Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. „Neue National-Zeitung" Seite lt. Feuilleton. J. K (Jerusalem): t^oimtit w Riedel3? Es war ein wunderschöner sonnenheller Purimtag. Der schöne blaue Himmel war von keinem Wölkchen bedeckt, als sollte unsere Freude an diesem Purimfeste von jeder Betrübnis verschont werden. Wir waren recht iustig an diesem Morgen, als wir die warme Sonne, einer holden und gnädigen Königin gleich, unter den Bergen Judas am Firmamente erscheinen sahen. Der Sieg, den wir beim Kampfe wider den Bösewicht Haman er - fochten haben, machte uns glücklich. Ja, wir haben gestern beim Vorlesen der 'Megilla wie geschickte Helden gekämpft, denn wir waren auch mit gutem Kampfmaterial versehen. Der eine hielt eine Keule, der andere einen Hammer, ein anderer schwang' eine kleine Axt mit Stolz in die Höhe, um den Haman, sobald er sich zeigen würde, mit einem Schlage zu zerschmettern. Ich als Anführer der Truppe habe mich mit Kartätschen versorgt und als ich nur das Annähern des Feindes bemerkte, d. h. als der Vorleser der Megilla den Kamen „Haman" auszusprechen im Begriffe war, 'wurde von mir das Signal abgegeben und der Kampf ging los. Die Hammer, Ke-ulen. Aexte und Stöcke schlugen im Durcheinander und der Feind musste die Flucht ergreifen. Immer wieder kehrte TIaman zurück, immer wieder mussten wir den Kampf mit ihm erneuern Und endlich war er doch gezwungen, das Schlachtfeld zu räumen. Ich betrachtete unseren Feind, den Haman, als einen Feigling, der nur Schlupfwinkel suchte, von wo er uns überfallen könnte. Da ich aber schon damals die Geschichte des Purimfestes gut kannte, wusste ich, dass der Haman uns durch Verleumdung unjd Intriguen zu verderben suchte. So habe ich meine Meinung in meinem kleinen Gehirne gefasst und darum verachtete ich diesen uns feindlich gegenüberstehenden Haman. Ja, es kam! mir vor, als ob ich einen Hund, der mich gebissen hat, zu schlagen habe, „denn der schlechte Mensch gleicht einem Tiere", sagte mir einst mein alter Rabbi. Er sagte mir nom vieles; manches habe ich vergessen und manches in meinem Gedächtnis behalten. Am „Taanith-Ester" (Fasttag vor Purim) vormittag sassen wir im Glieder am langen Tische und lauschten den verschiedenen Geschichten, die Uns der Rabbi aus dem „Targum Scheni"*) vorlas. Damals fragte ich meinen Rabbi: „Wem gleichen unsere Feinde?" Er antwortete schnell, als ob er meine Gedanken verstanden hätte und meine Meinung bestätigen wollte: „Sie gleichen den Tieren!" Ich beschäftigte mich daher nur mit dem Gedanken, wie man doch den Haman völlig besiege,, damit er nicht wieder zu kommen wage. Ich beschloßs daher mit meinen Kameraden, diesen Morgen den Haman recht gut durchzuprügeln, auf dass er nicht imstande sei, wieder zu kommen. Wir kämpften damals mit Aufbietung unserer ganzen Kräfte und nach einer Stunde des Kampfes war Haman endlich in die Flucht gejagt, er zeigte sich nicht mehr. Froh über die gewonnene Schlacht, eilte ich nach Hause und Hess mir alles, was meine Mutter reichte, gut schmecken. Doch mochte ich mir Gewissheit über meinen Sieg verschaffen end fragte meine Mutter, dio mit der „Suda"*) sehr beschäftigt war: ,,Kommt erwieder?" „Wer?" fragte meine Mutter verwundert. Doch ich antworte nicht, da es mir doch so klar war, dass wir gesiegt haben, dass er, der böse Haman, so zerkeilt und zerbleut gewiss nicht wieder kommen werde. Mir kam es ja vor, als ob ich ihn in zerfetzten Kleider gehüllt, kraftlos dahinschlendem mit meinen Augen gesehen hätte. Trotz dieser Gewissheit und diesen Vorstellungen wollte mich die in meinem Innern lauf -werdende Frage nicht in Ruhe lassen. „Wer weiss?" klang es in meinen Ohren und erweckte in mir den Zweifel an unseren Sieg, der den ganzen Tag an meinem Herzen nagte. Dieser Zweifel wurde in mir noch mehr genährt, als ich an demselben Tage auf der Jaffaer Strasse einer Maske, die den Haman vorstellte, begegnete. Als ich das Cheder wieder besuchte, war die erste Frage, die ich meinem Rabbi stellte: „Kommt der Haman wieder?"* und er antwortete gebeugt, niedergeschlagen und verzweiflungsvoll: „Wer weiss?".... Monate folgten, Jahre vergingen 'und jedes Jahr zeigte sich Haman wieder und jedesmal hatten wirf einen schweren Krampf auszutragen, bis wir ihn in die Flucht gejagt haben. Es kam mir vor, dass er immer in einer anderen Gestalt, doch immer mit den alten feindlichen Gesinnungen erscheine und meine Phantasie malte ihn &ls ein gewaltiges Ungeheuer, welches immer seine Farbe und Gestalt wechselt, als jenen fabelhaften siebenköpfigen Teufel, dem, wenn man ihm einen seiner Köpfe abhaut, viele neue Köpfe wieder nachwachsen. Ja, immer klommen neue Haman? zum Vorscheine, jedesmal mit einer anderen Maske, jedesmal in einer anderen Gestalt. Hier erscheint er als Antisemit, dort als Hooligan und in einem anderen Orte gar als Juderrfreurwi, ider ihre Emigration unmöglich macht. Und jetzt erinnere ich mich wieder an die schönen Erzählungen des „Targum Scheni", die Uns der Rabbi erzählte. Haman stammte aus Ama^ lek, iAmalek war der erste Feind Judas und er vererbte seinen Hass an seine Kinder und weitere Geschlechter. Haman wollte Juda verderben; deshalb* hat er einen Galgen vorbereitet. Wird dieser' Galgenj für alle noch auftauchenden Hamans genügen? . . . Wieder Purim, wieder Haman und wieder beschäftigt mich die Frage: „Kommt er wieder?" Und dumpf, traurig und verzweiflungsvoll klingt es; in meinen Ohren: „Wer weiss? . . ." *) Eine Sammlung von alten jüdischen Sagen. *) Purim-Mahlzeit.