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Neue Nationalzeitung · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. „Neue National-Zeitung" Nr 12. Beweis, dass Hilsner von seinen eigenen Volksgenossen nicht aufgegeben wird, dass seine Verurteilung die Bande der Blutsverwandtschaft nur noch gestärkt haben. Diese Versammlung und die ganze Gnadenaktkm werden euch einen festen Rückhalt bieten für die eingeleitete parlamentarisch - Aktion. So können sich beide Aktionen gegenseitig ergänzen. Leopold Hilsner ist zwar durch die lebenslängliche Begnadigung zum bürgerlichen Tode verurteilt, aber die Tore des Kerkers werden doch nicht ewig hinter ihm verschlossen bleiben. Die Hoffnung, die dieses unglückliche Opfer menschlicher Justiz und die seine arme Mutter auf die Hilfe ihrer Volksgenossen setzen, darf sie nicht trügen. Ans der Rede d?s Dr. Elbogren. ..Wie haben doch die Pessimisten Unrecht behalten, die ini 'ii vor meinem Unternehmen warnten, die Schwarzseher und Zei' hendeutcr. die immer das Ende der Welt verkünden, so oft einer in ein Wespennest sticht. Nun wohl, wer sich fürchtet, der bleibe zu Mause, wer sich nicht zu dem Versuche aufschwingen kann, allen Gewalten mm Trotz sich zu erhalten, aus zaghafter Defensive zum geharnischten Angriff überzugehen, wer seine l 'eberzeugung nicht zum Mitleid, sein Mitleid nicht zur Begeisterung zu steigern vermag, der bleibe wo er ist, ich kann ihn nicht brauchen. Jawohl, Begeisterung und Tatbereitschaft. Darauf kommt es doch in allen Dingen an. Geduld und Langmut mag auch weiterhin die Tugend von Lämmern sein, die sich fromm zur Schlachtbank führen lassen. Ein Justizfrevel ward verübt, wie die Welt keinen schändlicheren gesehen — und man predigt Geduld; R^oht und Gesetz wurden beim hellen Licht der Sonne von elenden Gesellen in den Kot gestampft -— und man predigt Geduld; > in Menschenleben wird nach allen Regeln des antisemitischen Ritualm ndcs abgeschlachtet — und man predigt Geduld: n e u n 1 a h r e sin d e s g c r a d e h e r. dass ein armer Teufel in seiner dumpfen Kerkerzelle nach Erlösung und Befreiung schmachtet — und man predigt noch immer Geduld. Wie lange .denn noch? Bis sie den Stein der Weisen finden? Bis die Kraft der Argumente die Interessenten des Geschäftsantisemitismus erweicht haben wird' Wie können wir so etwas auch von den Antisemiten verlangen? Geschäft ist doch Geschäft. Nein, der arme Hilsner kann nicht länger warten, soll nicht länger warten, und wer kein lederner Pedant ist, wird ihn nicht länger warten lassen wollen. Sind denn neun fahre Zuchthaus nicht peinig für den Frevel, den andere an ihm begangen haben? Wenn der arme Hilsner Verstand genug hätt.-\ so könnte er darüber nachdenken, ob nicht eine gerade Linie von seinem Prozesse zu m a n c h e m antisemitischen M i n i s t e r p o r t e f e u i 1 I e f ü h r t. Genug der Worte, sagte i'h mir, genug der akademischen Erörterungen, genug der hilflosen Lamentationen, gering der erfolglosen Versuche, die massgebenden Faktoren für einen unschuldig Verurteilten in Bewegung zu setzen. Eine herzhafte Tat nmss geschehen, die Geister müssen lebendig werden, die ganze gesittete Welt muss sich in dem einzigen elementaren Aufschrei vereinigen: Rettung für Hilsner. Rettung für das Opfer pöbelhaften Wahnsinns. Rettung von ferneren qualvollen Leiden! Soll der Aermste seine Tage im Zuchthaus beschliessen. weil wir bisher unvermögend waren, die kompetenten Justizorgane zur offiziellen Anerkennung eines furchtbaren Justizfehlers zu bewegen? Weil politischer Terrorismus die bessere Einsieht niederhält, weil Minister sich vor Parteigötzen fürchten? Ich bin kein Minister und brauche mich daher nicht zu fürchten, ich bin kein doktrinärer Prinzipienreiter, kein diplomatischer Leisetreter, kein übergescheiter Besserwisser, der demütig die Hände kreuzt und fatalistisch das Wunder erwartet, dass Augen, die nicht sehen wollen, sehen und Ohren, die nicht hören wollen, hören werden. Darum habe ich im Namen einer zehnfach u n g 1 ü c k 1 i c h e u Mutter meine Mitbürger aufgefordert, gemeinsam mit mir einen ehrfurchtsvollen Appell an unseren Kaiser zu richten. Der Weg zu den Stufen des Thrones steht jedem offen, der von der Verwaltung des öffentlichen Rechtes Kränkung erfuhr. Darum wollen auch wir die Zuflucht gebeugten Rechtes bei unserem Kaiser suchen. Nur wer das Missverständnis sucht, kann diesen Schritt missdeuten. An jener Allerhöchsten Stelle, wohin kein Misston der Parteienfehde dringen darf, an jenem geheiligten Orte, wohin sich derjenige flüchtet, der den obersten Hort des Rechtes anrufen will, dort wollen auch wir erscheinen, als Kläger, jawohl als Ankläger Jener, die die ungeheuerliche Rechtsschändung gewollt, herbegieführt, geduldet gefördert, verschuldet haben. Freilich werden wir. was wir Seiner Majestät vortragen wollen, in die Form eines Gnadengesuches kleiden müssen. Denn das ist die einzige gesetzlich zulässige Form', in der eine Angelegenheit dem Monarchen unterbreitet werden darf. .Allein wer. der das von mir verfass'.e Gesuch gel 'sen hat, darf den Vorwurf erheben, dass dieses Gesuch der Sache Abbruch tut? Winseln wir e'wa. betteln wi>- um Gnade? Nein, in Ehrfurcht aufrecht treten wir vor den Kaiser, in Ehrfurcht nachdrücklich erbitten wir Recht, in Ehrfurcht laut und schonungslos führen wir Klage. Ich hatte mir für dieses Gesuch die Aufgabe gestellt, die Technik des H ilsnerprozesses darzulegen, mit strengster Wahrheitstreue zu zeigen, was alles in diesem Prozesse gemacht, gefälscht, verbrochen wurde und .mit unwiderlegbarer Schlüssigkeit zu beweisen, dass Ililsivr nicht deshalb verurteilt wurde, weil auch nur der Schatt >n einer Schuld nachgewiesen ward, sondern weil die entfesselte antisemitische Bestie zur rechtsgiltigen Beglaubigung ihres schamlosesten Agitationsmittels die Verurteilung des Juden Hilsner wegen Ritualmordes forderte. Eben darum habe ich mich mit der Sehuldfragc nur nebenher beschäftigt. Hilsner ist wegen Teilnahme an zwei Ritualmorden verurt alt worden. Hätte ich erst beweisen sollen, dass die Ritualmordbeschuldigung eine w a h n s i n n i g e F a b e 1 i s t. die bezeichnender Weise der fanatische Judonhass immer nur dann hervorholt, wenn er sie für seine Propaganda braucht?" Nachdem Redner mit diesen Worten zu begründen'suchte, warum er ein Gnadengesuch der Wiederaufnahm:* vorziehe, ging er auf die detailliert - Darstellung der Genesis des Hilsn-r- Prozesses über. Im Verlaufe seiner Ausführunsren erzählt R dner. wie sich hochgestellte, kirchliche Funktionäre für die Verurteilung Hilsners engagiert haben. Ein sehr interessantes Detail hörten wir vom Bischof von Königgrätz: ,.Tst es wahr." fragt Dr. E 1 b o g e n, ,.d a s s der Bis r h o f vo n K ö n i g - grätz zur gleichen Zeit in seinem bischöflichen Organe .Obnova' eine Brandrede gegen die luden abdruckte, die vr selbst kurz zuvor gehalten hatte5 Es war dies ein von dem trefflichen Seelenhirt gehaltener 'Vortrag und dessen vielversprechender Titel lautete: ..Das Blut". Tu dies-m Vortrage sagt der edle Bischof von den Juden: .Jerusalem wurde zerstört. . . . End seit dieser Zeit ruht der Fluch auf diesem Volke, welches jetzt schon mehr als iSoo lahre ohne Vaterland und König, ohne Altar und Priester, gehasst und verabscheut, auf dem ganzen JCrdball zerstreut ist." Natürlich bleibt der Bischof die Geschichte des Simon von. Trient nicht schuldig und behandelt diese den finsteren Zeiten angehörige Legende so wie irgend ein historis' h beglaubigtes Ereignis. Er erzählt in seinem Vortrag, dass das Knäbtein ..auf das Kreuz gespannt und sein Blut aus Dass gegen Christus vergossen, aufgefangen und für die alttestamentarischen Osterbr >te weggetragen wurde". f Zum Schlüsse gelangte Redner zum Kardinalpunkt der ganzen Af faire, den leider gewisse und gerade höchste jüdische Kreise nicht verstehen wollen, nämlich, dass di ■ Klerikalen in Oesterreich stolz darauf sind, endlich den Ritualmord bewiesen zu haben und durch keim* Macht der Welt sich diesen Erfolg entreissen lassen. ..Die Geschichte der Blutbeschuldigung kennt bekanntlich manche Fälle, in denen der alte Aberglaube eine gerichtliche Untersuchung zur Folge hatte, immer aber — mit einer einzigen Ausnahme hat das Gerichtsverfahren die Grundlosigkeit des erhobenen Verdachtes ergeben. Nur uns O e s t e r r e i c h e r n w a r d i e S c h a n d e dieser A u s - n a h m e vor b e halt e n. Im Prozesse Hilsner geschah es z u m ersten u n d e i n z i g e n M a 1 e. dass die Verurteilungdes Angeklagten wegen Ritualmordes in der Form Rechtens erfolgte. In der Form Rechtens, jawohl! In der Form Rechtens wurde dem Rechte der Geist ausgetrieben, in der Dorm Rechtens wurde das Roohtsverfahren zu einer wirkungslosen Zeremonie degradiert, in der Form Rechtens ein Urteil gefällt, das den Irrsinn sanktioniert und in! der Form Rechtens wird ein armer Teufel in Kerkerhaft gehalten, trotzdem seine Unschuld vor dem Forum dl er Wissenschaft schon längst erwiesen ist. Man muss doch endlich einmal den Mut haben, das Ding beim richtigen Namen zu nennen, und darum will i'h Ihnen auch ganz offen sagen, warum die Regierung keine der an .sie in der 11ilsnersache gestellten Interpellationen bisher beantwortet hat. Man fürchtet sich, begangenes Unrecht einzugestehen, man fürchtet sich zu bekennen, dass die Hilsnersache bis zur Stunde im Banne der Politik steht, man fürchtet sich, der antisemitischen Ethik entgegenzutreten, einer Ethik, die an die Stelle des "kategorischen Imperativs den kategorischen Optativ gesetzt hat. Die Politik verdirbt die Charaktere, sagt man. Die Hilsnersache zeigt aber, dass die Politik nur deshalb die Charaktere verdirbt, weil die Charaktere es sind, die die Politik verderben."

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