Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425735--0708-2427011- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12. „Neue National-Zeitung" Nr. 12. zu einer strengeren Fixierung seiner Ansichten veranlasste. Als solche ist vielleicht „Das Los der Juden" anzusehen. Im Vorspiele zu ,.Die Juden von Zirndorf" führt uns Wassermann in die Zeit des Sabbatei Zewi. Kr schildert uns die Gähritng und den Hoffnungsjubel, die bei der Kunde von dem neuen Messias unter den Juden aller Länder entstehen. Der begrenzte Schau, platz ist die historische Judenstadt Fürth, das fränkische Gebiet. Er malt in prächtigen Farben die leuchtenden Erscheinungen am Hoffnungshimmel des Volkes, seine ungezügelte, jahrtausendalte Sehnsucht nach dem Lande der Väter, und zeigt uns, wie die Messiasbotschaft alle Schranken der Tradition und hergebrachter Sitte niederreisst, wie sich alles, alles wandelt . . . Wie die im Wahn befangenen, Vertrauensseligen, alle Brücken hinter sich abbrechen und von dem neuen WTeg doch noch so wenig wissen . . . Und dann die wunderbar-traurigen kleinen Komödien: Eva und Benjamin . . . Schliesslich die grosse Tragödie im Walde hinter Fürth. Wie Angst und Furcht so rasch Platz greifen, wie an Stelle der goldenen Hoffnung die graue Reue kommt . . . Und dann, im finsteren Walde die Schreckenskunde, nach Mühen und Sorgen die grosse Enttäuschung: Sabbatei Zewi ist zum Islam übergetreten! . . . Verzweiflung ergreift die Wanderer, für die es keine Rückkehr gibt. Sie weinen und klagen wie Eltern, wenn ihnen der einzige, hoffnungsvolle Sohn dahinstirbt . . . Und die dann übrig bleiben, nach dem harten Kampfe mit den Nürnberger Reitern, die gründen in dem stillen Talflecken eine Ansiedlung, welche sie zur Erinnerung an die gescheiterten Volkshoffnungen Zionsdorf benennen. . Diesen Boden zeigt uns der Dichter, im Jahre 1885, wo das Zionsdorf schon Zirndorf heisst. Auf dieser Stelle zeigt er uns das Leben von Menschen, und man hat die Empfindung, dieselben Personen schon einmal erkannt zu haben. Wirklich ist der eigentliche Roman mit dem Vorspiele innig verbunden, die Juden im Zirndorf verraten ihre Herkunft von jenen im finsteren Walde hinter Fürth . . . Denn die Seele ist etwas bleibendes. Jahrhundertc mit ihrem dunklen, schweren Inhalt zogen über das Volk dahin, verschwanden . . . Aber die Menschen sind geblieben wie sie waren: Des Vaters Seele schlummert in dem Sohn . . Die Personen: Da ist Agathon Geyer, der junge Gottsucher. Mit allen schönen und menschlichen Eigenschaften wurde er vrm Dichter inspiriert; er ist sein „Menschheitsideal". Bei Wassermann gibt es ja keine Nebenpersonen im technischen Sinne. Alle Figuren, die er hinstellt, sind Menschen, und wie diese steht niemand hintenan . . . Wie fesselt Gudstikker, der Arier, bei dem sich alle Merkmale jüdischer Herkunft zeigen. Diese Blüte einer modernen Zeit: oberflächlich bis zum Geistreichen, geistreich bis zur Oberflächlichkeit. Ein Jongleur des Wortes, der Gefühle, ein Alles- und Nichtskönner. Sürich Sperling, das Prototyp des Urgermanen; Agathons Eltern, der Grossvater; Jeanette und die kleine Olifant; Bojesen und Nieberding. Alles Menschen, die uns packen, fesseln. Ihre stillen Kämpfe rückt der Dichter in den Kampf der Welt. Ihre Schicksale; ziehen durch das Buch, anklagend und verflucht . . . Das Denken o*nd Fühlen der Modernen, die innere Haltlosigkeit fühlt man aus ihnen heraus . . . Nur Agathon hebt sich ab, im innerlichen wie im äusseren Leben. Er ist einer jen^r Menschen, die faszinieren müssen, bei denen man die Empfindung hat: Das ist der Held, der sich and andere befreit . . . Agathon, in dem ein grosses Stück vom Johannes, und so wenig \om Judas lebt, zieht durch dieses Leben wie ein Einsamer, Wegmüder . . . Wie er sein Leben beschliesst. das Leben eines jener stillen, himmelstürmenden Idealisten, könnte wieder daran gemahnen, dass er nicht „von dieser Erde" ist. Vielleicht hat er um ein Jahrhundert zu früh, vielleicht zu spät gelebt. Vielleicht ist die Zeit ihm, und nicht er seiner Zeit vorausgeeilt . . . Gleichviel: er wollte seinem Volke ein Erlöser werden, er träumte von David, der den Goliath erschlug . . . Und stirbt an „verbrauchtem Herzen". Ich glaube, das Schicksal, die Todesursache jcde.-> Apostels einer besseren Ueberzeugung ist es, an verbrauchtem Herzen zu sterben . . . Dieser sanfte Tod, die stille Verklärung Agathons des Guten, sie schwebt über den letzten Seiten der „Geschichte der jungen Renate Fuchs". Eine Kette von Zufällen, Möglichkeiten, und Unmöglichkeiten umschlingt die Menschen aus Zirndorf mit denen aus dem Leben der Renate Fuchs. Das ist eines jener Bücher, das sich nicht an Alle wendet, und das man auch nicht jedem geben soll . . . WTill man es lesen, es begreifen, dann muss man wällig mit dem Dichter gehen. Es ist in einer Hinsicht auch das Buch der Frauenemanzipation; nach einer anderen die tiefgehende Analyse der Menschlichkeit. Menschen sind darin, die Jahrtausende gelebt zu haben scheinen, deren Seele der Nachklang verrauschter Zeiten ist . . . Aber über alle thronen Renate Fuchs und Agathon Geyer, die sich zum Schlüsse finden müssen, weil es Gesetze gibt, ungeschriebene, aber lebende und wirkende, dass sich auf der ungeheuren Erde Füreinandcrbestimmte finden müssen . . Und da er sie gefunden stirbt Agathon Geyer . . . An anderen Romanen und Novellen schrieb Wassermann : ,,Alexander in Babylon", „Der Moloch", „Sarah Malcolm", „Die Schwestern", „Die Schaffnerin", „Melusine", „Schläfst du Mutter?" und einige kleinere Novelctten. Jede seiner Arbeiten ist eines wahren Dichters reifste Kunst. . . . Nur in grossen Umrissen konnte ich Ihnen das Bild eines unserer vornehmsten, tiefsten, zeitgenössischen Dichters vorführen. Aber die geistige Persönlichkeit dieses Dichters lässt sich nicht in den Raum einer enteilenden Stunde zwängen. So setzt denn dieser Vortrag, wie jedes ernste Beginnen, einen ernsten Zweck voraus: Nach den Büchern dieses Dichters zu greifen! Seine Werke lesen, und damit das Verständnis für unsere zitternde vibrierende Zeitept>che zu schürfen. Des Dichters einziger Lohn bleibt ja doch nur die Sympathie der Masse, in (diesem Falle, des Volkes. Dieser Dichter, dem Kolumbus vergleichbar, führt Sie in eine neue Welt,/zeigt Ihnen ein unbekanntes Eiland der Freude, des Leides. ... Er wird Sic stärken und aufrichten, wenn des Alltags Mühen Sie niederdrücken, wenn das Getriebe dieser unverständlichen Zeit Sie zurücktreibt vom vollen Strome des Lebens. . .. Dann erinnern Sie sich jener schönen, einfachen Worte, die ich ein Evangelium der modernen Lebensweisheit nennen möchte, und die die Novelle „Sarah Malcolm" bcschliessen : „Nicht im Wirklichen und Greifbaren spielt sich das entscheidende Leben der Menschen ab. Das Tiefste, voran der Sterbliche seine Seele bindet, ist Rauch, ist Traum. ... So werden Glück und Unglück zu blossen Namen."