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Neue Nationalzeitung · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. der Schrift' „Juden als Ackerbauer" (Lemberg, 1885") gemachten Vorschlagen. Wir behalten uns v_>r, auf diese Frage, wie auf den Bericht überhaupt nach dem Erscheinen seines zweiten Teiles ausführlich zurückzukommen. ^erhungert - JRIIUDA STEINBERG. — J. RFRSCHADSKI. W r s c h a u, Mitte März. In den letzten Tagen hat das jüdische Volk 'in Russland zwei seiner hervorragendsten SchriftsU'ller vcrloren. Ks waren jüdische, hebräische Senhriftsicller, die im besten Mannesalter in Not und Elend, in. den Räumen der Spitälei ihre Seelen aushauchten. Sitsind eben verhungert. . . . Ihr Talent, ihre schriftstellerische Begabimg hat ihnen einen Namen verschafft", ihre Arbeiten wurden gedruckt und \ m Htinderttausenden gelesen,;a verschlungen, aber an sie, die lebenden Autoren, die schaffenden Geistendachte man nicht. Und so sind sie zusammengebrochen. Das ist das traurige Los des jüdischen Schriftstellers. Jehuda S t e i n b e r g ist im Alter v.ni 44 Jahren in Odessa; J. Bcrschadski (mit seinem bürgerlichen Namen: Domoschew ski), kaum ^7 Jahre ah, hier gestorben. Bei ihren Leichenbegängnissen wurden hebräische Reden gehalten; dort sprach Uss i s c h k i n, .hier der zufähhg in Warschau weilende1 Kuben B r a i n i n. i Sehr elegisch klingt der Nachruf, den Brainin hei len Verstorbenen im hiesigen Tagblatte .,Unser Leben" widmet. ..Gestern Steinberg: heute Bersehadski!" Und wieviele unserer lebenden Kollegen kämpfen mit dem Tode, mit dem "Mangel, mit vielerlei Entbehrungen, die noch bitterer sind als der Tod. Sehr langsam pflanzt das Leben bei uns die Talente, doch die Ernte l?s Todes geht sehr rasch vor sich. Vor mehreren Jah.vn erhielt ich von einem älteren Kollegen einen Brief, und darin schrieb er : ,,Ich weiss, dass Du mir nach dem Tode einen schönen Nekrolog schreioen wirst über meine Bedeutung für die hebräische Literatur. Ich möchte diesen Nekrolog noch bei Lebzeiten lesen, um wenigstens daran meine Freude zu haben. Was habe ich denn davon, wenn von. mir nach meinem Tode geschrieben wird." Allein, bis ich über diesen alten Herrn etwas niedergeschrieben hatte, war er bereits tot. Nun wollte ich mich bessern. Ich habe über S t e i n b e r g 'und Borsch a d s k i Essays vorbereitet, damit sie dieselben noch hei Lebzeiten lesen. Ja, der Mensch denkt.....\ber Matt der Essays und Kritiken muss ich nun einen Nekrolog schreiben! ja, schwer und bitter ist das Leben eines hebräischen' Schriftstellers. Voll Sorge und Kampf, ohne jeden Lohn und jede Anerkennung: (-las ist sein Lebenslauf. In jungen Jahren sterben, irgendwo im Spital, das ist seine Bestimmung. Und wir alle hebräischen Schriftsteller kennen ja das Geheimnis, kennen ja alle Geheimnisse; vom! Leben und Sterben unserer Kollegen! Und doch! Wer einmal die hebräische- Feder zur Hand genommen hat, kann nicht, will nicht, sie zur Ruhe legen. Mit ihr in der Hand werden wir alle sterben, wie 'unser Freund Bersehadski. W ir kommen zu Dir, nicht Du zu uns. Dein Leben war kurz: und dreh hast Du nicht umsonst gelebt. Du hast unsere schöne Lileiarur bereichert. Jetzt schlafe wohl! In den letzten Tagen sind aus Amerika Briefe eingelangt, man möge sich Berschadskis annehmen, und für ihn eine Sammlung veranstalten. In Amerika war seine Notlage bekannt. Hier in seiner nächsten Umgebung, wo er lebte <-wd wirkte, hat sich .niemand für sein Schicksal interessiert. B, Hin ©istrtltfstag. Wi e n, Mitte März. In den Anfängiii der zionistischen Bewegung war es Gepflogenheit. j< de wichtigere Zusammenkunft zionistischer Vertrauensmänner durch eine pholographisehe Gruppenaufnahme der Versammlung für die Nachwelt fe-;/uh dten. Mit der Lockerung des ZusamnHMigrhonglc'tsgefühlcs der Zionisten zu einander, hat auch das Verlangen, mit einander auf einem Bilde verewigt zu sein, besonders in Oesterreich stark nachgelassen. Hier und gerade in \\ ien i>t eben nicht mehr derjenige zionistischer Gesinnungsgenosse, der auf dem Standpunkte des Baseler Programmen steht, sondern nur derjenige, der X. oder V. als seinen alleinigen Führer ansieht. Es ist wahrhaftig jammerschade, dass man von dieser Gepflogenheit abgekommen ist. Die photographische Aufnahme dieser grossen Versammlung kleiner Mensc hen, welche --ich zu einein naseweisen Rat zusammengetan, um über Dinge und Menschen zu urteilen, hätte ein köstliches politisches Dokument abgeben können. Die vielen ernsten, national fühlenden Elemente, an denen es in Westösterreich ja nicht gebricht, hätten vielleicht bei dem Anblicke denn doch Gewissensbisse darüber empfunden, dass sie das Schicksal der jüdischnationalen Bewegung in den Händen von Leuten lassen, von denen) Mancher nicht doppelt so alt ist, als der politische Zionismus. Andcrersei's wäre es wichtig, dass man besonders in Galizien sich darüber klar werde, welche Bedeutung den Beschlüssen beigemessen werden darf, die' vielleicht die- ..Zukunft unseres Volkes" bedeuten, die aber noch lange' nicht dorthin gehören, wo man in jüdischen Fragen Beschlüsse fassen soll. Unsere galizischen Gesinnungsgenossen müssen übrigens be-i allen' Triuer. die einen guten Juden angesichts der desolateai Zustände in Westösterreich überkommen mag, doch eine gewisse Genugtuung empfinden. Sie verrieten den richtigen politischen Instinkt, als sie, bis zum äussersten kämpfend, alles daran setzten, um sich von den „Wien er f i 11 g- 1 a c h", wie das ..Lemberger Tagblatt" dazumal sich wiederholt ausgedrückt h itte. zu emanzipieren. Sie hattet"! den richtigen politischen Instinkt, als siesich dagegen auflehnten, d 1- ■ ihnen von Wiener Studenten e-ine Politik diktiert werde. \ on Studenten, für ehe' der ..östliche Bruder" höchstens gut genug ist. um als Thema für einemit vielem jugendlichen Eifer, aber wenig Sachkenntnis hinausgeschmetterte Reelezu dienen. * Und die Folge hat den g dizischen Jüdischnationalen Recht gegeben: in G dizien bilden die Jüdischn itioiialem einen FaUor, der sich immer mehr Gehung zu verschaffen weiss, während die ..Wiener Jinglach" es nicht einmal dahin bringen, eine beachtenswerte Persönlichkeit zu finden, die

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