Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425734--0685-2426987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. „Neue 'Natioiial-Zeifuhg" Nr. 11. lieh andere schon Bücher über dieses Thema geschrieben haben. Aber eine andere Bemerkung muss ausgesprochen werden. Herr Vergani spricht mit höhnischer Geringschätzung von dem alten Testament, .er überschüttet mit den heftigsten Schmähungen auch die ehrwürdigsten. Gestalten, die in der Schrift vorgeführt werden, und er macht auch vor jenen nichi halt, die die katholische Kirche als Heilige Verehrt. Man mag das theologische Wissen der christlichsozialen Parteiführer noch so gering taxieren, aber man wird ihnen doch nicht die Unkenntnis der Tatsache zumuten dürfen, dass das neue Testament auf dem alten Testament . basiert Und dass Christentum und Kirche mit der Ehrfurcht vor dem alten Testament stehen und fallen. Sollten Herr Vergani und seine Parteigenossen wirklich nie einen Blick in das Evangelium geworfen haben, sollten sie nie davon gehört haben, dass im Evangelium z. B. folgende Stelle zu lesen ist?: „Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage Euch, wahrlich bis dass der Himmel und die Erde zergehen, wird nicht der kleinste Buchstabe vergehen, noch ein Titel am Gesetz, bis dass es alles geschehe. Wer nur eins dieser kleinsten Gebote auflöst und also die Leute lehrt, wird der Kleinste im Himmelreich heissen, aber wer es tut und lehrt, der wird gross sein im Himmelreich." Nein, Ihr Herren Christlichsozialen, so bequem dürft Ihr Euch die Judenhctze denn doch nicht machen! Keine Vogelstrauss-Politik rettet Euch vor dieser Erkenntnis, dass jedes gehässige Wort, welches Ihr gegen das alte Testament schleudert, ein frevelhaftes Attentat gegen Euer Christentum ist, dass jedes Schimpfwort, welches gegen die Stammväter des jüdischen Volkes gerichtet ist, die Grundsäulen der Kirche erschüttert und dass jede Verdächtigung" der „jüdischen" Moral eine Verurteilung der „christlichen" Moral ist, die identisch mit der Moral des Judentums ist. Der schmutzige Kampf, den die christlichsozialen Führer in Oesterreich seit Jahr lind Tag gegen das alte Testament führen, um den Hass gegen die Bekenner des Judentums zu schüren, müsste in Wahrheit jeden wahrhaften Christen zur schärfsten Abwehr reizen. Die Pfarrer und Kapläne, die im Heerlager Luegers marschieren, müssten, wenn sie die Liebe zu ihrer Religion! und nicht der Hass gegen Andersgläubige beseelte, ihre züchtigenden Brandreden eigentlich gegen — Vergani und Konsorten halten. Gerade dieser Tage ist der Text der grossen Exkommunikation erschienen, welche vom Papste über einen französischen Priester wegen seiner wissenschaftlichen Werke verhängt wurde. In diesem Schriftstück heisst es von dem französischen Priester u. a. „dass er lehrt, was die wichtigsten Grunjdlehren der Kirche verkehrt . . . dass er daher zu meiden sei und ebenso von allen gemieden werden müsse". Die Hetzpriester verschiedenen Ranges, die inj Oesterreich seit Jahr und Tag Lehren verkünden, die einen Hohn und Spott auf die Lehren des Evangeliums bilden, hätten, wenn sie sich nicht eines ebenso mächtigen als unfassbaren Schutzes in jenen Kreisen, erfreuten, die Religion und! Politik so häufig mit einander Verwechseln, längst der grossen Exkommunikation verfallen müssen. Herr Vergani, der sich zwar mit Recht als Repräsentant der Christlichsozialen gerieren darf, wäre gegen dieses Schicksal gefeit gewesen, denn er ist kein Priester. Aber man hätte, wenn man den christlichen Glauben und nicht den unchristlichen Hass stärken wollte, ihm und seinen Genossen wohl das Handwerkf gelegt und Mittel, und W^ege gefunden, um sie Vor der Bevölkerung äls die tückischesten und gefährlichsten Feinde der christlichen Lehre zu brandmarken. An demselben Tage, an welchem das „Deutsche1 Volksblatt" den von Sch-nähimgen und Verhöhnungen des alten Testamentes strotzenden Vortrag seines Eigentümers reproduzierte, erschien in diesem Antisemiten-Moniteür ein Wahlaufruf, welcher die „christlichen" Wähler zur Agitation für die christlichsoziale Partei haranguierte. _ . " ■ Dieser Wahlaufruf trägt auch die Unterschriften des Prinzen Alois Liechtenstein und des aktiven Ministers D i\. G e s s.,m.a n n, zweier Männer, die bei jeder Gelegenheit sich ihrer strengen, christkathohschen Gläubigkeit rühmen- Wären sie in Wirklichkeit, was sie-mit pathetischen Worten verkünden, treue, überzeugte Söhne ihrer Kirche, dann müssten sie durch das Geschimpfe Verganis gegen das alte Testament mit Abscheu und Entrüstung erfüllt, jede Gemeinschaft mit einem Blatte perhorreszieren, welches die wichtigsten Grund - lehren der Kirche verkehrt und sie müssten das' „Deutsche Volksblatt" meiden, wie die Pest. Aber Herr Vergani mag ruhig sein. Prinz Liechtenstein und Minister Gessmann verstehen es, ihre religiösen Gefühle zum Schweigen zu bringen, um vorteilhafte politische Geschäfte zu machen. Und so werden unter der Plagge „christlich-sozial" weiter Ideen und Tendenzen propagiert werden, die antichristlich und, antisozial sind. Es wird das Evangelium, welches die Apostel verkündeten, weiter missbraucht werden, um die Stammesgenossen dieser Apostel zu beschmutzen. Herr Vergani hat in seinem Vortrage auch einmal den grossen Historiker Mommsen zitiert, um zu beweisen, dass die Juden im alten Rom| vorwiegend dem Handel lebten. Die Juden mögen aber noch so versiert im geschäftlichen Leben sein, die Antisemiten sind ihnen darin „über". Denn sie schachern auch mit religiösen Gefühlen und Ueberzeugungen, die den Juden heilig sind, als wären es alte Hosen. Niemals hat ein Jude angeblich zur'Ehre des alten Testamentes die Lehren der Bibel verhöhnt. Die Christlichsozialen aber behaupten, das Evangelium zu vertreten, wenn sie — wie dies auch Herr Vergani in seinem Vortrage tat — die Lehren des Christentums mit Füssen treten. G. E. RÜBEN BRAININ (Berlin). Reisecindrücl<e aus dializici). u. Hier im Coupe dritter Klasse erhielt ich sofort einen Vorgeschmack des Landes Gaiizien selbst. Der Waggon war überfüllt mit Juden und Jüdinnen, mit jung und alt. Merkwürdigerweise war es aber niemandem zu enge. Es kam noch einer, noch eine, noch viele in den Waggon, der für die 'Strecke Oderberg—Lemberg bestimmt war. Noch ein Koffer, noch eine Handtasche, noch ein Gepäck verengten im Coupe den Raum. Es schien mir, als ob sich alle Reisenden in diesem eingeengten Raum wohlfühlen würden, als ob es geradezu zu den Eigenschaften der Juden im Ghetto, gehören würde, dass sie sich in engen Räumen aufhalten. Man schiebt