Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. „Neue National-Zeitung" Nr. 11. Dr. MAX FLEISCHER: ßundeslied. (Gewidmet der akad. Verbindung von ihrem a. „Libanonia" H.) Noch birgt sich in Nebel \ind Wolke Der Morgen, der zauberisch naht. Doch wissen schon viele im Volke Vom kommenden Tage der Tat. Vom Libanon leuchten schon sieghaft Fanale Ins nächtliche Dunkel der ruhenden Tale. Des Meeres Lied erbraust wie ein Orkan: Auf Libanonia, allzeit voran! Des Heimatlands heilige Schollen Hat rot unser Herzblut gedüngt. Es ist in die Erde gequollen. Hat Palmen und Cedern verjüngt. Die Wipfel erbrausen in stürmischen Tagen, Als riefen die Helden verklungener Sagen, Sie weh'n und rauschen: Juda, brich dir Bahn! Auf Libanonia, allzeit voran! Wir lauschen dem Sturmlied. Wir tragen Die Fahne durch Wetter und Braus. Wir zücken die Klingen und schlagen Uns mutig im männlichen Strauss. Die funkelnden Klingen, sie klirren zusammen. Die kaitesten Herzen entbrennen und flammen. In Trotz und Treue dröhnt es himmelan : Auf Libanonia, allzeit voran! Wir schaffen an grossem Geschehen, Wir nehmen die Zukunft im Sturm. Wir bauen auf Libanonshöhen Den ragenden Libanonsturm, Ein wehrhaftes Bollwerk auf wolkigem Gipfel, Umbrandet vom stürmenden Cederngewipfel, 'Umjauchzt vom Trutzlied: Juda, brich dir Bahn! Auf Libanonia, allzeit voran! feitepatup. Dr. Julius Moses: Die Lösung der Judenfrage. (Eine Rundfrage.) Berlin-Leipzig 1907. Kurt Wigand. Man wählt heutzutage gerne den vereinfachten Weg. Die bedeutsamsten Fragen will man auf dem Wege einer Enquete /lösen. Man kann's noch hinnehmen, wenn der liebe Mitbürger vor die bedeutsame Frage gestellt wird: ..Soll man Damen auf der Strasse ansprechen?" . . . Unbegreiflich erscheint es aber, dass man die vitalste Frage eines Volkes auf diesem kurzweiligen; ■Wege lösen will. Solches Beginnen muss langweilig werden. Seit zwei Dezennien steht das Problem des jüdischen «Volkes zur Diskussion; viel, ungeheuer viel Papier, Tinte, Druckerschwärze und auch Begeisterung wurden verpulvert, aber zurückblickend und in der Gegenwart verweilend, ist man von dem bisherigen Ergebnisse unbefriedigt. Dr. Julius Moses in Berlin hat sich vor Jahresfrist an ,eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Politik gewendet. Die Angefragten sollten ihre Ansicht darüber äussern, worin nach ihrer eigensten Anschauung das Wesen der Judenfrage bestehe, ob sie meinen, dass dieses Problem für alle Länder ein gleiches sei, oder db ,es in verschiedenen Ländern eine verschiedene Lösung erheischt; ferner: worin besteht a) für Deutschland die Lösung der Juden- /rage, b) für Russland? Die ihm zugegangenen Antworten übergibt nun Dr. Moses in genanntem Buche der Oeffentlichkeit. Den Reigen eröffnet er selbst. Dem Buche muss natürlich schon wegen der Form seiner Zusammenstellung eine einheitliche Note fehlen. Man erfährt wieder, was man schon längst wusste: in jedem Kopfe malt sich die Judenfrage anders. Für den grösseren Teil ist es eine Frage, die sie nur mit einer Frage beantworten können. Und wo Gedanken fehlen, da stellen sich unglücklicherweise Worte, viel Worte ein. Starke, ehrliche Worte spricht Börries Frh. v. Münchhausen. Er begrüsst in der nationalen Idee, die befreiende /des Judentums, mahnt zum Stolze, zur Unbeugsamkeit und ruft uns zu: „Sei was du bist, das alte Israel!" Julius Stetten-, heim 'versucht die Lösung der Judenfrage in einem moralischen Sechszejler — es wird wider Willen ein Wippchen daraus. Hans Heinz Ewers meint, es müsse ein Mann kommen, der in einer Person ein Muhammed, ein Garibaldi und Bismarck wäre. ,,Lebte er heute: in einem Jahre würde sein Staat bestehen." Neben Ansichten, denen man volle Aufmerksamkeit zuwenden soll, finden sich beschämend flache Ausführungen, ungeheure Wortschwälle mit Fragezeichen gekrönt. Manchewieder von einem unfreiwilligen, köstlichen Humor erleuchtet. Was ein Herr Dr. Max Hirschfeld als Lösung betrachtet,. darf der Mitwelt nicht vorenthalten werden. Er schreibt (wörtlich!): ..Das wesenetlichste Uebel scheinen mir die jüdischen Namen zu sein, wie Cohn, Levy, Wolf usw. Würden sie sämtlich durch solche ersetzt, die keinen .Jüdischen" Klang haben,, so wrürde damit eine solche Verwirrung in die Reihen der Antisemiten getragen, ciass ihre Agitation fast unmöglich wäre . ." Das getraut sich jemand allen Ernstes niederzuschreiben! (Es wird sogar gedruckt!) Die Verwirrung, welche nach Ansicht des Herrn Dr. Hirschfeld in die Reihen der Antisemiten käme, existiert schon jetzt in seinem Kopfe. Und da ist allerdings eine Agitation „fast unmöglich." Interessante Bemerkungen finden sich von Hugo Salus, Eduard Bernstein, Rainer Maria Rilke, besonders fein gedacht sind die Worte Richard Huldschiners. Aber wie gesagt: man fragt sich nach dem Zweck des Buches? Unbefangen kann man dieser Lektüre nicht gegenübertieten, denn eine Tendenz liegt in der Frage. So wird man zum kritischen Beurteiler, und setzt dort einen Zweck voraus, wo man sich sonst der literarischen Mittel erfreute. Die schönste Enquete fruchtet nichts. Worte, Worte . . . Wo ist einer unter den Vielen dieses Buches, deil für die grosse Tat zu haben wäre? Der handeln würde, wie er träumt und fühlt? . . . Und diese Frage ist meine Antwort auf „Die Lösung der Judenfrage". Dennoch möchte ich wünschen, dass jeder, der sich für uns durch Abstammung oder Menschlichkeit interessiert, dieses Buch lesen möge. Es wird ihn nicht belehren, es weist keine neuen Wege. Aber das Gewirr, die Kunterbuntheit der Anschauungen wird ihn den momentanen Stand des jüdischen Problems erkennen lassen. Max Schacherl. ^ertschpiften-Rundschau. Das Märzheft der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" weist einen sehr reichen Inhalt auf. An Artikeln finden (wir: „Die Juden in Mähren" von Dr. Th. H aas, „Die Einwanderung von Juden in die Vereinigten Staaten im Jahre ,1906/7" von Dr. Arthur Ruppin, sowie „Die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Preussen im Jahre 1906" von Norbert W e 1 d 1 e r. Am aktuellsten ist wohl der Aufsatz über die jüdische Einwanderung nach Amerika. Da finden wir folgende höchst interessante Daten. Von den jüdischen Einwanderern kamen aus: im Jahre 19u«/07 im Jahre 1905/06 absolut in % absolut in % Russland .114.932 77,04 125.234 81,5 Oesterreich-Ungarn 18.885 12,66 14.884 9,7 Grossbritannien 7.032 4,71 6. 113 4,0 Rumänien 3.605 2,42 3.872 2,5 Deutschland 734 0,49 979 o,6 anderen Ländern 3.994 2>68 '2.666 1,7 Die Zahl der jüdischen Einwanderer aus Russland hat iniletzten Jahre trotz der grossen Pogroms abgenommen, aus Oesterreich hat sie aber zugenommen. Von der Gesamtzahl der jüdischen Einwanderer -waren 37.696 25,270,0 unter 14 Jahre alt ■°3779 69,560-0 14—45 ' „ 7.707 5,i7°,o über 45 ,, „ Dem Berufe nach waren Angehörige der freien Berufe (darunter Musiker, Schauspieler, Lehrer) ........ i-°45 gewerblich Vorgebildete.........55.552 Angehörige verschiedener Berufe ...... 23.673 Berufslose (einschliesslich Kinder).....68.912 Unter den gewerblich Vorgebilderen dominierten die Herrenschneider mit 21.779 Personen, ferner waren stark vertreten die Zimmerleute und Tischler . . . mit 4.915 Personen „ Schuhmacher......„ 2.606 „ ,, Damenschneider u. Schneiderinnen „ 4.790 „ „ Kommis und Buchhalter . „ 2.420 „ „ Maler und Glaser „ 2.287 „ „ Näherinnen ....... ,. 2.087 „ Zu den Angehörigen verschiedener Berufe stellten das. stärkste Kontingent die Dienstboten mit 8822 Personen, denen sieb. 7760 Taglöhner, 3534 Händler und Makler, sowie 2258: landwirtschaftliche Arbeiter anschliessen.