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Neue Nationalzeitung · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NKJ5 NftCiONftL-ZEiCUNG JÜWSCRPOUCiSCRg WOCR&NSCRRIFC Dfs.R.L«Nömu:: X. JäH^GäNC WlEf*, 27. MKHZ 1908. flf. 13. ©ffener %rhf an Se. Durchlaucht den Prinzen Alois Liechtenstein, n.-ö. Landmarschall n. s. w. Ew. Durchlaucht! Der „Fall Wahrmund" hat Sie sehr aufgeregt. Die Broschüre des Innsbrucker Professors, in welcher dieser seiner Meinung über die Gottheit Christi, die unbefleckte Empfängnis etc. etc. Ausdruck gab, hat, wie Sie behaupten, Ihr religiöses Gefühl verletzt und Sie Mollen Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit Wahrmund von seinem Lehramte enthoben werde. Ich würde, auch wenn die Broschüre nicht konfisziert und eine Prüfung ihres Inhaltes jedermann möglich wäre, an dieser Stelle jeder Versuchung" aus dem Wege gehen, selbst auch nur in. dem Hinweis auf das Staatsgrundgesetz: „Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei" einen Milderungsgrund für Professor Wahrmund zu entdecken. Nehmen wir ^ogar einen Augenblick an, die Broschüre Wahrmunds wäre nicht ernst und wissenschaftlich gehalten, — wie ein Professor Masaryk, der sie gelesen, nachdrücklich von ihr aussagt, — sondern, voll „lasziver, obszöner Anekdoten, voll Unflätigkeiten", wie Exzellenz Dr. G e s sm a n n haranguierend in einer Wählerversammlung berichtete. Dann müsste ich noch immer an Ew. Durchlaucht die Frage richten: Weshalb begnügen Sie sich nicht mit dem feurigen Wunsche nach einem Scheiterhaufen für den ketzerischen Professor, warum versuchen Slie auch diese Affaire zu einer Judenhetze auszuschroten? Fordert dies auch Ihr religiöses Gefühl? Ich weiss nicht, ob Ew. Durchlaucht Gelegenheit hatten, die der Konfiskation verfallene Broschüre Wahrmunds zu lesen. Aber ich zweifle keinen Moment daran, dass Ihnen die Namen der zahlreichen unverfälscht arischen und christlichen Gelehrten bekannt sind, die eine scharfe, vior keiner Schranke zurückschreckende Kritik an den Dogmen der katholischen Kirche übten. Wie konnten Sie es nun mit dem religiösen Gefühl, welches doch auch die Wahrheitsliebe bedingt, vereinbar finden, die „ketzerischen" Lehren des Innsbrucker Kirchenrechtlehrers lediglich aus dem Umstände zu erklären, dass Professor Wahrmund, wie Sie „von zuverlässlicher Seite erfahren", jüdischer Abkunft sei! Das haben Ew. Durchlaucht in der christlichsozialen Volksversammlung, die diese Erklärung vor Vergnügen wiehernd, wie eine Heilsbotschaft begrüsste, nicht etwa en passant, mit einer flüchtigen Wendung getan. Ew. Durchlaucht haben vielmehr auf Grund dieser Enthüllung eine ganze, aus der tiefsten antisemitischen Psychologie quellende Rassentheorie entwickelt, die von den furchtbarsten Beschuldigungen gegen die „Stammesgenossen" Wahrmunds ausgehend, jeden, der Ihren Worten Glauben schenkt, mit Abscheu gegen die Juden erfüllen müsste. Ew. Durchlaucht beliebten nämlich unter anderem buchstäblich zu sagen: „Es ist eben unmöglich, dass man aus seiner eigenen Haut herausschlürft, und wenn durch 2000 Jahre ein Volksstamm im direkten Gegensatz zur christlichen Ueberzeugung gelebt hat, gehört eine grosse Ueberwindung des Gegensatzes dazu, um nicht, selbst wenn man Christ geworden ist, plötzlich wieder umzuschnappen ins Gegenteil und nicht den Hass gegen die christliche Ueberzeugung hervorzukehren. Das ist nun bei Wahrmund geschehen, denn die Blasphemien, die er ausgesprochen hat gegen die Mutter Gottes, gegen den Heiland, kommen bei den Ariern nicht vor. Der Arier hat wenigstens das Schamgefühl, jene Empfindungen, die die christliche Welt hegt, nicht zu verletzen; dazu gehört der Hass, der im Juden seit 2000 Jahren steckt. Es ist kein Zweifel, dass in dem Vorgehen dieses Professors eine ausserordentliche Provokation des christlichen Volkes liegt, und der Lärm, den die Judenpresse macht, ist ebenso sehr aus Sympathie für den Konnationalen entstanden ß\s auch aus dem Grunde, um das deutsche Volk

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