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Neue Nationalzeitung · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 12. „Neue National-Zeitung" Seite 11. ^Petiilleton. MAX SCHACH ERL: Ual<oh WasscFinann. (Aus einem Y;>i ■trage, gehalten in der Toynhee-Halle am iü. Marz 1908.! Vielleicht ist es allzukühn, aus clor grossen Schar der modernen Dielner gerade den kompliziertesten zum Gegenstände eines populär-literarischen Vortrages zu machen. W enn ich es aber dennoch tue, so sei die Liebe zum Gegenstande meine Entschuldigung. Ich meine das in weiterem Sinne: Nicht nur meine Verehrung für den Dichter J akob Wassermann, sondern auch die .Liebe zum Gegenstande'seines Schaffens: zum jüdischen Volke. Ich will in Wassermann den modernen jüdischen Dichter, oder richtiger gesagt, den m o d e rn e n und den j ü d i s c h e n Dichter zeichnen. Arno Holz, einer der ersten Vorkämpfer des Naturalismus, sagt von dem modernen Dichter: ,,Kein rückwärts schauender Prophet, geblendet durch unfassliche Idole, modern sei der Poet, modern vom Scheitel bis zur Sohle." Ein schönes Wort, ein, klingender Reim. Aber es sagt nicht viel. Gibt es Kennzeichen der modeinen Dichtung, bestimmte littcrarischc Merkmale? . . . Darüber müssen wir uns vorerst klar werden. Denn die trivialen Schlagworte, wie „Rinnsteinpoesie", ..Armeleutkunst", Naturalismus" sind höchstens vage Definitionen, aber keine Merkmale. Tieferen Einblick gewährt uns eine Analyse einiger bedeutender Modernen, wie Gerhart Hauptmann, Sudermann, Strindberg, Wilde, Gabriel D'Anunzio, Hoffmannsthal 11. v. A. Gm nur die wesentlichsten Merkmale zu betonen: krankhaftes Psychologisieren, eine unzufriedene Weltanschauung und ein trostloser Fatalismus . . . Jüngeren Datums sind die Bestrebungen nach einer ..Heimatskunst". Man ruft unseren Dichtern mit Recht die Worte Schillers in Erinnerung: „An's Vaterland, an's teure schlicss dich an . . . Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft . . ." Sicherlich wird das Werk eines Dichters au Gegenständlichkeit gewinnen, wenn er Motiv und Handlung dem Boden entnimmt, mit dem er innerlich verwachsen, wenn er ein Milieu zeichnet, in dem er lebt. Ilcimatskunst! . . . Ich soll aber von einem jüdischen Dichter sprechen. Und da frage ich: Wo ist des Juden Heimatlind?. . . Wo sind die ..starken Wurzeln seiner Kraft?' . . . Und wirklich, wir sehen, dass der Westen eine spezifisch-jüdische Literatur nicht aufzuweisen hat. Nur der Osten, wo sechs Millionen Juden zerstreut und stellenweise dennoch in kompakten Massen beisammenwohnen, hat uns in Bia'ik, Reisen. Frug, J. L. Perez, jüdische Dichter von seltenster Eigenart gegeben. Das Judentum desWestens aber krankt an innerer Zerrissenheit, an Lethargie und Indifferenz; das zeigt sich in seiner Literatur, die ja im gewissen Sinne der Spiegel eines Volkes ist . . . Kann man denn Arthur Schnitzler. Georg Hirschfeld, Huldschiner 11. a. etwa jüdische Dichter nennen? Gewiss nicht. Wohl finden sich in einigen ihrer Bücher Behandlungen des jüdischen Problems, aber sie vermeiden die Tiefe und gehen lieber - vorbei. So „en passant". Vielleicht bildet Beer- Hoffmann, der Dichter des „Der Graf von Charolais" späterhin eine -Ausnahme . . . In einer seiner Novellen schildert Boccacio, wie ein Fremder eine Stadt besucht und sich bei einejm Einheimischen nach der Berufsstellung der Bewohner erkundigt. „Bei uns sind alle —- Aerzte", erhält er zur Antwort. Das klingt dem Fremden unglaublich, aber der Andere liefert ihm den Beweis. Er engagiert sich einen Mann, dem er den Kopf verbindet, als hätte er eine schwere Kopfwunde, und lässt ihn auf den Stufen Platz nehmen, die zum Rathause der Stadt führen. Viele gehen ein und aus, fast jeder verweilt bei dem Manne mit dem verbundenen Kopf, um ihm ein Heilmittel zu empfehlen. Der Fremde musste die Ueberzeuguig gewinnen: es sind wirklich durchwegs Aerzte . . . Dieser Mann mit dem verbundenen Kopf, der da auf den Stufen eines Gebäudes sitzt, und Hunderte aus- und eingehen sieht, das ist das moderne Judenthum! . . . Jeder weiss ihm ein Heilmittel, alles doktert an dem wundenbedeckten Volkskörper herum. Auch der Dichter, von dem ich Ihnen heute spreche, hat zu dem jüdischen Problem oder zur „Judenfrage" Stellung genommen. Er hat kein Tränklein empfohlen; er geht in die Tiefe, nicht — vorbei. Als wesentlichstes Dokument seiner Stellungnahme zum modernen Judentum möchte ich neben seinem bedeutendsten Buche „Die Juden von Zirndorf" den Essay „Das Los der luden" anführen. . . . Wassermann hält den Rassenhass für eine Chimäre: „Sollte es wahr sein, dass im Kreis menschlichen Beisammenlebens Blut gegen Blut aufsteht? . . . Ich glaube nicht daran! Das Richtige: es ist ein Kleiderhass, Manierenhass" . . . Da er in die Psyche der Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Volkes gedrungen, zeigt er uns die Zukunft: ..Der Erlöser, der einstmals kommen wird, ist mehr als jener, der schon dagewesen" . . . Und das Märchen von der Toleranz? „Ein Mann riss seinem Esel, einem treuen, geduldigen Tier, die Ohren, die Augen und den Schwanz aus. wobei er sich noch viel auf seine Gutherzigkeit einbildete. — denn er hatte ihm seine vier Beine gelassen. Und wenn war Juden gequält und gepeinigt endlich aufschreien, dann antwortet uns ein Hohngelächter! Was will der Esel? Er hat doch seine vier Beine! . . ." Der Esel . . . Das ist die Rolle des Juden im modernen Zeitalter . . Der Dichter findet tiefergehend Worte voll Liebe und Ernst: „In jedem luden lebt ein Stückchen vom Johannes, in jedem ein Stückchen vom Judas . . Er ist der geborene Pfadsucher . . . Und kann er nicht Russe, Deutscher etc. werden, so werde er desto mehr — Mensch . . . Einstmals vielleicht ersteht ein Genius aus jüdischem Blute, ein Mann der tiefsten Leidenserfahrungen und des stolzesten Adelbewusstscins; er wird die beste Rache der Juden sein, denn die ganze Menschheit wird seiner bedürfen und seine Gaben mit Beschämung hinnehmen . . ." Vor diesem Essay erschienen „Die Juden von Zirndorf". Es scheint, dass ihr Inhalt, soweit er tendenziös aufgenommen wurde, den Dichter dann

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