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Neue Nationalzeitung · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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ttr. l2. Seite 9. gewaltsam im Pensionat YVilianow gehalten -wurde, um dort der Taufe und der Heirat mit einem ehristliehen Friseurgehilfen zugeführt /a werden, ist mm ganz aufgeklärt. Die Widersrhall hat nie die Absieht gehabt, ihre Eltern zu verlassen und ihren angebliehen Liebhaber gegen den Willen ihrer Eltern zu heiraten; alles war Lug und Trug. Dasurme Mädchen ist nach wochenlangen Qualen aus dem Stift g e f 1 ü c h t e t und die öffentliche Meinung, die durch diesen cynischen Menschenraub in Spannung gehalten wurde, hat nun volle Klarheit: Ein Mitarbeiter des ..Heini" besuchte Fnnja W iders« hall und fr igle sie nach allem, was mit ihr vorgefallen ist; wie sie ins Kloster kam, wie sie dort lebte und schliesslich wie sie entflohen ist. Franja Widerschall, sehreibt der Mitarbeiter, ist ein I ^jähriges Mädchen von schöner ('.estalt, blondem Haar und blauen Augen. Sie sehr nervös und aufgeregt. Franja Widerschall erzählt, auf welche Art s':e ins Kloster gebracht wurde. Bei ihrem Vater, welcher Feldscher ist, Staad in Arbeit als Cehüfe e'a junger Christ X . . .. der sich den Kindern mit der Zeit befreundet hatte. Sie h it sich mit ihm auch sehr oft unterhalten; es ist ihr nicht eilige,''- Hcn, dass der junge Christ, mit dem sie ganz offenIcrzig gesprochen hatte, böse Absichten verfolgt halle. Später schloss sie auch Freundschaft mit einer Nachbarin, einer Christin I). M.. welche sie oft zu besuchen pflegte und bei welcher auc h der junge Clhilfe gar oft verkehrte, bald konzentrierte der junge Mann sein ganzes Cespräch mit Franja aut ein einziges Thema und erklärte ihr wiederholt, dass er sie liebe, dass er etwa ohne sie nicht leben kann und sie müsse sich daher taufen lassen, damit er sie heiraten kann. Die Christin I). M. hatte natürlich mitgeholfen und schilderte ihr, wie glücklich sie (Franja! sich fühlen würde, wenn sie d \s Christentum annehme. Franja \\ iderschall Iiess sich aber nic ht überzeugen und zog es vor. unglüc kliche Jüdin, als glückliche Christin zu seia. End als die christlichen Seligmacher schliesslich einsahen, dass sie mit ihren Fredigten nicht weiter kamen, änderten sie bald ihre Taktik und griffe!-! zur C.ewalt. Am 5. Dezember, um 5 I hr nac hmittags, wurde sie in das Kloster zu YVilianow entführt. Daselbst, erzählt Franja weiter, war sie allein in einem Zimmer eingesperrt; einige fromme Schwestern wairden zu ihrer Seite hingesetzt, um sie in der christlichen Religion zu unterrichten. Sie predigten ihr nämlich, dass ihre Seele bis jetzt in einem Sumpfe versunken war und nun gründlich gereinigt werden müsse, was nach ihrer Meinung nur durch die Annahme des Christentunis geschehen könne. Franja empfand grosses Heimweh, aber man erklärte ihr, dass sie sich nac h Hause nicht wagen darf, denn die Juden werden ihr die Xase abschneiden und die Augen ausstechen ein solches Gesetz existiert bei den Juden, wurde ihr gesagt. Mit ihrem Vater, der fast täglich ins Kloster kam, zu sprechen erhielt sie keine Erlaubnis und es wurde ihr eingeprägt, dass er absichtlich herkomme, um sie zu ermorden. Der Vater brachte ihr oft Zuckerwaren, aber es wurde ihr verboten, diese zu essen, denn der Vater könnte sie vergiftet haben, um auf diese .Weise seine Tochter umzubringen.. Kur^, es wurzle alles xlazu beigetragen, um die Eltern ihrer Tochter zUj.entfremden. Em 5 Uhr früh musste Franja schon"zum Gottesdienst gehen, und zwar musste sie 2 Stunden täglich auf den Knien beten. Vor zwei Wochen, am Samstag wurde Franja von AViÜan.ow in das Kloster des „St. Kasimir" auf Starcmasto überführt. Daselbst blieb sie bis vorigen Montag. Am Montag, um 6 Ehr nachmittags, gelang es ü r, unbemerkt das Kloster zu verlassen und zu ihren lieben Eltern zu eilen. Die Freude der armen jüdischen Eitern beim Anblicke ihrer lieben, fast verlorenen Tochter war unbeschreiblich. G5MSiNU2=UWt> VBREkNSWtöRiWtW Wien. ^Akademischer Verein .Jüdische Kulte, r.'i Die Cliargcnuahlen für d;»s Sommer-Semester ergaben folgendes Resultat; i;iml. techn. A. Singer i Präses): <and. phil. M. Sellin-! Yi/epnises"t; cand. ing" J. Gottlieb (Schriftführer); cand. ing. ß. S r h a j o w i c z . Bibliothekar); eand. ing. |. Diamant Kassier'. Wien. Der HilUwrein für die notleidende jüdisch:' Bevölkerung in Gali/ien veranstaltet Sonntag, den 29. d. AI., genau um fo I "Iiivormittags, in den Räumlichkeiten des Isr. Hu manitätsv ereines ..Wien'" ICnai B'rith, IX.. Iniversitätsstrasso Nr. 4, seine 'ordentliche Generalversammlung. Wien. Vor einem zahlreichen Publikum sprach Schriftsteller Max Schacherl Dienstag den 10. d. AI. in der Jüdischen Toynl.eehalle über Jakob Wassermann. Der Vortragende verstand es, den schwierigen, grossen Stoff fesselnd und interessant zu behandeln. Er entwarf ein anschauliches Bild von dein Schaffen des Dichters, zog. von seinen Werken ausgehend, das jüdische Problem in den Kreis seiner Erörterungen und wusste das dichtgedrängte Auditorium für Jakob W a s s e r m a n n zu interessieren. — Wir bringen im Feuilletonttilc dieser Nummer einen kurzen Auszug des demnächst in Buch! >rm erscheinenden Vortrages. ifeJS ftUCN WCLtttiLCN „Ohne Unterschied der Konfession'. Der Gross* industrielle Weinmann in Aussig hat ein Siechenhaus errichtet „ohne Unterschied der Konfession". Die Stadt hat jetzt Nonnen für dieses Institut aufgenommen und verweigert jüdischen Kranken die Aufnahme. Ein WeHkongiess der Jiddisch-Autoren soll über Initiative von Schriftstellern aus Amerika im August d. J. in Czernowitz stattfinden. Als Punkte der Tagesordnung sind in Aussicht genommen: 1. Die jiddische Ortugrafie. 2. Die jiddische Grammatik. 3. Fremde und neue Wörter. L Ein jiddisches Wörterbuch. 5. Die jiddische Jugend und die jiddische Sprache u. s. w. Aus dem „liberalen*4 Ungarn. Ausserordentlich charakteristisch für die jetzigen Zustände in Ungarn ist die folgende kleine Reminiszenz, die der Abgeordnete Ladislaus Mesko vorige Woche in den Couloirs des ungarischen Abgeordnetenhauses erzählte. Er befand sich unter seinen Wählern, und einer seiner besten Parteigänger beklagte sich, es sei auch unter der Koalition nicht besser geworden. „Was willst Du", erwiderte ein anderer Wähler, „in der vorigen Woche ist doch ein Jude gehängt worden?" „Ich habe von meinem Grossvater gehört", erwiderte der andere, „dass einmal in Szekesfehervär fünf Juden gehängt worden sind." „Ja", entgegnete resigniert der erste Sprecher: „Die guten alten Zeiten kommen nicht wieder!"

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