Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NgülS WCIDNQL-ZEICÜNG DrS.R.LANDlSU:! X. JflHRöÄNC. WIEN, 20. JWÄ^Z 1908. H*- 12. ©ic (jnadenal<Ho) füi* i^ilsncr. Wien, den 18 März. Die Massenversammlung, die heute in den Sofiensälen stattgefunden h it. legt ein beredtes Zeugnis dafür ah, dass sic h die Aktion des Dr. Friedrich Kl bogen und des hinter ihm stehenden Vereines ..Zur Abwehr des Antisemitismus" in den breiteren Schichten der jüdischen Bevölkerung unleugbarer Sympathie erfreut. Die Massen pflegen nicht zu grübeln und zu spintisieren, die feine Fnterscheidung zwischen Gnade und Recht ist für sie nicht ganz fassbar und sie pflegen prinzipielle Fragen gegenüber dem Drucke des Augenblicks zurückzustellen. Leopold H i Isner, der arme Schustcrgcselle von Polna. den ein tragisches Schicksal plötzlich zu einem Märtyrer auserkoren hat, findet bei seinen Volksgenossen das tiefste Mitgefühl und ein leidenschaftliches Bestreben, ihm rascheste Hilfe zu leisten. Mag es auch vom prinzipiellen jüdisc hen St md. punkte unerlässlich sein, dass nicht ein angeblich überwiesener Ritualmörder unter Aufrecht!] iltung seiner Schuld begnadigt werde, sondern dass dieser bisher einzige Fall eines durc h die gemeinste antisemitische Hetze und Aufreizung herbeigeführten Sc huldspruches auf seine Nichtigkeit und Haltlosigkeit geprüft werde, so darf dennoch neben dieser prinzipiellen Frage d i e m e n s c h 1 i c h e Seit e nicht ausseracht gelassen werden. Es ist allerdings in Oesterreich sehr schwer, in der einen wie in der anderen Beziehung zu einem Erfolge zu gelangen. Die zunehmende Macht des Klerikalismus, dem sich bereits die Regierung unterordnet, einerseits, andererseits die passive Haltung der massgebenden Persönlichkeiten, und zwar der jüdischen Herrenhausmitglieder, der jüdischen Aristokratie und Plutokratie. die laue, kaum aus dem Rahmen objektiver Berichterstattung heraustretend-* Haltung der in jüdischen Händen befindlichen Tagblätter, die sonst gegen den Klerikalismus als solchen die schärfsten Töne zu finden wissen, sind nicht inen wesentlichen sc* höchsten jüdider heutigen Verlebt die Schmach denn ihre Pflicht enn sie im besten Propaganda der Regierung, die \ ermitteln muss, jenigen jüdischen den den- Pergeeignet, in der Hilsner-Affairc rmschwung herbeizuführen. Di sehen Kreise fehlten auch ganz be Sammlung. Fühlen siedenn gar des Blutmärchens, glauben sie sc hon \ ollends erfüllt zu haben, \ Falle einige tausend Kronen zur 11 ilsner Aktion hergeben? Was soll sich denn die Gnadenakt beim Kaiser doch keu, wenn sie sieht, da1--' die -önlichkeiten. an denen ihr aus politischen und finan ziellen Gründen liegt. .-'< h scheuen, ihren Namen für die* I'nschuld Hilsners auf die Wagschale zu Ic-cti? Diese Gedanken müssen sich bei der Betrachtung der heutigen Massenversammlung aufdrängen. Die lehrreiche Rede Dr KIbogens. die warmen Worte des Vorsitzenden, des »S4 jährigen Militär- Superintendenten Dr. Seherin >\ der an den siegreichen Kampf Voltaires für die I'nschuld des Justizopfers Calas erinnerte, haben wohl die ganze Versa m m? ung fortgerissen. Aber es bleibt immerinn noch fraglich, ob dieser rhetorische Erfolg auch für das Schicksal Hilsners eine neue Wendung hervorbringen wird. Allerdings meinte der alte Demokrat Dr. K ro n a w e 11 e r, dass es sich in dem Kampfe für Hilsner nicht um eine Judenschlacht gegen den Antisemitismus, sondern um einen Kampf für Recht und Gerechtigkeit handelt, an dem jeder, der den Namen ..Mensch" verdient, sich zu beteiligen habe. Allein, in einem Staate, der von zwei antisemitischen Ministem mitregiert wird, in einer Stadt, die von einer antisemitischen Majorität beherrscht wird, ist der Glaube an die Menschheit nicht allzuhoch anzuschlagen. Trotzdem hat die Massenversammlung für Hilsner, wie immer auch ihr Erfolg sein mag, einer-: grossen agitatorischen W ert. Sie ist ein eklatanter