, die, um in Ihrem Jargon Durchlaucht, zu sprechen, in der Verwirrimg immer „Rebbach" und „Schab" macht. Genehmigen Ew. Durchlaucht etc. etc. 6. Engelsmann.