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Neue Nationalzeitung · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite i. „Neue National-Zeitung" Nr. 12. — die Annahme nicht unberechtigt sein, dass für idic Haarnetzindustrie in Gali/ien derzeit eine gute Konjunktur besteht. In der Wäschekonfektion undWeisstickerei sind vorläufig nur sehr schwache Erfolge aufzuweisen1* Der Hilfsvercin lial den Beschluss gefasst, in J aworow eine Schule zu errichten und eine Kachlehrerin anzustellen, wofür ein Betrag von 2500 bis 3000 Kronen veranschlagt wurde. Der Cntcrricln begann am 1. Juni 1007 und ging auch ganz gat vorwärts. Die ausgefertigten. \Varen sind teilweise sehr schön. Die Lehrerin mus>te jedoch wegen l'nregelmässigkeiten, die, sie sich zu schulden kommen liess, Ende August entlassen weiden. Die Zahl der Schülerinnen betrug 48. In den nächsten Tagen wird eine uns vom k. k, Zentral-Spitzenkurs zur Verfügung gestellte Lehrerin für Weisstickerei nach jaworow gehen, um den. Interricht dort fortzusetzen. Der k. k. Xentral- Spitzcnkurs hat ,sich auch bereit erklärt, dorthin -Muster und .Material zti schicken un:l die daraus «1 ^gefertigten Waren abzun .-hnic!). Als weitere Industrien, für die sich der Ililfsverein interessierte, seien noch erwähnt die Fezquastenerzeugung, in der :',o Mädchen und einige Knaben tätig sein sollen (wo?) und die Bürstenbinderei in [aworow. Für letztere wird eine I'roduktiv-tlenossenschaft gegründet, die demnächst handeisgerichtlich protokolliert wird und an der 10 Meister mit 50 Gehilfen beteiligt sein werden. Bezüglich der Schaffung neuer Industrien in Gaiizien., resp. Kodierung derselben, erklärt der Bericht (Seite 9): ..Ausserdem trat an uns. wie alljährlich, eine Anzahl Personen heran, die sich -rinden, als l 'ntern'Inner in Gaiizien Industrien zu verbreiten: es waren dies zumeist G a- J i 7. i a n e r. Audi unser Inspektor bemühte sich, einzelne Geschäftsleute zu veranlassen, entweder allein oder in Verbindung mit Anderen Industrien zu begründen. Ms zeigte sich je! ich bald, dass die nichtgah/.iscln-n l'nternchmer mit Kapital es in der Regel als zu grosses Wagnis betrachten, in Gaiizien .arbeiten zu lassen, während die gali/is< heu Kaurk'iitc mit Kapital, falls sie schon mit dein Gedanken umgehen, mdustiiell tätig zu sein, das Risiko der l'nieruehnumg möglichst auf uns überwälzen wollen Dieses Risiko müssten wir bei l'nternehmern ohne Kapital selbstverständlich voll tragen und wir hegen daher die grossen J> denken, nrt .-■ »Vh01 Pcisnc-n in Verbindung zu treten.-' II. Lehrlingswesen. Auf Grund einer Vereinbarung mit dem Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung und dein Wiener Handwerkcrvcreinc winden Absolventen der galizischen Baron Hirsch-Schi den bei Handwerksmeistern in Wien in der Leine untergebracht, und 'zwar 8 auf Kosten des Hilfsvercines, 9 auf Kosten, \der B^tron Hirsch-Stiftung und 14 auf Kosten des Hnndwerkevvereines. Ausserdem befinden sich derartige Absolventen auf Kosten des Hilfsvereines in Brünn 4^ind in Lörrach (GrosslvM-z.ogtum Baden) 2: letztere bei einem Lithographen, bei dem im September des Berichtjahres ein galizischcr Knabe bereits als Gehilfe freigesprochen wurde, an dessen Stelle ein anderer galizischer Knabe tru. Ein Junge endlich, der in Kjo.'.fcow' die Weberei praktisch erlernt hatte, kam im September 1906 in die k. k. Weberschule in Xeutitschein (Mähren), um cort theoretisch unterrichtet und praktisch weitergebildet zti werden. Die Gesamtzahl aller dieser Lehrlinge war also am Schlüsse des Berichtsjahres 58. Der Plan, Absolvcnieii der Baron Hirsch- Schulen in einem in Czemowitz (Bukowina; neu zu errichtenden Lehrlingsheim unterzubringen, der vor einiger Xeit von einem donigen jüdischen l'niversitätsprofessor entworfen wurde, hat bisher greifbare Korinen .nicht angenommen. Iii. Landwirtschaft. Der Ililfsverein hat sich die Krage auferlegU lob die galizischen Jude 1 auch zur Landwirtschaft taugen und ob es opponun wäre, galizische Juden im grösseren MasstaOe dem landwirtschaftlichen Berufe zuzuführen. Beiden wird im Berichte auf Grund des Gutachtens dreier jüdischer Gutsbesitzer, deren Namen nicht genannt werden, negiert. Hierüber lesen wir folgendes: ,,Die «.Jutachten, die wir über die trage der Zuführung der galizischen Juden zur Landwirtschaft in ' ializien belassen, wurden drei hervorragenden jüdischen Gutsbesitzern in Galizien zur 1'eberprüf ung übergeben. Diese Männer, die notorisch mit der Landwirtschaft vorzüglich vertraut und als Gahziancr die Verhältnisse der Juden ihres Heimatlandes gründlich kennen, traten, nachdem sie jene Gutachten eingehend studiert und nachdem zwei von ihnen hierüber schriftlich ihre •Meinung abgegeben hatten, in Gegenwart unseres Sekretärs am 2<S. September des .Berichtsjahres in Lemberg zu einer Beratung zusammen. Ihre Meinung geht dahin, dass eine Zuführung galizischer Juden zur Landwirtschaft in Gaiizien in grossem Masstabe mit Rücksicht auf die physische und geistige Beschaffenheit der Juden und auf die ungeheuren Kosten ausgeschlossen ist; eine solche Zuführung würde überdies in Galizien einen Antisemitismus hervorrufen, wie er so stark bisher niemals in die Erscheinung trat. Die grosse Auswanderung, 'die aus Galizien stattfindet, bewirkt, dass von den ausgewanderten Personen, die ehedem landwirtschaftlich tätig waren, Geld behufs Ankaufes von Grund und Boden nach Gaiizien geschickt wird und dass diese Personen nach einiger Zeit zum grossen Teile, mit Geld versehen, nach Gaiizien zurückkehren, um dafür Grund und Loden zu kaufen und wieder die Landwirtschaft zu betreiben. Sobald ein Stück Feld zu haben ist, findet es daher zahlreiche Käufer; es werden auch ganze Güter zerstückelt, um an einzelne Personen verkauft zu werden. "Würde der Jude in diesen Wettbewerb eingreifen, um den Boden für eigene landwirtschaftliche Zwecke zu kaufen, so müsste er gegen sich den grössten Uass •rrcgeii. Eine Zuführung der Juden zur Landwirtschaft in der Art, dass landwirtschaftliche Hilfsarbeiter ausgebildet werden, jst nach der Ansicht der Experten sowohl in grösseren, als auch in kleinerem Masstabe nicht zu empfehlen. Abgesehen von der physischen und geistigen Beschaffenheit der galizischen Juden, würden sich kaum Leute finden, die einen derartigen Beruf ergreifen, der sogar der bäuerlichen Bevölkerung zu geringen Erwerb bietet; dieser geringe Erwerb ist ja die t'rsache. dass der landwirtschaftliche christliche Arbeiter entweder auswandert oder über die wärmere Jahreszeit nach Deutschland geht, um dort bei bessereu Löhnen Arbeit zu linden. Es bleibt daher höchstens die M ö g 1 i c h k e i t vi i e n, e i n e verhältnismässig kleine Anzahl g a 1 i z 1 s c Ii e r Juden der Landwirtschaft zuzuführen, und zwar als Wirtschaftsbcamle (Brenner. Aufseher, Wirarbeiter etc.) oder als selbständige Landwirte, insbesondere als Obst- und Gemüsegärtner. Nachdem das erwähnte Protokoll von. unserem geschäftsführenden Ausschusse beraten worden war, wandten wir uns an die Leitung der Erziehungsanstalt in Ahlem, in der bcfcannthch jüdische Knaben für Obst-, Gemüsebau etc. ausgebildet weiden, um ein Gutachten, ob mit Aussicht auf Erfolg ein. Versuch unternommen werden könnte, galizische Knaben bei einem in Gaiizien in der Nähe einer grösseren Stadt ansässig zu machenden jüdischen Obst- und Gemüsegärtner als Lehrlinge unterzubringen, und bejahendenfalls uns einen s >lchen Gärtner zu empfehlen. Wir erhielten die Nachricht, dass gerade jetzt zwei junge Leute, die in Ahlem ausgebildet wurden und seither längere Zeit in . Deutschland praktiziert haben, im Begriffe sind, sich mit Hilfe eines grösseren, zu günstigen Bedingungen ihnen gegebenen Darlehens in Czernowitz eine Kiunst- und Gemüsegärtnerei zu errichten. Wir stellen derzeit mit diesen jungen Leuten wegen Aufnahme einiger galizischen Lehrlinge in t'nterhandlung."' Dieses Gutachten ist sehr anfechtbar. Ks steht insbesondere im Widerspruche mit den von. Direktor Moriz Lazarus, einem sehr genauen Kenner aller einschlägigen Verhältnisse in

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