Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Str. Ü. „Neue Nationai-Zeitung'' $eite i sich, man drängt sich, man stösst sich — es geht doch. Der Golus-Jude ist eben hier unter seinen Brüdern. Die Passagiere waren alle miteinander bekannt. Sie kannten sich entweder von früher her oder schlössen miteinander ohne jede Zeremonie im Coupe- Bekanntschaft. Bald war auch einer in die Geheimnisse des anderen eingeweiht, als ob sie schon von Kindheit auf miteinander intim gewesen wären. Der; eine wusste bald von allen Leiden 'und Schmerzen und, Drangsalen des anderen. Einer hatte den anderen ausgefragt und ausgeforscht. Die meisten kamen von Wien. Sie waren Geschäftsreisende, Mandl er oder Krämer oder auch Kranke, die sich in Wien kurieren wollten, oder sie waren auch „so glatt" in Wien. Die „so glatt" Reisenden waren in Wien, ohne'einen bestimmten Zweck, sie waren dort höchstwahrscheinlich bemüht, sich irgend eine „Vertretung" oder einen Verdienst zu suchen. Sie haben eben geglaubt, dass sich vielleicht was machen werde. Es 'hat sich aber leider nichts gemacht. So hörte man denn im Coupe allerseits Klagen über schlechte Zeiten. Die Passagiere haben sich gegenseitig befragt, erzählt und. haben dabei viel geseufzt. Ich hörte da viele echt-jüdisch|e Seufzer. Der jüdische Seufzer hat einen ganz anderen Ton, einen merkwürdigen Ton, voll Bitternis, aber doch nicht voll Verzweiflung. Der Jude hört nie auf, zu hoffen, zu glauben und zu warten, dass es einmal noch, besser sein wird, dass derj^wige, gelobt sein Name, 'doch noch helfen werde. Der jüdische Seufzer erzählt daher weit mehr, als eine ganze Geschichte. Nein! In Wirklichkeit kann nur der Jude seufzen! Der Nichtjude kann, scheint mir, gar nicht "seufzen, und seufzt er dennoch, dann ist er bereits verzweifelt und verloren. Der Jude aber, wenn er seufzt, fühlt er sich bedeutend erleichtert. Diese Juden hier im Coupe haben mit sich auch verschiedene heilige Werke mitgeführt, die sie studierten. Diese W'ierke waren zum Teil aus der' talmudischen, andere waren aus der hebräischen Literatur. Kam dann die Zeit zum Beten, dann wurde gebetet und keiner st.örtc den anderen. Nach dem Gebet folgte dann da.- Frühstück. Es genügt für sie ein Stück trockenes Brot, das sie sich von pm Haus mitgenommen hatten, und wenn der eine keines hatte, so erhielt er es vom ^anderen. Was die Passagiere eben bei sich hatten, Brot, Butter, Häring, Käse, Schnaps, Zwiebel, das teilten sie untereinander und so wurden sie satt. Selbst diejenigen, welche etwas mehr fortgeschritten waren und sich am Gebet nicht beteiligt hatten, nahinen an dem gemeinsamen Frühstück teil. .Bei den grösseren Stationen kamen jüdische Krämer in die Waggons, die uns zu billigen Preisen Lebensmittel anboten. Sie fuhren immer eine lange Strecke mit,, worauf sie wieder von anderen Krämern abgelöst wurden. Auf jeder Strecke hat nur ein" bestimmter Kränler sein Vorrecht. Von diesem Verschleiss ernähren die Leute ihre ganze Familie. Ich knüpfte mit einem Passagier ein Gespräch an.-. Es war ein Jude mit einem _sehr charakteristischen Kopf, sein Gesicht hatte sehr scharf ausge- . prägte...Züge, sein Blick war ruhig und beruhigend. — „Wovon lebt ein Jude?", fragte ich. . , „Wovon? O, man lebt. Wenn der Allmächtige, gelobt sei sein Name, will, dass man leben . sojl, gibt er einem, das tägliche Brot und man stirbt nicht des Hungers. Einmal ist es besser, das andere Mal ärger. Aber das macht nichts! Wenn man nur lebt."; ,,Haben Sie ein Geichäft, was ist denn Ihr Beruf?' — „\Vras ist denn ein Geschäft? Was ist denn das ein Beruf? Wenn Sie wollen, habe ich viele Geschäfte und viele Berufe, und wenn Sie wollen, habe ich gar kein Geschäft und gar keinen Beruf. Man verdient ein bischen da und ein bischen dort, man ilifirmt etwas von hier und da, wenn es der Allmächtige gestattet, und man lebt. Sie werden vielleicht fragen, wie man lebt? Ja, sehen-Sie, das ist schon eine andere Frage: Gewiss, in Eurer Berliner Sprache versteht man unter „leben" ganz etwas anderes, als in Gahzien auf jüdisch."- Auch die Politik bot allen Insassen des Waggons genug Stoff zur Diskussion. 'Diese Diskussion war ganz anderer Natur ah> jene, deren Zeuge ich unlängst in Russland gewesen bin. Dort lebhaft', hitzig, gespickt mit Phrasen aus den modernen staatswissenschaftlichen und sozialistischen Handbüchern, mit phantastischen Bestrebungen nach einer Republik, nach Autonomie und Frauenwahlrecht. Anders in Galizien. Hier im Coupe hörte ich ganz andere politische Gespräche. Sie waren viel mehr von Realpolitik durchdrungen und von einer viel reif,* reu politischen Auffassung geleitet. Unter den Mitreisenden wurden zahlreiche Beschwerden darübel laut, dass die Judenj seit den letzten Reichsratswahlen von den Behörden auf Schritt und Tritt schikaniert werden. Trotzdem schienen mir die Leute politisch unbeugsam und entschlossen, der Sehlachzizen Politik Trotz zu bieten. - Sie machten sich alle lustig über die lächerliche Figur der Moschkos und ihre hündische Unterwürfigkeit. Ich -hatte den Eindruck, dass die galizische Judenschaft in den letzten Jahren an politischer Reife viel gewonnen hahe. - So kam ich in Lemberg ah. Dr. MOSES AHRONSOHN: alte Idealismus. '«Aas einer mährischem Gemeinde.) Ueber eine Tat wahren Idealismus, dij auf keinen Dank rechnet und keine Anerkennung, sondern, wie es das Geschick wirklich idealer Taten ist, eher Schmähungen sich musste gefallen lassen, will ich hier berichten. Die Tat -selbst ereignete sich 'in- Huer m äh ri sehen Killali: Ehemals, das heissrnoch et-w4*-\*#r 50 Jahren wardiese KilianJ eine angesehene;;intolge des Wohlstandes -zahlreicher-ihrer -Mitgiredef. Es blühte in ihr-nicht nur das Studium d^r T Jiorä, sondern auch Dank ihren vortrefflichen Lehranstalten, eine-gewisse allgemeine Bildung, die -mit^'einem vornehmen Weesen gepaart--war;--Gar manelieY-jrvort reff liehe Mann und manche wackere Fraugingen aus ihr^hervor. Jetzt' sind sie alle draussen - ver einigt ätrf;dein ^gtrten Orte",-wo Freund und-Fcitfd neben einander ruhen.. Die. Namen auf ihren-Grab steinen efzäWfeH-uns eine Geschichte" v-on stiiler Zufriedenhei'r^-WaWhaftig-jüdischem- Sarai/ dem nichts mensdiKchfe^^reniä war, Van schier ausges:orbenor Ü^eig'eiiiiUfei|^eir'lnriä rührender Biederkeit und Ah- ^rjÄÄlj|ä^ei:' - ... ü'.: ------